Uwe Wiedenstried

Vorbemerkung:
Von den Aufgaben, die ein Autor zu lösen hat, erscheint mir diese als die schwierigste: die Quintessenz eines Textes in eine Überschrift zu packen, die aus maximal vier, besser aber weniger Worten besteht. Bring das erst einmal, du Schreiberlein, du: wie Theodor Fontane einen Roman von mehreren hundert Seiten auf nur zwei kleine Worte zusammenzudampfen und damit alles zu sagen: „Irrungen, Wirrungen“. „Gesprengte Ketten“, dieser Titel bringt nicht wirklich auf den Punkt, worum es mir geht. Ich wünschte, ich könnte diesen Text so überschreiben: „Gesprengte Ketten oder die Angst des Musikliebhabers vor dem Comeback“. Aber leider: zu lang, viel zu lang.

Hauptteil:
„Ours not to reason why, ours but to do and die!“ Diese popularisierte Fassung eines leicht anders lautenden Zitates aus Alfred Lord Tennysons Poem „Forward, the Light Brigade!“ über den sinnlosen Heldentod einer Kavalleriebrigade im Krimkrieg ist überall in der Welt, wo man Englisch versteht, ein stehender Ausdruck für die Aussichtslosigkeit, auf die Frage nach dem Sinn unseres Tuns und Lassens jemals eine Antwort zu erhalten.

Ist dies unser Schicksal, unser Auftrag? Zu machen und zu sterben, ohne dabei das Warum bedenken zu sollen? Ist dies das Leben? Frag- und klaglos den Posten zu halten, den uns Gott, Kismet, Karma, das „Schweinesystem“, das Syndikat „derer da oben“, der Zufall – welche Schicksalsmacht auch immer – zugewiesen hat? Bei Aldi an der Kasse zu sitzen und Margarinebecher, Schnapspullen und Sardinenbüchsen über den Piep-Scanner zu ziehen, bist du dafür auf der Welt, Mensch? Fürs Schraubendrehen bei VW? Fürs Akten schmieren und Hartz-IV-Empfänger-Triezen, pocht dir dafür ein leidenschaftlich‘ Herz unterm Busen? Wehrlosen Omis am Telefon Aussteuerversicherungen, Kredite, Zeitschriftenabos, DSL-Anschlüsse aufzuschwatzen, bist du dafür mit der Gabe der Rede gesegnet? Hinter einem Hochschulkatheder zu stehen und Semester für Semester angehende Bachelors und Masters mit Vorlesungen über „Systemtheoretische Planungsansätze“ oder „Die Kaiserkrönung Josephs des Zweiten in der Sicht Johann Wolfgang von Goethes“ ins Koma zu schwafeln, ist dir dafür dein Verstand gegeben?

Dafür? – Dafür soll dich deine Mutter unter Blut, Schweiß und Schmerzen in diese Welt geworfen haben? Die Befreiung aus dem Mutterleibe ist keine. Kaum die Nabelschnur durchschnitten, bluttriefend auf dem Laken zappelnd, da schmieden sie dir schon das Zwingeisen der Vernunft um deinen kleinen Schreihals: Sei brav und fleißig! Pass immer schön auf in der Schule! Du lernst was Anständiges, Lehre bei einer Bank, in einem Büro! Besser noch: Mach dein Abi! Leistungskurse Mathe und Englisch. Was willst du studieren? Kunst? Musik? Wovon willst du denn leben? BWL oder Jura, das ist was Reelles! Juristen und Kaufleute werden immer und überall gebraucht. Du willst doch auch mal Familie haben, ein Auto und ein Haus. Denk doch an später!

Wollte ich nicht einst etwas ganz anderes? – Pianist werden? Maler? Einen Bestseller schreiben? Die Welt verbessern? Krieg, Hunger, Ungerechtigkeit bekämpfen? Die Panazee entdecken? War ich nicht eigentlich für ein Leben an der Seite Catherine Deneuves vorgesehen? – Aus der Traum!

Zerre nur an den Hundsketten der Notwendigkeit, das gibt sich mit dem Älterwerden. Bald nimmst du sie gar nicht mehr wahr, spürst kaum noch, wie sehr sie dich einst drückten. „Vorwärts, die leichte Brigade!“ Du machst weiter und stirbst.

Wie stark muss der Wille sein, welch titanische Kraft gehört dazu, welch unbeirrbarer Glaube an sich selbst, nie von seinen Träumen zu lassen, durch die grauen Gardinen des Alltags stets den Stern der Hoffnung glimmen zu sehen und zu wissen: Nein! Nein! Nein! Nein! Nein! Dies ist nicht mein Leben. Eines Tages sprenge ich Ketten und Zwingeisen und werde endlich der sein, der ich eigentlich bin.

Es gibt Menschen, denen diese Herkulestat gelang, und hier seien einige pars pro toto genannt.

Ornette Coleman wurde in den Fünfzigerjahren von Kritikern und Kollegen belächelt: Er könne weder richtig Saxophon spielen noch habe er einen blassen Schimmer von Musiktheorie. Jahrelang jobbte Coleman als Liftboy und Gepäckträger, ohne je an seiner Mission zu zweifeln. Er paukte Harmonielehre und entwickelte aus der Logik der Mathematik ein eigenes Musikkonzept. Der Rest ist Jazzgeschichte.

Dicky Wells hielt unter widrigen Umständen an seiner wahren Bestimmung fest. Einst war er der führende Posaunist des Jazz, für sein Instrument ähnlich innovativ wie sein Basie-Band-Kollege Lester Young fürs Tenorsaxophon, doch der Suff machte Wells zum Wrack. Ab Mitte der Sechzigerjahre bekam er keine Engagements mehr und verdingte sich als Laufbursche in der Wall Street. Er fing sich wieder, schrieb sehr lesenswerte Memoiren („The Night People“) und trat und nahm wieder auf.

Alberta Hunter war in den Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren nicht eine, sondern DIE Blues-Sängerin neben Bessie Smith. Sie stand am Broadway, in Paris und in London auf der Bühne. In den Fünfzigern war ihr Stil nicht mehr gefragt. Sie gab sich jünger, als sie war, fälschte ihr High-School-Diplom und machte eine Ausbildung zur Krankenschwester. Von 1954 bis 1977 arbeitete sie im Goldwater Memorial Hospital in New York. Nebenbei machte sie gelegentlich Musik, doch lediglich im Studio. Kaum in Rente, begann die zweite Weltkarriere von Schwester Alberta: Im zarten Alter von 82 Jahren singt sie in Robert Altmans Film „Remember My Name“, macht neue Platten, die wie Sau laufen, und tritt bis kurz vor ihrem Tod am 17. Oktober 1984 in aller Welt auf, u.a. 1982 bei den Berliner Jazztagen.

Ricky Shayne fand auf einem besonders langen, besonders verschlungenen Pfad zum Glück seiner eigentlichen Bestimmung.

Zwischenbemerkung:
Halt! Hier Kulturgrenze! Sie verlassen den Jazz-Sektor! You are leaving the sector of jazz music! Vous sortez du secteur du jazz! Weiterlesen auf eigene Gefahr! Intellektuellen ohne ausreichende Grenzerfahrungen wird dringend empfohlen, sich auf folgenden Internetseiten vorab ein Bild von dem zu machen, was ihnen bevorsteht: www.rickyshayne.com und
freenet-homepage.de/RickyShayne/menue.htm. Autor und Verlag übernehmen keinerlei Haftung für eventuell auftretende Geschmackstraumata.

Ricky Shayne ist seit fast 45 Jahren im Musikgeschäft. Durch den Film „17 Jahr, blondes Haar“ an der Seite von Udo Jürgens wurde der Sänger des „Soul, Blues, Rock-and-Roll“, wie er sich selbst auf seiner Homepage nennt, zum Star und zum Teenageridol. Mit „Ich sprenge alle Ketten und sage: Nein! Nein! Nein! Nein! Nein!“, „Träumen verboten!“ und „Ich mache keine Komplimente“ traf Shayne das Lebensgefühl von Jugendlichen, die via Fernsehen zusahen, wie ihre Altersgenossen gegen den Muff aus tausend Jahren, Vietnam-Krieg, Schah, Springer, Wasserwerfer und Polizeiknüppel aufbegehrten. „Mamy Blue“ brachte den Rebellen zu Dieter Thomas Heck, auf Platz eins und in die Bravo. Er trat den Marsch durch die Institutionen an und tingelte von „unserem Ilja“ zu Derrick, konspirierte mit Dieter Bohlen und hat jetzt endgültig die Schnauze voll vom „verlogenen Schlagergeschäft“ (Zitat Shayne). Dies alles hat er nie gewollt.

„Ich bin jetzt da angekommen, wo ich immer hinwollte. Bei ehrlichen, normalen Menschen“, erzählte er unlängst der Haus- und Hofpostille aller Nonkonformisten, „Die Bunte“. Ricky Shayne hat es geschafft. Endlich lebt der einstige Millionseller das Leben, von dem er immer geträumt hat. Ein stilles, ein bescheidenes Glück unterm Langnese-Fähnchen zwischen Jägermeistern und Kleinen Feiglingen, Salinos und Ahoi-Brause, Marlboro und West, Wendy-Comics und BamS: Er betreibt einen Kiosk im Düsseldorfer Arbeiterviertel Flingern.

Schlussbemerkung:
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Uwe Wiedenstried

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1 Kommentar zu „Gesprengte Ketten“

  1. Lieber Uwe Wiedenstried,

    musste auch seufzen, als ich das in der Bunten las. Vielen Dank für die „Genre-Sprengung“! Anregungen kann man eben überall finden…

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