ELBJAZZ 2018

Kristiina Tuomi

Dies ist mein erster Blog. Ich finde das sehr aufregend und stürze mich wagemutig und zugegebenermaßen auf den letzten Drücker hinein. Gefühlte tausend Themen haben mich in den letzten Wochen gestreift. Ganz aktuell frage ich mich gerade: Was zeichnet eigentlich einen guten Musiker aus? Mal ganz unabhängig vom Genre. Meine Theorie ist, dass sich erfolgreiche Musiker auf der Bühne etwas trauen, was sich „normale“ Menschen nicht trauen. Ich meine nicht die Rampensäue, die man in jeder Muggenband* treffen kann; alle Posing-, Gniedel- und Pentatonik-Klischees abfeuernd, sich das Hemd vom schwitzenden Körper reißend und ins Publikum springend. Ich rede vielmehr vom Mut, sich seelisch „nackig“ zu machen und seine Liebe dem Publikum zu unterbreiten. Ja, Liebe. Die Liebe, die sich zusammenbraut, wenn man in der Musik völlig aufgeht und die dann raus muss. Mal mit mehr, mal mit weniger Sex-Anteil. Das ist mein eigentlicher Grund, auf die Bühne zu gehen.

Mancher mag es anders nennen. Mein Kumpel und Gitarrenheld Arne Jansen erzählte mal von einer jungen Band, die er sich vor einiger Zeit angesehen hatte: „Die haben eigentlich alles richtig gemacht. Die Show hat gestimmt und sie haben gut gespielt, aber es fehlte einfach die Dringlichkeit. Ich hab mich ganz schön gelangweilt“, oder so ähnlich. Verzeih mir Arne, falls ich Dich nicht wortwörtlich zitieren kann, aber es ist schon ein Weilchen her. Das fand ich jedenfalls sehr treffend.

Oder man nennt es Authentizität. Immer gesucht und gewollt von allen, Künstlern wie Publikum. Echtheit. Oft ist es ein langer Weg, bis man sich wirklich traut, authentisch zu sein. Wenn das nicht zu spüren ist, helfen auch Schnelligkeit, Tightness und Rampensauerei nicht. Auch keine gefühlig verzerrten Gesichter, schlauen Texte, Stimmumfang, komplexe Harmonien, etc. Dann rauscht es einfach an einem vorbei und ein Konzert kann geradezu anstrengend sein, weil die Zeit nicht vergehen will. Es gibt natürlich Abstufungen. Authentizität, oder Echtheit wächst oft erst mit den Jahren durch den Fokus aufs Wesentliche. Deshalb habe ich auch nie den Hype um Newcomer und Wunderkinder verstanden. Das ähnelt dann oft eher einer Zirkusnummer oder Frischfleischbeschau und führt in letzter Zeit leider auch dazu, dass sich ausgewachsene Frauen immer mehr wie kleine Lolitas geben, was ich sehr frag- und unwürdig finde. Ich fand nicht mal als Kind Musik von zu jungen Leuten gut. Abgesehen von einer pubertätshormonell vernebelten NKOTB-Phase mit elf, auf die ich jetzt schon aus Imagegründen nicht näher eingehen werde.

Ein relativ neuer Hype oder Mode, der mir auf Deutsch gesagt tierisch auf die Nerven geht, ist eine neue Generation von so genannten „Nerds“. Junge „Künstler“, die sich besonders exzentrisch geben. Sich mit wirrem Haar, schnodderigem Ton und irrem Blick um ihre Instrumente und Mikrofone winden, und dabei unheimlich spießig sind, weil sie einen lustigerweise auch meist mit den konventionellsten Grooves und Harmonien langweilen. Mit Echtheit, oder Liebe hat das jedenfalls nichts zu tun. Um es mit Cannonball Adderley zu sagen: „Hipness is not a state of mind, it’s a fact of life.“ Oder besser noch, Goethe: „Wenn Ihr’s nicht fühlt, Ihr werdet’s nicht erjagen.“

Ich geh‘ jetzt mal Liebe machen…

*Mugge: Musikalische Geldgelegenheit

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