Anke Helfrich

„Halten Sie den Zug auf!“, schreie ich einem Mann zu und renne bepackt und außer Atem die letzten Stufen zum Bahnsteig hinauf. „Achtung, auf Gleis 9 bitte einsteigen, Türen schließen automatisch, Vorsicht bei der Abfahrt!“, plärrt es durch die Lautsprecher und schon setzt sich die Lok in Bewegung. Uff, gerade noch geschafft! Jetzt nur noch durch vier Wagen der 1. Klasse, durch den Speisewagen… und schon kann die Suche nach einem freien Platz in der überfüllten 2. Klasse beginnen. Sobald das Gepäck verstaut ist und ich erschöpft und verschwitzt in meinen Sitz sinke, muss ich an Situationen denken, in denen ich mich ähnlich gefühlt habe. Da man als Musiker viel unterwegs ist, gibt es natürlich unzählige Reiseerlebnisse, die im nachhinein vielleicht ganz amüsant klingen mögen… aber meist nur im nachhinein!

Als ich das erste Mal mit einer Band im Ausland engagiert wurde, war der Hinflug perfekt. Drei Wochen Istanbul! Wir spielten fast jeden Tag, hatten wunderbare Erlebnisse mit enthusiastischen türkischen Jazzfans, die uns z.B. zum Segelauflug auf dem Bosporus oder zu köstlichem Essen einluden. Unser Schlagzeuger wurde in die Istanbul-Becken-Fabrik begleitet, es wurden Tickets (zum eigentlich seit Wochen ausverkauften) Galatasaray-Spiel organisiert. Wir wurden auf dem Basar beim Kleider- und Schmuckkauf beraten und jeden Tag gab es etwas Neues zu entdecken. So gingen die drei Wochen viel zu schnell vorbei, auch wenn wir bis dahin noch keine Gage erhalten hatten. Am letzten Abend dann sprangen wir nach der Zugabe direkt ins Taxi zum Flughafen. Schnell wurde uns doch noch die Gage aus einem Geldautomaten gezogen, kurzer, tränenreicher Abschied und Endspurt zum  Schalter. Dort angekommen mussten wir feststellen, dass unsere Flugverbindung aufgrund von Streiks einfach gestrichen worden war. Also warten! Viel später wurden alle Pasagiere in Busse verfrachtet und zurück zu einem Hotel in der Innenstadt gebracht. Warten! Erneut einchecken und auf das Gepäck warten. Kaum im Zimmer, wieder in den Bus und zum Flughafen. Warten! Wieder neu einchecken und feststellen, dass sich die Situation noch nicht geändert hatte. So verbrachten wir den Rest der Nacht und den kommenden Tag auf dem Flughafen und versuchten, umringt von Scharen schreiender Kindern, entnervten Eltern und lamentierenden Großeltern, auf dem Fußboden zu dösen. Mit knapp zwei Tagen Verspätung und einem Vorgeschmack auf zukünftige Touren kamen wir zu Hause an.

Was Flüge angeht, habe ich inwischen Horrorstorys erlebt: Startverzögerung wegen sich im Flugzeug prügelnder, betrunkener Hooligans, ein vergessener Reisepass (die ganze Band kann nicht fliegen), verschlafener Flughafentransfer und somit verpasster Flug, Bandmitglieder mit einem Übergepäck für €400… und dies ist nur ein kleiner Auszug. Weiter habe ich erlebt, wie Züge einfach stehen bleiben oder von einem stehen gebliebenen Zug an der Weiterfahrt gehindert werden oder auch, dass sich keine der Zugtüren mehr öffnen ließ. Eine der häufigsten Erfahrungen: Stau! Aber auch explodierende Kühler im Stau, unerwartet geschlossene Tunnel und Pässe sowie auch Passüberquerungen durch Eis und Schnee mit Sommerreifen und überladenem Auto (in dunkelster Nacht, links der Berg und rechts der Abgrund). Lebensgefährliche Überquerung der Adria bei Windstärke 8: Gestandene Männer, die beim Ablegen der Fähre noch vergnügt mit ihren Familien gegessen und getrunken haben, hängen plötzlich über der Reling oder krümmen sich auf dem Boden. Mit jeder Riesenwelle stürzt das Boot kopfvor in die gähnenden Tiefe und zieht alles an Bord mit nach unten. In regelmäßigen Abständen werden die Kennzeichen von demolierten Autos im Schiffsinneren durchgesagt. Und die Überfahrt dauert statt vier – ganze acht Stunden.

Natürlich gibt es da auch noch die eher unspektakulären (aber fatalen) Missverständnisse, was die Spieleorte betrifft. Zum Beispiel: Saxophonist wartet am Bahnhof Homburg/Saar, die Band dagegen vergeblich in Bad Homburg/Hessen. Welche Auswirkungen diese Zwischenfälle auf den weiteren Tagesverlauf haben, muss ich hier nicht weiter ausführen. Da wundert man sich doch, dass trotz der manchmal recht widrigen Umstände die meisten Konzerte doch stattfinden – und auch noch pünktlich beginnen!

Bis bald,
Eure Anke

Veröffentlicht am unter Blog thing
Trackback URL: https://www.jazzthing.de/blogthing/reisen-mit-hindernissen/trackback/

1 Kommentar zu „Reisen mit Hindernissen“

  1. Francois Brandtwein

    Hehe, „Homburg“ – das kenne ich auch, allerdings in Frankreich und dann auch gleich mit „St. Michel“ – ein recht, sagen wir mal -generischer Name. Da fallen dann schon mal ganze Konzertreihen aus ….

    Aber rueckblickend ist das ja tatsaechlich immer, sehr, sehr lustig.

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Abonnieren: Benachrichtigung bei neuen Kommentaren
oder ohne Kommentar abonnieren.