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André Nendza

Viele der unzähligen an mich gerichteten Fanbriefe beginnen mit der Frage:
„Lieber Professor, Doktor, Doktor zu Nendza, wie ist denn das Leben als Untergrund-Jazz-Star so?“
Am Beispiel des tontechnischen Vorgangs des Mischens meiner neuen CD „Rooms Restored“ mit meinem Quintett möchte ich deshalb der geneigten Leserschar Einblick in das glamouröse Leben eines Jazzmusikers geben.

Ort der Handlung ist das wunderbare Tonstudio Ton-Art in Kerpen-Horrem, und der Ton-Ingenieur hört auf den Namen Christian Heck. Die Aufnahmen zu dieser CD fanden bereits im Februar im Kölner Loft statt. Dieser Ort ist nicht nur – Hans Martin Müller sei Dank – einer der Spielorte für ambitioniertere Musik in Köln, sondern verwandelt sich durch einige routinierte Handgriffe auch gerne in ein erstklassiges Studio mit einem grandiosen Steinway-Flügel. Im Übrigen wurde die Aufnahmesession filmtechnisch dokumentiert und wird in einem „Making-of“ zur Veröffentlichung der CD im Herbst auf den entsprechenden Online-Kanälen zu sehen sein. Das Studio in Kerpen ist erwartungsgemäß optisch geprägt durch ein riesengroßes Mischpult. Allerdings hat mir Christian Heck im Vertrauen erzählt, dass er dieses Gerät nur noch zweimal im Jahr aus nostalgischen Gründen benutzt und ansonsten mittlerweile alles weitestgehend Software-basiert mischt. Aber viele Leute würden ja nicht glauben, dass das Ganze ein Tonstudio sei, wenn eben kein Pult in raumschiffartiger Größe zu sehen sei. Ich persönlich finde es auch sehr angenehm, denn es dient als hervorragende Ablagefläche für Noten, Laptop und den immer schwerer werdenden Kopf.

ERSTER TAG
13.01 Uhr: Bin zu spät. Eine ganze Minute. Ich hasse das. Denn ich glaube fest daran, das gutes „Timing“ in der Musik mit Pünktlichkeit im richtigen Leben beginnt. Die Übergänge von „Laid back“ zu „Leider daneben“ sind da fließend. Zur Strafe muss ich mit Christian Hecks Nachbar darüber diskutieren, ob ich seine Einfahrt zugeparkt habe. Meiner Meinung nach könnte man da mit einem Panzer raus fahren, aber nun gut. Gott sei Dank scheint die Sonne und das Studio hat Tageslicht.

13.13 Uhr: Erst mal Kaffee. Genauer: Milchkaffee aus der neuen Kaffeemaschine. Weise Kaufentscheidung des Studiobetreibers. Was interessieren mich neuste Plug-ins zur Verbesserung der Soundqualität, wenn der Koffeinhaushalt nicht bestens und permanent versorgt wird.

13.39 Uhr: Das Tonstudio Kujau läuft unter der Leitung von Toningenieur „zu Guttenberg“ auf Hochtouren. Wir sind mitten drin im Editierwahnsinn und bewegen Töne von links nach rechts und umgekehrt. Das hat mit einem Hang zu Perfektionismus und den immer weiter steigenden Hörerwartungen in dieser Hinsicht zu tun.
In diesem Zusammenhang ist es, zur Vermeidung eventueller Missverständnisse, vielleicht sinnvoll zu erwähnen, das wir hier über die Bearbeitung kleinster Details reden. 96,25 Prozent der CD sind, wie in der „guten, alten Zeit“, völlig in Echtzeit unbearbeitet aufgenommen.

13.54 Uhr: Eine wichtige Entscheidung steht an: Sind die ersten zwei Takte von Take 2 besser als in Take 4? Ich glaube: JA!
13.55 Uhr: Ich glaube: NEIN!
13.56 Uhr: Bin unsicher und zweifle am Gelingen der gesamten Produktion.
13.57 Uhr: Bitte Christian, das zu entscheiden, und der glaubt an Take 2.
13.58 Uhr: Jetzt glaubt Christian doch vielleicht eher an Take 4 und bittet mich, doch noch mal genau rein zu hören.
Wir rufen mehrere befreundete Musiker als unabhängige Instanzen an und ermitteln einen leichten Vorteil von 51 zu 49 Prozent für Take 2. Und nehmen dann Take 4.

14.05: Soll man einen Kiekser im Solo austauschen? Eine philosophisch-ethische Frage ohne – bis auf weiteres – klare Antwort. Vor dem Hintergrund von umfassenderen Problemen in Fukushima, der Elfenbeinküste und Libyen sind das natürlich Marginalien, aber es bleiben trotzdem interessante Fragestellungen. Wenn vielleicht auch nur um 14.05 Uhr in einem Tonstudio in Kerpen. Und auch dort sieht die Welt und 14.07 Uhr schon wieder ganz anders aus. Nämlich völlig vom Kiekser befreit.

Eintrag ins Logbuch der Enterprise. Schnittzeit 14.35 Uhr: Die zweite Nummer ist editiert.

14.53 Uhr: Früher war im Studio immer „Raider heißt jetzt Twix“ und ähnliches angesagt. Heute haben wir Obst dabei. Christian hat allerdings Pech und schon zwei faule Äpfel erwischt. Meine Birne mundet allerdings vorzüglich.

15.20 Uhr: Ein Klackern auf einem F im Bass nervt etwas. Doch Gott zum Gruß habe ich diesen Ton des öfteren gespielt. Und zwar geradezu perfekt. Was nach bald 30 Jahren Bassistendasein nicht ausbleibt. Eine Austausch-Operation am offenen Mischpult gelingt. Der Patient erfreut sich, nach kurzer Sinnkrise, bester physischer und psychischer Gesundheit. Der Operateur ist stolz ob des geringen Blutverlusts.

15.55 Uhr: Eine wirr fliegende Hummel stört die Produktion nachhaltig. Ich verrate Christian den „Handtuch-Trick“. Hier wird das Tier eben nicht mit einem solchen erschlagen, sondern vielmehr in selbiges gelockt, um nur kurz darauf in Freiheit entlassen zu werden.
Christian kommentiert das Ganze mit: „Wieder was gelernt“.
Na bitte. Die gute Nachricht im Zusammenhang mit dem Hummelflug: Der Frühling ist da.

16.20 Uhr: Kleiner Plausch an der Kaffeemaschine. Hier liegt der eigentliche Spaß im Wirken eines Jazzmusikers. Im Klatsch und Tratsch über die neusten Entwicklungen in der Szene hinsichtlich sexueller Verwerfungen, gescheiterter Werkaufführungen und spieltechnischer Fiaskos finden wir einen Moment der Entspannung. Zudem häufen sich – wir werden älter – die Nachrichten aus dem medizinischen Bulletin.

16.57 Uhr: Erstes auto-agressives Reizpotenzial beim Toningenieur durch wiederholte Hänger im Computer. Ob er einen Tee zur Beruhigung möchte?
Oder soll ich ihm schon jetzt, am ersten Tag, Alkohol anbieten?

18.21 Uhr: Die Sonne ist fast weg. Ist der Frühling vorbei oder können wir auf ein Morgen hoffen?

19.26 Uhr: Letzter Schnitt, 10 Stücke fertig editiert, der eigentliche Mischvorgang kann beginnen.
Es stellt sich also, nach der Phase schwerster Verschiebungen, die Frage nach dem „Wer wann wie laut?“

ZWEITER TAG:
13.06 Uhr: Ich erfahre, Christian hat ein neues Sofa. Leider nicht im Studio, sondern daheim. Im Studio steht nämlich immer noch seine Jugendzimmer-Sessel-Kombination aus den Achtzigern. Die ist allerdings sehr bequem und auch schon wieder fast modern. Wenn man nur lange genug wartet, bekommt alles seinen Sinn.
Ansonsten hat er bereits ohne meine Mithilfe am Sound gebastelt.
Nach vielen, vielen CD-Produktionen ist das mittlerweile im Kern meine bewährte Strategie. Erstmal den Experten machen lassen. Zumal Christian und ich geschmacklich – und darum geht es ab einem gewissen Level nur noch – auf einer ähnlichen Wellenlänge schwingen. Selbiges gilt übrigens für mein Bandleader-Dasein. Ich vertraue auf Qualität, Geschmack und Intuition „meiner“ Musiker. Nicht so viel quatschen. Machen und machen lassen. Reden kann ich ja in Interviews. Und mit meiner Frau.

13.12 Uhr: Erstmal Kaffee. Wollte eigentlich von zu Hause meinen Entkoffeinierten in einer Thermoskanne mitbringen und fand das, nachdem – siehe oben – die Süßigkeiten, Kuchen und Chips bereits gestrichen sind, dann doch zu vernünftig. So viel zum Lebensstil heutiger Jazzmusiker. Von „Sex & Drugs & Rock‘n'Roll“ mal ganz zu schweigen.

13.15 Uhr: Christian findet den Bass-Sound großartig. Was nicht nur an dem wunderbaren, extra von mir angeforderten Neumann U-47 Mikro liege, sondern auch an den neuen Velvet-Saiten. Ich hätte lieber gehört, dass es mit mir zusammenhängt, aber nun gut.
Übrigens wurden die Röhren, welche das Mikro unter anderem so gut klingen lassen, ursprünglich für die V-2 genutzt. Bizarre Vorstellung.
Christian erzählt dann in diesem Zusammenhang noch die Geschichte, wie er sein im Koffer verpacktes, edles 4000-Euro-Mikro versehentlich am Bahnhof stehen ließ und bis zum Eintreffen seiner telefonisch dorthin beorderten Freundin die 20 längsten Minuten seines Lebens durchlebte.
Daß bereits ein SEK in dieser Zeit die Sprengung des allein stehenden Koffers vorbereitete, fällt in den Bereich der Legende.

14.33 Uhr:
Christian:“Das wird ja eine richtige Jazz-CD.“
André: „Tschuldigung, kommt nicht wieder vor!“

15.16 Uhr: Das erste Stück ist im Kasten. Und damit steht auch der Grundsound. Habe mittlerweile sämtliche offen rumliegenden CDs der Kollegen, welche auch bei Heck aufgenommen haben, durchgeguckt und beschlossen, mir einige davon zu kaufen. Effektive Werbemaßnahme. Der Mann sollte Provision bekommen.
Das traditionell und zuverlässig zum Tonstudio Ton-Art gehörige Magazin „Die Zeit“ ist auch schon durchgearbeitet. Auch hier mal wieder das Thema Kachelmann. In diesem Zusammenhang wird eindrucksvoll die etwas seltsame Rolle von Alice Schwarzer im viel diskutierten Prozess beschrieben.
Zitat: „…aus der munteren Vorkämpferin der Frauenbewegung ist eine böse Großmutter geworden, die sich mit Personen solidarisiert, die würdelos handeln und die ihre intimsten Erlebnisse zu Geld machen.“

16.14 Uhr: Wir kommen auf eine Platte von Lee Konitz zu sprechen.
Christian: Die hat Jay Anderson gemacht.
André: Der Bassist?
Christian: Ach nee, Ian Anderson!
André: Der Flötist?
Christian: Mann, wie heißt der den noch mal?
André: Vielleicht Björn Anderson von ABBA?
Letztendlich muss gegoogelt werden, dass der gute Mann Jim Anderson heißt.
André: Der Puppenspieler?
Christian: Nee, der hieß Henderson.
André: Das war doch Joe.

18.21 Uhr: Christian Heck verfängt sich im Unwesen seiner Hall-Plug-ins. Wir betreten die Welt der heiligsten Kathedralen. Als halber Atheist muss ich dem Treiben ein Ende machen. Alles auf Anfang.
Jetzt lauschen wir den Klängen von „From Months To Minutes“, einer feinen Ballade, bei langsam sinkender Sonne. Schön, dieses Leben!

19.52 Uhr: Kurz vor Schluss – 5 Stücke sind gemischt – lautet die Parole: „Zwei Minuten nix hören“.

20.12 Uhr: Okay, es sind 20 Minuten geworden. Denn wir haben uns etwas verplauscht. Es ging um ein abschließendes Mastering der Aufnahmen. Dieses Prozedere ist soundtechnisch der letzte Feinschliff einer Produktion. Danach liegt alles nur noch in den Händen des Schicksals. Oder von Jazzkritikern. Beim Mastering kann manches noch besser werden. Die Aufnahme erfährt durch magische Zuwendung oft mehr Druck, Brillanz und Luftigkeit. Manches mal passiert auch das Gegenteil. Wir werden sehen.

20.33 Uhr Schluss für heute. Auf dem Weg nach Hause möglichst keine Musik. Ich sehnte mich nach der Kraft des Wortes. Und muss mich leider mit nachhaltig gut gelaunten Radiomoderatoren zufrieden geben. Wo ist Klaus Kinski!?!

Es gab dann noch einen dritten Tag. Der gestaltete sich aber so ähnlich wie die Tage zuvor. Im Prinzip sitzen also zwei Männer, zumeist schweigend, nebeneinander und hören Musik. Wobei der eine (zwar schlecht bezahlt, aber immerhin doch vergütet) beständig an Knöpfen und Fadern schraubt und der andere (zahlend), zwischen höchster Konzentration und Tiefschlaf schwankend, innerlich sein Leben reflektiert und Ausschnitte dieser Gedanken, absolut Multitasking-fähig, in diesem Blog festhält.

Fazit: Der Glamourfaktor im Leben des gemeinen Jazzmusikers ist schier unerträglich.

Das Ganze könnte man noch besser durch die Beschreibung eines normalen zwei- bis sechsstündigen Übetages verdeutlichen. Aber das wäre für die Leserschaft nicht zu verkraften.

Der Neid würde einfach zu groß.

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