ELBJAZZ 2018

André Nendza

Seit Januar betreibe ich einen regelmäßigen Kampf gegen meinen inneren Schweinehund. Und so sitze ich drei- bis sechsmal die Woche auf einem sich nicht von der Stelle bewegenden Fahrrad und reiße meine 60 Minuten ab. Und hinterher noch ein Viertelstündchen Gymnastik für die steifen Glieder.

Das ist fühl- und sichtbar gut für meinen Allgemeinzustand und doch – seien wir ehrlich – eine relativ spannungsarme, überschaubar euphorisierende Angelegenheit. Deshalb habe ich frühzeitig beschlossen, diese nötige körperliche Aktivität zusätzlich mit musikalischer Würzung zu versehen. Und hier kommt dann auch ein Thema für den Blog einer Jazzzeitschrift um die Ecke und wir verlassen die „Men’s Health“-Zone.

Denn auch in meiner CD-Sammlung hat sich vieles an Un- respektive kaum Gehörtem angesammelt. Quasi akustischer Ballast, der abgearbeitet werden will. Und anderes will endlich mal wieder gehört sein. Meine beiden Grundregeln lauten:

1) Eine CD, die mir nicht richtig oder nur so lala gefällt, wird nur einmal gehört und bekommt auf dem Hometrainer keine zweite Chance.

2) CDs, die mich nachhaltig durchschallen, werden erst mal mindestens zweimal gehört. Bei einigen besonderen Exemplaren kann sich das dann auf bis zu fünf, sechs, sieben Tage und mehr ausdehnen.

Auf diese Weise häuft sich mittlerweile ein ansehnlicher Stapel Musik auf meiner Fensterbank. Der nach Schreiben dieses Textes endlich abgetragen werden kann. Denn nur hier kann ich nun meine halboffiziellen „Jazz&anderes-Charts-Siebenmonatsliste“ verkünden. Das Ganze nach eigenen Kategorien sortiert und völlig subjektiv kommentiert. Aus Platz- und Zeitgründen immer die Top Three.

A) Wiedergehört: Personal All-time-Classics

Jeder kennt diese CDs, die einen nachhaltig und langfristig begleiten und die immer mal wieder in den CD-Player hineingeraten. Meist sind das so 5 bis 50 bis 500 besondere Werke.

1) Dave Douglas – Charms of the Night Sky

Schon die Gruppe Truck Stop sang einst „Ich möcht‘ so gern Dave Douglas hören“ und ihr Wunsch ist mir Befehl. Mehrere seiner Werke könnten problemlos platziert sein. Dieses hier ist eher verhalten und entwickelt eine ganz besonders fragile Stimmung. Tolle Instrumentenkombination mit Akkordeon, Geige, Trompete und Bass. Allerdings fällt es manchmal schwer, das Tempo auf dem Radl nicht zu verschleppen.

2) Brian Blade Fellowship

Ich bin schon lange Fan des Drummers Brian Blade. Doch seit einem Konzert seiner Gruppe Fellowship im Kölner Stadtgarten vor einigen Jahren bin ich auch von seinem Wirken als Komponist und Bandleader begeistert – und so könnten alle drei Alben der Gruppe eine Charts-Platzierung erreichen. Erwischt hat es nur per Zufall das erste.

3) Charles Mingus – The Black Saint and the Sinner Lady

Die Charles-Mingus-Platte „Ah Um“ war eines meiner ersten wichtigen Jazzalben. Doch in letzter Zeit muss ich öfter mal an Charlie Mariano denken und auch Eric Dolphy spielt in meinem Musikhören, egal ob als Sideman oder Leader, eine besondere Rolle. Da passt es doch ganz gut, dass die beiden Meister bei diesem Klassiker mitwirken. Und Mingus? – Ohne Worte.

B) Wiederentdeckt

CDs, welche – gekauft, gehört, für gut befunden – trotzdem in den Tiefen der Sammlung verschwinden und dann, meist zufällig, wieder entdeckt werden.

1) Marty Ehrlich – New York Child

Der Titel dieser Enja-CD ist Programm. Einfach ein gutes Jazzalbum mit tollen Spielern und guten Stücken. Manchmal braucht es nicht mehr.

2) Triosphere – Triosphere
ist der eigentliche Gewinner der Gesamtwertung, denn dieses Werk wollte einfach den CD-Player nicht verlassen. Und das, obwohl in dieser Band – ein mittelprächtiger Skandal – nicht mal ein Bass mitspielt. Aber Steffen Schorn groovt auf dem Bariton mit großer Vehemenz und macht meine Zunft unverschämterweise ziemlich überflüssig. Zudem gibt es viele feine Kompositionen der Kollegen Schorn, Hanschel und Mündelein. Trickreiche Kammermusik, die mächtigen Druck entwickelt.

3) Norbert Scholly Quartet – Norbert Scholly Quartet

Scholly ist ein unglaublich versierter Gitarrist und auf dieser CD aus dem Jahre 1996 wird das Crossen, Shiften, Modulieren und Oddmetern von Rhythmen mit großer Freude zelebriert. Was nur mit einem so außergewöhnlichen Drummer wie Jochen Rückert und einem ebensolchen Bassisten, Dietmar Fuhr,  möglich ist. Immer wieder gerne!

C) Neuheiten

… müsste wohl eher „Neuerwerbungen“ heißt, denn es sind nicht unbedingt CDs, die aktuell erschienen sind, sondern welche, die ich mir grob innerhalb des letzten Jahres zugelegt habe.  Das ist das Schöne, wenn man die Spielregeln selber macht.

1) Rudresh Mahanthappa – Codebook
Dieses Album gehört eigentlich schon jetzt zu meiner Kategorie A. Aber da war es schon so voll. Ziemlich energiereiche CD, die beweist, dass auch in New York wieder frischer Wind weht. Unglaubliches Bass-Solo von François Moutin auf „Refresh“. Sehr gut begleitet vom Pianisten Vijay Iyer. Müsste man mal raushören. Kleiner Zusatz-CD-Tip: Vijay Iyer – Reimagining.

2) Peter Gabriel – Scratch my Back

Genesis fand ich früher immer ziemlich gruselig, da sie mit ihrem opulenten Bombast in meiner Punk/New Wave-Phase für alles standen, was ich damals aus vollstem Herzen hasste. Wie schön ist es doch, ein klares Teenager-Weltbild zu haben. In meiner Funkphase hat mich Peter Gabriel mit „Sledgehammer“ dann wieder davon überzeugt, ihm eine zweite Chance zu geben. Sein neues Album ist ein Orchesterwerk und Gabriel covert ausschließlich Stücke anderer Künstler. Als bekennender Paul-Simon-Fan hat es mir seine Version von „Boy in the Bubble“ besonders angetan.

3) Oliver Leicht (Acht.) – Räume
Mein vorzüglicher Kollege und ursprünglicher A.troniker Oli Leicht kann es sich mit Antritt seiner festen Stelle bei der HR-Bigband scheinbar leisten, ein fantastisches Album nach dem anderen zu veröffentlichen. Auf „Räume“ gibt es feine Kompositionen in einer hochkarätigen Oktettbesetzung. Sehr kontrolliert in bester Cool-Tradition vorgetragen. Und der Titel scheint mehr als passend.

D) Die „Don Grolnick Memorial Charts“

Der leider verstorbene Pianist, Produzent und Komponist hatte Anfang der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts zwei legendäre und für Musiker meiner Generation sehr einflussreiche Alben veröffentlicht.

1) Night Town ist einer dieser Klassiker und gehört eigentlich in die A-Kategorie. Diese CD hat vor allem wegen der Besetzung und der grandiosen Kompositionen mein Schreiben für mein damaliges Septett grundlegend beeinflusst und schon lange den „test of time“ bestanden. Hometrainer-Pflichtprogramm!

2) Medianoche erschien um den Tod des Musikers herum und hat mich zu dem damaligen Zeitpunkt nicht besonders angesprochen. Ich hatte gerade beschlossen, nicht auf Latin Jazz zu stehen, und wollte mich dummerweise auf diese Musik nicht einlassen. Erst mit dem – von „meinem“ Drummer Christoph Hillmann betriebenen – Entdecken der Fort Apache Band wurde dieser Latin-Bann gelockert. Dass auf „Medianoche“ mit Bassist Andy Gonzales einer der wesentlichen Groove-Faktoren eben dieser Band mitspielt, erscheint dann auch nicht mehr zufällig.

3) The London Concert besteht aus dem Repertoire der CDs „Night Town“ und „Weaver of Dreams“ und bietet ausgedehnte Versionen der Studioalben. Zudem kann man Grolnicks Sinn für Humor in seinen Ansagen erahnen. Schöne Zugabe.

E) Spezialitäten:

Es gibt immer mal wieder Platten, die durch die Begrifflichkeiten des Jazz selbst bei weit geöffneten Türen nicht treffend erfasst werden. Und gerade diese sind mir eine große Freude.

1) Katharina Frank – Zeitlupenkino
Für 1 Euro in der Wühlkiste eines Jazzclubs (Sag mir, wo die Demos sind…) gekauft, kannte ich Katharina Frank nur als Teil des so genannten One-Hit-Wonders Rainbirds. Deren „Blueprint“ musste man einfach mögen. Später tauchte sie dann in nachhaltig unkommerzielle Gebiete des Popwesens ab. In diesem Umfeld entwickelt sie mit „Zeitlupenkino“ ein grandioses Werk mit gesprochenen Texten über fein gesponnener Musik mit Beat und Sound. Eine Inselplatte!

2) Michael Schiefel & JazzIndeed – Blaue Augen
Hier war ich zunächst mal sauer, weil die Idee, Neue-Deutsche-Welle-Songs in ein neues musikalisches Umfeld zu setzten, seit Jahren auch in meinem Kopf rumgeisterte. Die Umsetzung dieser Idee finde ich sehr gelungen. Allerdings hätte ich mir gewünscht, das dass Album konsequent bei dieser Linie bleibt und nicht durch eigene Kompositionen aufgefüllt wird. Auch hätte ich mir Stücke der impulsgebenden NDW-Bands wie Der Plan, Palais Schaumburg, Fehlfarben und D.A.F gewünscht. Diese hätten einen so grandiosen und – sehr selten im Jazz – charismatischen Vokalisten wie Michael Schiefel nachhaltig inspirieren können.

3) Nick Heyward – North of a Miracle

Als überzeugter Anhänger meiner Theorie, dass die erste Hälfte der 80er-Jahre zu den besten Perioden der Popmusik gehören, lasse ich ab und an auch ein solches Album in den Spieler wandern. Im Sommer ‚82 wurde die Band Haircut 100 in Großbritannien eine Saison lang als die neuen Beatles gehandelt. Dann verließ der Sänger und Songwriter Nick Heyward die Band und veröffentlichte das Album „North of a Miracle“, Und hier jagt ein Popjuwel das andere. Und das – ziemlich zeituntypisch – synthesizerfrei und mit starkem Bezug auf die 60er. Leider blieb es dann in der Folge auch dabei und Heyward veröffentlichte nichts Vergleichbares mehr.

Alles im allem also viel unterschiedliche Musik. Und so ist es hochgradig inspirierend, beim Strampeln Musik zu hören. Oder überhaupt mal wieder regelmäßiger zu hören. Allerdings stellte sich bald heraus, dass heutige Jazz-CDs zumeist etwa 55 Minuten lang sind. Das hat zur Folge, dass ich nahezu jeden Tag entscheiden muss, ob ich nach 55 Minuten Fahrradfahren bei zirka Kilometer 27 und knapp 600 verbrauchten Kalorien kurz vor dem Ziel zwecks Drücken des Play-Buttons einen Zwischenabstieg mache oder aber die letzten fünf Minuten in Stille mit mir verbringe. Was auch nicht immer angenehm sein muss und so doch meist in der Entscheidung für die Beschallung endet. Letztendlich höre ich die CDs dadurch zumeist mindestens anderthalbmal. Das ist doch kein Zustand. Man ist geneigt, bei Jazz-CDs für eine gesetzlich festgelegte Mindestlänge von 75 Minuten zu plädieren. Allerdings bei – jazzpolizeilich geprüfter – gleich bleibender Qualität.

Ansonsten ist dieser Blogtext – aufgrund der dem Thema anhaftenden, tretenden Monotonie – entgegen meiner sonstigen Art natürlich etwas arm an Anekdoten. Aber ein bizarres Erlebnis hatte ich dann doch. Und zwar mit der CD „Greg Osby – St. Louis Shoes“. Dieses Werk gehört bei mir in die Kategorie „Wiedergehört“ und dort eigentlich auch in die Charts. Schon allein deshalb, weil der „St. Louis Blues“ mein erstes selbst gespieltes Jazzstück war (1983 mit der Big Band des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums, Hilden) und wir von Greg Osby hier eine wirklich andersartige Version zu hören bekommen.

Beim Hören des ersten Stückes fiel gleich das rasante Tempo auf und ließ mich zunächst fröhlich mein radelndes Tagwerk beginnen. Allerdings wunderte ich mich nach einer Weile schon, dass der vortreffliche Altist Osby nun auch vehement Sopranino zu spielen schien. Und sich der Bass begleitenderweise permanent in mittleren und höheren Lagen bewegt. Zudem hatte der Drummer sehr helle Becken gewählt und seine Drums extrem streng gestimmt. Und ferner gab es noch ein wunderbares Violinensolo, obwohl auf dem Booklet gar kein Geiger vermerkt ist. Das Ganze klang dann manchmal auch noch elektronisch verfremdet und dadurch eher wie „Nintendo“ und so gar nicht nach dem guten, alten St.Louis. An diese Klangwelt konnte ich mich von der Erstbehörung her beim besten Willen nicht erinnern. Aber ich neige manchmal zur Vergesslichkeit und traue leider auch allen alles zu. Gerade Musikern mit dem Habitus des Avantgardisten wie Osby. (Ich bin übrigens einer der wenigen, die in einer Mischung aus Naivität und „Alles ist möglich“ auf den berühmten Santana-Shred bei YouTube tatsächlich ziemlich tief hereingefallen sind.)

Als dann das zweite Stück genauso abstrus begann, schwante selbst mir, dass hier etwas im Argen ist. Also runter vom Fahrrad und CD neu gestartet. Selbige seltsame Klänge erklingen. Verzweiflung und Verwunderung. Dann einfach mal – als letztes Mittel – den Stecker des Ghettoblasters gezogen und schon hören wir beim erneuten Neustart ein ziemlich relaxtes „East St. Louis Toodle-Oo“ und das vermeintliche Geigensolo entpuppt sich als ein feines, von Robert Hurst gestrichenes Basssolo.

Die Welt ist also zumindest in meinem Trainingszimmer wieder in Ordnung. Aber wie und warum die Verdoppelung der Abspielzeit passieren konnte, kann mir auch keiner sagen. Die Stromrechnung habe ich jedenfalls nicht doppelt bezahlt.

Schönen Restsommer!

PS: Ja, ich weiß, dass Truck Stop einst „Ich möcht‘ so gern Dave Dudley hören“ sangen. Aber dieser Kalauer lag doch auf der Hand.

Veröffentlicht am unter Blog thing
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2 Kommentare zu „Jazzhits – Direkt vom Hometrainer“

  1. Pingback: Willkommen im Zwischenraum » Blog Archive » Ja, ich lebe und arbeite noch…

  2. Hi André,

    schöner Blog Eintrag!

    viele Grüße

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