ELBJAZZ 2018

chrisdell

Was keiner wusste: Jürgen Klinsmann feierte Weihnachten nicht mit der Fußball-Nationalmannschaft, sondern mit drei (deutschen!) Jazzmusikern – eine tolle Sache, die Deutschland in dieser Form noch nicht erlebt hat.

Die drei sitzen im Wohnzimmer von Jürgen Klinsmann, Huntington Beach, Kalifornien. In der Mitte des Stuhlkreises steht ein Christbaum, an den Zweigen stecken zehn Kerzen im 4-4-2-System. Auf den Beistelltischchen liegen Nürnberger Lebkuchen im 4-4-2-System. Klinsi und die Musiker singen zur Bescherung Coltrane-Soli vom Blatt.

Alle singen: A Love Supreme.

KLINSMANN: Das ist viel geiler als „Der Weg“ von Xavier. Wegen dem „Weg“-Lied haben wir gegen die Italiener verloren. Das war eine Scheißidee vom Gerald. Hier im Privaten kann ich das ja sagen! Also noch mal und volle Pulle!

ALLE: A Love Supreme!!

KLINSMANN: Das ist gut so. Wenn wir Weihnachten feiern, dann brennt da der Groove, Freunde! Ist das klar? (Die Stimme überschlägt sich.) Ischt das allen klar, Freunde? Dann brennt der Groove! Jazz bedeutet ja Community, wie der Cecil immer sagt.

Musiker A: Genau, Jürgen. Eine Gemeinschaft, wie wir sie haben, also, das habe ich so in der Form noch nicht erlebt in Deutschland. Deutschland hat das in dieser Form noch nicht. Und die Form ist ja wichtig im Jazz.

KLINSMANN: Du hast recht! Dass wir uns hier noch einmal alle versammeln, das sind eben Gefühle, wo man echt schwer beschreiben kann.

Musiker B: Ich könnte heulen, so schön ist das hier bei Ihnen, Herr Klinsi. Das ist Gänsehaut pur. Fast wie im A-Trane in Berlin.

Musiker A: Oder erinnert ihr euch noch an dieses Konzert im Jazzclub Heilbronn? In der letzten Minute habe ich noch dieses ultrageile Solo über „Giant Steps“ klargemacht. B gibt mir auf den Drums den Offbeat vor, ich gehe über Eb7 alteriert, gehe über G7#11 nach innen und dann kommt – ähm – weiß ich jetzt nicht mehr.

Musiker B: Das Riesen-Schlagzeug-Solo von mir!

Musiker A: Ach ja, stimmt. Das war eine echte Schweden-Gala!

Musiker B: Wie das Elfmeterschießen gegen Argentinien! Geil!

Musiker A: Deutschland hat so etwas in dieser Form… Oder war das überhaupt in der Form…? Wie einst Art Blakey!

Musiker C: Danke. Das nervt jetzt, echt. Wir sind hier keine Amerikaner! Und: Italien ist Weltmeister.

KLINSMANN: Jungs, beruhigt euch! Das lässt uns nur weiter zusammenwachsen. Daraus müssen wir lernen, Männer, lernen. Wir sind noch längst nicht am Ende unserer Entwicklung, das ist ein spannender Prozess!

Musiker A, B und C: Aber wir dürfen nie auf den deutschen Festivals spielen! Und der Branford hat gesagt, es gibt gar keinen europäischen Jazz!

KLINSMANN: Aber wir spielen doch den Jazz der Zukunft! Und die lassen wir uns von keinem nehmen. SCHON GAR NICHT VON DEN AMERIKANERN! Ich geb euch mal was mit, zu Weihnachten. Paulo Coelho, „Auf dem Jakobsweg“. Hat mir der Olli empfohlen. Da kann man wunderbar in sich gehen. Sollten wir alle lesen. Der amerikanische Jazz ist doch langweilig geworden, total öde.

Musiker A: Brad Mehldau geht ja noch.

Musiker B: Es gibt einfach keine positiven Reize aus New York mehr. Keinen richtigen Druck. Empfindet ihr das auch so?

Musiker C: Na ja, für einen kleinen Club reicht’s vielleicht noch.

LÖW (flüsternd): Du, des isch echt eine nedde Party, Jürgen. Aber sag‘ einmal: Isch des Absicht, dass A, B und C noch nie im Jazzclub Karlsruhe gespielt haben? Da müssen wir vor allem vorne mehr Druck entfalten, sofort die 3-gegen-2-Situation suchen und hinten verschieben!

(angelehnt an einen Artikel von Boris Herrmann in Berliner Zeitung, Sport, Seite 20 vom 23.12.2006)

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