ELBJAZZ 2018

André Nendza

Ich versuche jedes Jahr, mir im Sommer etwas Zeit freizuschaufeln, um mal ein bis zwei Wochen nix mit Musik zu tun zu haben. Mir wurde gesagt, das soll den Geist anregen und man fühle sich hinterher irgendwie wieder wie neu. Und nachdem ich die Idee von Urlaub regelrecht lernen musste, kann ich zugeben, dass da eventuell ein Fünkchen Wahrheit drin steckt und dass man sich unter Umständen doch latent erholt fühlt. Der eingeschränkte Superlativ verdeutlicht allerdings, dass es wohl immer noch innere Widerstände bei mir gibt.

Zumal wir dieses Jahr unsere Reise direkt mit einem Non-Stop-Flug nach „Terrassien“ gebucht haben. Auf gut Deutsch: Unser Garten in Eiserfey ist ja auch ganz schön. Nur leider locken hier die Versuchungen vehementer als am abgeschiedenen Strand von Trinidad de Cuba. Denn dort rufen keine Kollegen an und müssen dringend über die anstehende Welttournee durch Nordrhein-Westfalen sprechen. Und dann befindet sich mein Musikraum auch noch, recht zentral gelegen, innerhalb unseres Hauses, und ich bin – durchaus etwas zwanghaft – geneigt, „nur mal kurz“ nach dem Rechten zu sehen. Wir haben ja nun mal keinen Hausmeister. So werden beim Abstauben des Klaviers versehentlich doch ein paar Töne gedrückt. Und es ist wahrscheinlich gar nicht so gut, wenn man den Bass in der Hülle lässt! Irgendwie bin ich dann auch noch, rein zufällig, an den On-Knopf des Computers gekommen.

Meine Frau, welche in meinen Blogs ungerechterweise zunehmend die Rolle von Hanns-Dieter Hüschs Angetrauter in den Frieda-Texten zugewiesen bekommt, sagt dann meistens recht streng etwas von „abschalten“ und „entspannen“ und ähnliche musikerfeindliche Begriffe.

Jetzt ist es ja so, dass viele Leute in den Ferien endlich mal wieder „ein gutes Buch“ lesen möchten. Auch das bringt mir in Sachen „Feriengestaltung“ nichts, denn ich lese eigentlich das ganze Jahr immer irgendwas. Romane, Biografien, seit neustem die Zeitschrift „Eltern“ und natürlich Jazz thing. Aber ich nutze eine perfide Strategie, die damit beginnt, dass ich mir – meist in einer Nacht- und Nebelaktion – diverse Musikerbiografien ordere. So kann ich dann entspannt im Liegestuhl sitzen, den Schein wahren und habe doch feinste Spuren von musikalischen Stoffen in mein Leben geschmuggelt.

Und so dachte ich mir plötzlich, zwischen zwei sommerlichen Kaltgetränken, dass diese Bücher ja als Lesetipps für einen Blogtext herhalten könnten. Damit das Ganze doch nicht ganz umsonst war. Außerdem wollte ich schon immer mal der Lese-Onkel sein. Vorbild ist hier übrigens weder Altmeister Reich-Ranicki noch Elke Heidenreich. Denn ich bevorzuge vehement den wunderbaren Dennis Scheck mit seiner pointierten Sendung „Druckfrisch“, welche die ARD seit Jahren im Nachtprogramm versteckt. Dieser hat in seinem Magazin immer eine bissige Rubrik, in der er „aus den unermesslichen Lagerhallen des Zwischenbuchhändlers Koch, Neff und Volkmar in der heiligen Stadt Köln die aktuelle Spiegelbestsellerliste …“ durcharbeitet. Da rollt manches Buch direkt übers Rollband in den Mülleimer, und besonders schlimme Werke werden auch mal in hohem Bogen weggeworfen. Anderes wird dann aber auch mit großer Liebe zur Literatur in prägnanten Worten gelobt. Nichts für Anhänger der „political correctness“ und wahrscheinlich gerade deshalb sehr amüsant.

Ich selber bin allerdings, entgegen mancher Reaktion auf einige meine Blogtexte, im Kern fast schon harmoniesüchtig und, ständig um Ausgleich bemüht, ghandiesk. In diesem Sinne meine persönliche Einkaufsliste des Sommers 2008:

1) Lee Konitz: Conversations on the Improviser’s Art
von Andy Hamilton
Mit der Lektüre dieses Buchs hatte ich bereits im Frühjahr begonnen und bin nach wie vor begeistert. In Interview-Form erfährt man vieles über Leben und Haltungen des Saxofonisten. Konitz nimmt in Bezug auf sich selbst und seine Kollegen kein Blatt vor den Mund und zeigt doch immer viel Sinn für trockenen Humor.

2) Jazz Visions: Lennie Tristano and His Legacy
von Peter Ind
Wer Konitz sagt, muss auch Tristano sagen. Und so stieß ich auf die Biografie von dessen langjährigem Bassisten Peter Ind. Er berichtet als Augen- und Ohrenzeuge über seine Zeit als Mitglied der Schule des Pianisten. So erfährt man auch vieles über Ind selbst. Das Ganze ist trotz (oder gerade wegen) der etwas distanzlosen und anekdotenhaften Schreibweise höchst unterhaltsam. Ein Beispiel: Der blinde Tristano steht an einer Ampel und wird von einem Mann untergehakt und sicher über die Strasse geführt. Erst hinterher stellt sich heraus, dass die hilfsbereite Person selber blind war und seinerseits nach sicherem Geleit suchte. Eine sofort drehbare Episode für jeden Mel-Brooks-Film.

3) Notes and Tones: Musician-To-Musician
von Arthur Taylor
Dieser Klassiker aus den frühen 70er-Jahren stand schon lange auf der „Must-have-list“. Der Schlagzeuger Arthur Taylor befragt viele der wesentlichen Musiker des afro-amerikanischen Jazz, darunter Kollegen von Miles bis Betty Carter. Und die reden, im Angesicht eines der Ihren, zumeist befreiter als in „förmlichen“ Interviews. Das Ganze ist natürlich wesentlich von der Frage der Stellung schwarzer Musiker in der amerikanischen Gesellschaft geprägt und atmet schwersten Black-Power-Zeitgeist. Nur Monk bleibt Monk und zeigt sich auch hier unnachahmlich „uninterviewbar“.

4) Little Giant: The Story of Johnny Griffin
von Mike Hennessey
Unmittelbar vor Griffins Tod im Sommer 2008 erschien diese Biografie. Leider hatte ich hier nicht so große Freude beim Lesen. Dabei finde ich Musiker, welche im Wesentlichen einer bestimmten Idiomatik des Jazz treu bleiben, durchaus spannend. Und Griffins Lebensgeschichte ist auch sonst voller interessanter Facetten. Doch irgendwie bleibt für mich das Buch in endlosen Besetzungsauflistungen stecken und will nicht so richtig in die Tiefe vordringen. Allerdings gehöre ich zu den Menschen, die Büchern meist eine zweite Chance geben. Damit habe ich beste Erfahrungen gemacht und manch „verspätetes“ Lieblingsbuch doch noch freigeschaufelt.

5) Gil Evans: Out of the Cool: His Life and Music
von Stephanie Stein Crease
Norbert Rücker, ein guter Mann mit bestens funktionierendem Versandhandel in Sachen Jazz-Literatur, hat dieses lesenswerte Werk doch noch aufgetrieben. (Rücker hat in seinen AGBs übrigens mit dem grandiosen Satz „Für notorische Nichtzahler nur gegen Vorkasse“ eine wahre Stilblüte entwickelt.) Meine erste musikalische Begegnung mit dem Arrangeur hatte ich übrigens bei dem Stück „Little Wing“ auf der CD „Nothing Like The Sun“ von Polizeioberwachtmeister Gordon Sumner. Allerdings sind da irgendwie die Bläser abhanden gekommen. Seine Alben mit Miles wiederum sind natürlich Pflichtprogramm. Aber speziell über Gil Evans‘ Anfänge und sein Wirken im Jazz der 30er-Jahre (und die damit verbundene Unterscheidung von Sweet-Bands und Swing-Bands) wusste ich wenig. Und so erweitert sich auch hier, mittels Bettlektüre im funzligem Licht einer Leselampe, mein Horizont unaufhaltsam.

6) A Power Stronger Than Itself: The AACM and American Experimental Music
von George E. Lewis
Dieses Buch wurde mir von Stephan Meinberg, seines Zeichens Trompeter meines Vertrauens, empfohlen und entpuppte sich als wirkliche Fleißaufgabe. Es ist durchaus umfangreich und streckenweise in wissenschaftlich philosophischer Idiomatik geschrieben und bringt mein Englisch-Leistungskurs- und „down-beat“-geschultes Vokabular dann leider doch an Grenzen. Also etwas für den „dedicated reader“ und nichts für zwischendurch. Und so werde ich wohl noch an kalten Winterabenden mit diesem Buch beschäftigt sein. Denn inhaltlich ist es hochgradig interessant und erkenntnisreich. Zumal mit Muhal Richard Abrams und Henry Threadgill zwei wesentliche Protagonisten des AACM zu meinen Favoriten gehören. Und das wiederum auf Empfehlung von Thomas Heberer. Immer diese Trompeter.

7) Basis-Diskothek Jazz
von Ralf Dombrowski
Als Nachtrag ein Reclamheftchen. Zum einen bestens geeignet, in der Schule erworbene Angstzustände vor kleinen, gelben Büchern mit Titeln wie „Nathan, der Weise“ zu überwinden. Zum anderen der Versuch, eine Art Kanon der wichtigen Jazz-Aufnahmen zu erstellen. Wie immer kann man sich über Details streiten, denn jede Auswahl hat aus subjektiver Sicht ihre Mängel. Insgesamt aber kompetent gemacht und sehr schön zu lesen. Allerdings ist die Freude über den geringen Anschaffungspreis trügerisch, denn mit dem Erwerb des Heftchens ist unvermeidlich eine zeitnahe Bestellung diverser Jazz-CDs verbunden. Zumindest wenn einem das Sammler-Gen zu eigen ist.

Mit all diesen Büchern geht dieser seltsame Sommer auch schon wieder seinem Ende entgegen. Der Rasen wird zum letzten Mal gemäht, der wenig benötigte Sonnenschirm eingepackt, es nähert sich der November und ich werde, als wirklicher 68er, zielsicher 40 Jahre alt. Doch das ist ein Thema für einen anderen Blog …

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4 Kommentare zu „Sommerzeit – Lesezeit“

  1. Wie immer inspirierende Worte, in schöner Form verpackt und gut verdaulich.
    Sehr harmoniös auch das ganze, jawohl.
    Lediglich Notes and Tones kannte ich schon, aber da wird wohl demnächst mal ein Konitz untersucht werden.

  2. Danke für deine Tipps! Das Recalmheftchen hab ich mir gerade bei Amazon bestellt!

  3. Bin gerade noch auf etwas anderes gestoßen:

    Wahrscheinlich literarisch eher weniger anspruchvoll aber für meine Seele goldwert! Und wer mal dort war weiß wovon ich spreche:
    Es erscheint ein Buch über meinen ehemaligen Lieblingsclub aus Düsseldorf „UNIQUE“!!! Der Titel ist „Unqiue Records – High Quality Recordings Since 1988″.

  4. klasse Buch Tipps
    Du solltest zum „Dennis Scheck“ des Jazz werden. ;)
    Die Bücher von Arthur Taylor und George E. Lewis werde ich mir wohl bestellen müssen.
    Ich habe George E. Lewis mal in Paris beim IRCAM kennengelernt. Eine beeindruckende Persönlichkeit.

    In diesem Sinne freue ich mich schon auf die nächsten Buchempfehlungen.

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