Lili Lameng

Ab und zu denke ich darüber nach, was ich in meinem Leben ändern könnte. Nichts Großes, mir gefällt es in meiner Stadt, ich kenne viele Leute, es läuft so ganz gut. Doch manchmal stelle ich mir vor, ich wäre eine Andere. Auch gerne Saxofonistin, doch anders. Wilder und freier vielleicht. Ich würde dann anders klingen, abenteuerlicher.

Gerade letzte Woche erzählte mir eine Freundin, sie habe als Jugendliche aus mir als Nichtsportlerin schwer nachvollziehbaren Gründen eine Spielzeit lang Basketball unter einer anderen Spielerkarte gespielt, unter einem anderen Namen also. Vorher war sie eine durchschnittliche, fast schon schwache Spielerin gewesen. Mit dem neuen Namen änderte sich das. Sie war erfolgreich. Sie stieg mit ihrer Mannschaft auf. Sie war eine richtig gute Basketballspielerin. Dann musste sie die Karte wieder abgeben und spielte danach wieder unter ihrem eigentlichen Namen. Und spielte genau wie vorher. An den Erfolg der Saison unter fremdem Namen konnte sie nicht wieder anknüpfen.

Von dem Namen ging also eine Kraft aus. Oder er erweiterte einfach die Möglichkeiten.

Vielleicht sollte ich mir auch einen anderen Namen zulegen. Wenn ich anders heiße, bin ich auch eine Andere.

Wie ist das in der Musikwelt?

Eunice Waymon nannte sich Nina – so wurde sie von einem Freund genannt – Simone. Simone nach der Schauspielerin Simone Signoret. Wie hat sich Eunice als Nina gefühlt, was war anders? Sang sie als Eunice genau so wie als Nina Simone?

Leonard Albert Kravitz war zu Beginn seiner Karriere Romeo Blue, um dann als Lenny Kravitz bekannt zu werden. Er hat sich seines Künstlernamens also wieder entledigt.

Art Blakey änderte seinen Namen in Abdullah Ibn Buhaina, um seine religiöse Überzeugung kundzutun, ebenso Saxofonist Ed Gregory, der als Muslim Sahib Shihab hieß. Das ist für mich keine Option.

Norah Jones lässt einfach nur zwei ihrer Namen ungenannt. Geetali Norah Jones Shankar wäre auch weniger eingängig. Mein Name ist schon kurz.

Ich stelle mir vor, mit meinem neuen Namen zu überraschen, weniger durch den Namen selbst als durch das, was er mir ermöglicht. So wie Jürgen Klinsmann, der seine Karriere als Fußballer nach der WM 1998 in Frankreich beendete und dann 2003 unter dem Pseudonym Jay Goppingen mit 39 Jahren unbemerkt sein Comeback für die Orange County Blue Stars antrat. Und jetzt kommt das Bemerkenswerte: In acht Spielen erzielte Klinsmann fünf Treffer und brachte seinem Team so den Aufstieg. Das würde mir auch gefallen: So tun, als wäre ich nicht mehr da und dann als eine Andere wiederkommen.

Bei Schriftstellern ist das einfacher, die werden nicht gesehen, man liest sie. Was für einen Spaß es Tucholsky gemacht haben muss, sich in verschiedenen Ressorts der Weltbühne als jeweils jemand anderes einen Namen zu machen: Ignaz Wrobel schrieb im Ressort Aktuelles, Peter Panther für das Feuilleton, Theobald Tiger war Spezialist für Chansons und Kaspar Hauser war der Romantiker. – Als Musikerin müsste ich analog für jede Stilistik einen anderen Namen haben, schwer vorstellbar.

Ich könnte darauf warten, dass mir jemand einen Künstlernamen gibt. So wie es bei Louis Armstrong war, der in jüngeren Jahren wegen seines breiten Mundes „Satchelmouth“ genannt wurde. Das war Percy Brooks, einem britischen Reporter des Melody Maker Magazine, bekannt. 1932 begrüßte Brooks Louis Armstrong, der in Großbritannien gastierte, mit der Kurzform von „Satchelmouth“: „Hello, Satchmo!“. – Warten gefällt mir nicht.

Oder ich nähme eine mir wichtige Eigenschaft und schriebe sie mir mit einem Namen auf die Fahne, so wie Dana Elaine Owens mit ihrem Namen Queen Latifah: „Mit Sanftheit“ bedeutet Latifah in Afrika. Was ist eine mir wichtige Eigenschaft? Da müsste ich mich festlegen, vielleicht ein Selbstfindungsseminar besuchen. Nicht so attraktiv…

Gut wäre es, den Namen ab und zu wechseln zu können, was hierzulande irritiert.

Bei Indianern ist das anders. Wenn die Stammesbrüder und -schwestern wahrnehmen, dass sich ein Stammesmitglied auf einer neuen Entwicklungsstufe befindet, bekommt es einen neuen Namen. Das ist es! Bei den Commanchen könnte ich jetzt eine „Prärieblume“ sein! Nennt mich Topsannah!

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