Pit Huber

Also wieder ein Jahr vorbei. Da heißt es erst mal: Hau weg den alten Scheiß! Vollgeschriebene Kalender von der Wand reißen, angehäufte CD-Gebirge umschichten, E-Mail-Kolonnen löschen, den Schreibtisch leerfegen. Und einfach mal Bilanz ziehen. Für uns Journalisten bedeutet das: endlose Jahresumfragen beantworten. Das geht etwa so.
 
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Was war die wichtigste CD des Jahres? – „Somnia 1″. Bringt die Gehirnwellen in die richtige Form für den Tiefschlaf. Mit dem „Macht-müde“-Gütesiegel des Psychologischen Instituts der Uni Köln. Label: G&H Media.
 
Das fortschrittlichste Radio in 2007? – Bayerischer Rundfunk 2. Dessen Chef will nur noch Musik spielen, bei der er „gut einschlafen“ kann. „Somnia 1″ läuft auf Dauerrotation.
 
Erkenntnis des Jahres? – „Jazz ist anders“ (Bela B.).
 
Shop des Jahres? – Amazon.com. Die wissen einfach, was ihre Kunden wollen: „We‘ve noticed that customers who have expressed interest in ‚Ben Sidran: A Life in the Music‘ by Ben Sidran have also ordered ‚Hey Ranger 2: More True Tales of Humor and Misadventure from the Great Outdoors‘ by Jim Burnett.“
 
Wichtigster Streit 2007? – Hélène Grimaud vs. Staatskapelle Dresden. Es ging um ein Klavierpedal. Das ist die wahre, tiefe Musikliebe.
 
Schlechteste Live-Akustik? – Die audiophilen Chesky-Allstars im Burger King Fine Fidelity Jazzclub in Second Life. Mein Avatar ging vorzeitig.
 
Zukunftsträchtige Konzertform? – Die Gala. Jeder muss aufhören, bevor er langweilt.
 
Ausspruch des Jahres? – „Fünf Blechbläser sind eine Menge Holz.“ (Peter Herbolzheimer)
 
Musikalische Entdeckung? – „Referenzfrei in sich selbst schwingende Klangströme.“ (Ich weiß nicht mehr: Kamen sie von Thomas Meinecke oder von Ralf Dombrowski?)
 
Musikalischste Innovation 2007? – Öde Naturquinten auf einem richtigen (chromatischen, gebrauchsfähigen) Saxofon (Karl Seglem).
 
Gefährlichster Trend? – Hidden Tracks. Die Zahl der davon ausgelösten Herzattacken und Hörstürze ist alarmierend.
 
Jazz-Tugend des Jahres? – Luftigkeit. Bei Luftgitarristen übrigens schon seit langem ein Qualitätskriterium.
 
Beste Strafe für einen schlecht intonierenden Posaunisten? – Vor seinen Augen, während er spielt, in eine Zitrone beißen.
 
Dominierten 2007 die Holz- oder die Blechbläser? – Die Glasbläser. Besonders im Vogtland.
 
Loser des Jahres? – Die „vielfach platinierte“ Diana Krall. Ihre CDs sind ins Pop-Alphabet gewechselt.
 
Seriöseste Werbung für Jazz? – Jazz Promo Services. Claire Daly, versteckt hinter ihrem Baritonsaxtrichter. Text: „RAH! RAH! Live Jazz. Big Fun.“
 
Lieblingswitz 2007? – Das Jugendamt schaut nach dem kleinen Rudi. „Wo ist denn deine Mama? – „Im Krankenhaus.“ – „Ist denn dein Papa da?“ – „Im Krankenhaus.“ – „Passt deine Oma auf dich auf?“ – „Im Krankenhaus.“ – „Und die Nachbarn?“ – „Alle im Krankenhaus.“ – „Dann bist du ja ganz allein hier. Was machst du denn den ganzen Tag?“ – „Schlagzeug spielen!“
 
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Ich mag es wirklich, wenn ein neues Jahr beginnt. Jungfräuliche Kalender aufhängen, frische Ordner beschriften, die Tage werden wieder länger, das Januar-Licht blendet so schön. Man könnte glauben, alles würde besser. Und tatsächlich fing es gar nicht schlecht an: Robbie Williams will 2008 nicht auf Tournee gehen, Herbert Grönemeyer will wieder mehr schauspielern, Yvonne Catterfeld will Jazz weiterhin nur in der Badewanne singen und das Berlin Jazz Orchestra, unsere Hauptstadt-Bigband, präsentiert auch dieses Jahr wieder einen Prominenten aus Berlin als Bühnengast. Entweder Didi Hallervorden oder Angela Merkel.
 
Ja, und dann ist da noch der große Hoffnungsträger ‚08, Barack Obama. Da fällt mir immer ein, was Miles Davis über Philly Joe Jones sagte: „Wenn er Anwalt gewesen wäre und dazu noch weiß, wäre er wahrscheinlich Präsident der USA geworden, denn dazu muss man schnell reden und viel Dreck am Stecken haben.“ Obama ist nicht weiß, aber manche sagen, er sei auch nicht richtig schwarz, und Anwalt ist er auf jeden Fall, also könnte es vielleicht klappen. Übrigens hört er schon mal die richtige Musik: Miles Davis, John Coltrane, Stevie Wonder. Vielleicht wird’s ja doch ein gutes Jahr.
 
Pit Huber

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1 Kommentar zu „Jahreswechsel“

  1. Ich hab‘ mal vor einer Weile irgendwo gelesen, dass ein „Sich Nummern und Termine merken“ Gehirnjogging sei, weil es bei Männern die Fähigkeit zum Multitasking verbessern und vor allem auf’s Alter vorbereiten soll – Stichwort Alzheimer und Altersdemenz. Die Probleme kommen dann aber immer zum Jahresanfang bzw. -ende: Was mach‘ ich mit dem ganzen Datenmüll des zu Ende gegangenen bzw. gehenden Jahres im Kopf? Manchmal wünsche ich mir, einen Resetknopf zu haben – oder besser: mein Hirn einfach zu entsorgen. Manchmal wünsche ich mir aber auch, dass das einige meiner Mitmenschen machen würden…

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