ELBJAZZ 2018

André Nendza

Ich habe es wieder getan. Nach dem letzten Mal habe ich mir geschworen, davon abzulassen. Mich nie wieder diesem unendlichen Schmerz auszusetzen.

Und doch zog es mich wieder und wieder auf die dunkle Seite der Macht.

Dorthin, wo man nur in einer Mischung aus Tapferkeit und Gleichmut überleben kann.

März 2010: Es geht erneut auf Tournee mit Bret’s Frets, einem Ensemble aus VIER GITARREN und obligater Rhythmusgruppe. Husarenstück, Himmelfahrtskommando oder gar Ritt auf der Kanonenkugel!? (Es gibt Fotos, die beweisen, dass die Band einst gar aus sechs Gitarren bestand. Sechs Gitarren! Das konnte aber nicht lange funktionieren, weil die meisten Spielorte nicht über eine ausreichende Stromversorgung verfügen.)  Angelockt wurde ich vom sirenenhaften Ruf Philipp van Enderts, der mich mit den Worten „Wir wollen mit Kontrabass fast schon kammermusikalisch spielen“ vor acht Jahren erstmals in die sechssaitigen Untiefen lockte. Nun ist „kammermusikalisch“, wie ich schnell feststellen musste, ein wahrlich relativer Begriff. Ähnlich wie „unplugged“. Oder „Jazz“.

Und so etablierte ich dann aus reiner Notwehr schnell meine warnende Dauerschleife: „ZU LAUT!!!“ Immer konsequent schon zur Begrüßung ausgesprochen, noch bevor einer der Gitarristen überhaupt seinen Verstärker aus dem Auto geladen hatte. Und natürlich als letzten Gruß zur guten Nacht. Dazwischen lagen alle denkbaren Stufen bassistischer Gemütsregungen. Das reicht vom noch freundlich-flehenden „Denkt bitte an den armen Kontrabassisten!“ über das zickig-resignative „Ihr sucht euch besser einen E-Bassisten mit größtmöglicher wattiger Bewaffnung“ bis hin zur hausmeisterhaften Drohung „Ich hol‘ gleich die Flex und mache dem Lärm ein Ende!“ Das jämmerliche Klagen wird allerdings meistens gar nicht beachtet oder vielmehr akustisch nicht wahrgenommen. Denn neben der Tatsache, dass Gitarristen viel zu laut spielen, spielen sie vor allem immerzu. Und das nicht unter gehobener Sechzehntel-Dichte. Und behaupten, sie wären gar nicht laut. Oder sie wären nur so laut, weil der jeweils andere Gitarrist das Volumen nach oben treibt. Rechnen Sie das hoch mal vier und Sie bekommen eine ungefähre Ahnung meines Martyriums.

Leader des Ensembles ist der langjährige Berklee-Dozent Bret Willmott.

Er leitet dort seit Ende der 70er-Jahre – in dieser Zeit war ich gerade gefürchteter offensiver Mittelfeldspieler der E-Jugend des BV Hassels – dieses berühmte Gitarrenensemble, welches an einer Schule mit so ca. 800 Gitarristen wohl eher selten unter Besetzungsproblemen leiden muss. So spielten in der Gruppe denn auch schon Gitarristen wie Bill Frisell, Kurt Rosenwinkel und Wolfgang Muthspiel.

Bret schreibt die meisten der Stücke und arrangiert sehr gekonnt für ziemlich viele Saiten. Zudem spielt er, was er selber vehement bestreitet, sehr fein Gitarre. Habe ich mir sagen lassen, denn gehört habe ich Bret nur als entferntes Hinterhall-Erlebnis. Er steht nämlich rechts außen, und diese Schallwellen dringen, eingekerkert zwischen Schlagzeug und zwei Gitarren, nur als Ahnung zu mir vor.

An der linken Flanke steht Markus Segschneider, und der spielt alles und wirklich alles in unendlicher Perfektion. Dafür benutzt er ein mehrere Quadratmeter großes Effektboard, welches die Hälfte der Bühne okkupiert. Trotzdem war er bei meinem ersten, teils gefürchteten Ausflug in die Popmusik seit 20 Jahren (André Nendza’s A.tronic auf der CD „Spectacles“) mit dabei. Markus sieht aus, als könne er kein Wässerchen trüben. Allerdings geben alle anderen Gitarristen ihm die Hauptschuld an der meist hohen Grundlautstärke. Was er mit einem Lächeln Helmut Kohl’scher Prägung einfach aussitzt.

Neben Bret steht Christian Röver und spielt mehr, als auf Gitarren möglich ist. Allerdings könnte er auch alleine spielen, denn er ist zudem ein Meister des Loop-Samplers. Einmal traf ich ihn bei meiner etwas verspäteten Ankunft zum Soundcheck (versuchen Sie mal, nachmittags in Mönchengladbach ein offenes Café zu finden! Letztendlich endeten wir bei „Backwerk“) auf dem Weg zur Toilette. Dennoch hatte er den Kollegen eine vehemente Akkordbegleitung zu „Falling Grace“ dagelassen. Christian verkündet beharrlich, er sei nicht laut, sondern repräsentiere die optimale, fein abgestimmte Balance. Was ihm die anderen Gitarristen einfach nicht glauben wollen.

Freund van Endert steht direkt neben mir und spielt, wie immer, einfach schön. Aber leider auch zu laut. Und dabei behauptet er dreist, der – Zitat – „leiseste Gitarrist der Welt“ zu sein. Und das geht nun wahrlich in den Bereich der schwerwiegenden Lüge. Ungefähr so, als ob man behaupten würde, die Sieger von DSDS seien wirkliche Superstars. Oder Clement sei Sozialdemokrat. Oder „Don’t Know Why“ wäre Jazzmu… Lassen wir das.

Man merkt, grundsätzlich sind die Kollegen allesamt extrem versierte Könner. Fast möchte man mit jedem von ihnen im Trio spielen. Doch sie mussten sich ja leider als Gitarrenensemble zusammenrotten. So schwöre ich mir auf der Rückfahrt nach dem letzten Konzert immer, dass es das letzte Mal gewesen sei. Tags darauf beschließe ich dann einschränkend, vielleicht noch als Aushilfe zur Verfügung zu stehen. Nur um wenige Wochen später Philipp van Endert zu fragen: „Wann spielen wir eigentlich mal wieder mit Bret’s Frets?“ Scheint also doch – denn am vielen Geld kann es nicht liegen – irgendwie Spaß zu machen. Bassisten sind schon seltsam. Und immer zu leise.

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3 Kommentare zu „Gefangen im Gitarrenwald (These go to eleven)“

  1. Pingback: Willkommen im Zwischenraum » Blog Archive » Gefangen im Gitarrenwald…

  2. Pingback: Ein Abend mit Jim Hall – Konzert Bimhuis 23.04.2010 | soliloquium

  3. Klasse. Das zu Lesen macht Spaß.

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