Pit Huber

Ob Kanada, Griechenland oder Bodensee: Wir verreisen alle gerne. Denn Reisen bildet, entspannt, bringt auf neue Gedanken, verschafft neue Bekannte, öffnet neue Perspektiven. Ausnahme: das Interview-Hopping. Heute Bojan Z. in Paris, morgen Stacey Kent in London, übermorgen Wynton Marsalis in New York. Die Interview-Hopper unter meinen Kollegen finden Reisen nur noch öde. Aber eines haben sie uns voraus: Sie wissen, wo in der Passagier-Lounge in Köln-Bonn die Toiletten sind.

Auch die Interviews selber sind kein Spaß: jedes Mal vorher das neue Album hören, in die Vorgänger-Alben noch kurz reinlauschen, die Pressetexte auswendig lernen, die Musiker-Websites durchklicken, die letzten Interviews des Künstlers überfliegen. Nur ja nicht das fragen, was die anderen dauernd fragen! Und dann denkt man sich die genialen Stichwörter aus, erhält anerkennende Blicke („Woher weiß der das?“) und am Ende genau die Auskünfte, die wörtlich so schon im Presse-Info stehen. Blöd, dass Musiker ihre Pressetexte nie lesen.

Im Grunde gibt es nur drei Sorten Interviews: das tröpfelnde, das überflüssige und das geplatzte. Beim tröpfelnden Interview müsste eigentlich der Journalist die Antworten geben, denn er weiß viel mehr über den Musiker als der Musiker selbst. Schließlich bereitet sich der Journalist ja vor, der Musiker schaltet nur den Fernseher ab. Seine Standard-Antworten lauten daher: „Schon, ja“, „Ach, nein“, „Keine Ahnung“ und „Möglich, obwohl…“.

Beim überflüssigen Interview läuft dagegen alles wie am Schnürchen, freundlich und engagiert: Der Journalist stellt tolle Fragen, der Musiker gibt tolle Antworten, und genau dasselbe Interview findet sich schon dreimal im Internet.

Bleibt noch das geplatzte. Man fliegt neun Stunden übern Teich, sieben Stunden wieder zurück, und der Musiker hat nur zwei Minuten Zeit oder taucht überhaupt nicht auf. Eine Beerdigung kam dazwischen, ein anderes Interview, ein alter Freund, ein Behördengang, ein Stau auf dem Highway, ein Studiodate. Statt mit dem Musiker spricht man mit seinem Manager, seiner Ehefrau, seinem Nachbarn. Oder man sieht sich die Erinnerungsfotos in seinem Wohnzimmer an, seine Plattensammlung oder die Marketing-Abteilung seines Labels. Ob der Musiker noch eintrifft? Es bleibt bis zum Schluss spannend. Auf jeden Fall erlebt man dabei eine Menge. Das werden am Ende immer die besten Artikel. Reisen bildet eben doch.

Pit Huber

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