ELBJAZZ 2018

André Nendza

In der Verfilmung von Nick Hornbys Roman „High Fidelity“ gibt es zwei vortrefflich gespielte Mitarbeiter im – natürlich Vinyl-orientierten – Plattenladen des Hauptdarstellers. Zwei wahrscheinlich nicht besonders überzeichnete Wahnsinnige, die über Musik alles und vom Leben nichts wissen. Elitär und überheblich sind sie Herrscher des guten und schlechten Geschmacks.

Das ist wirklich witzig gemacht, und doch muss ich mir leider eingestehen, dass – wenn in meinem Leben zweieinhalb Dinge anders verlaufen wären – ich auch einer dieser autistischen Besucher von Plattenbörsen geworden wäre, immer auf der Suche nach der originalen Erstpressung von „Milestones“, auf der das Stück „Milestones“ nicht „Milestones“, sondern „Miles“ heißt. Auch habe ich mir mit intensiver Verkostung sämtlicher Musikzeitschriften von Bravo bis Sounds zuhauf‘ seltsamstes Musikwissen angeeignet. Völlig nutzlos allerdings, denn schon als Teenager war schnell klar, dass man mit Sätzen wie „Weißt du übrigens, dass Bobby Colomby das erste Album von Jaco Pastorius produziert hat?“ bei der angebeteten Königin der 7c nicht landen kann, schon gar nicht, wenn man sich den Nachsatz „und vernichte bitte deine Barclay-James-Harvest-Platten“ nicht verkneifen konnte.

Auch auf den langen Autofahrten während Tourneen wird man sicherlich nicht zum „Bandmitglied des Monats“ gewählt, wenn ein fröhliches, zur Zerstreuung gedachtes Musikquiz durch Fragen wie „Auf welcher Art-Blakey-Platte spielt Keith Jarrett?“ und „Nenne die Alben der Gruppe Weather Report absteigend mit dem jeweils darauf spielenden Schlagzeuger“ an die Grenzen der Belastbarkeit getrieben wird. Zudem hilft das Wissen um die Tatsache, dass die Gruppe D.A.F. bei ihren Tourneen Kassettenrecorder der Marke Panasonic zum Abspielen des Playbacks nutzte, bei einer Reifenpanne wenig. Na gut, man kann jede Party damit zugrunde richten, was mir als bekennendem Partymuffel durchaus reizvoll erscheint.

Dennoch: Mit diesem Faible für krude Spezialitäten schien ich mir selbst der ideale Kandidat für Jörg Pilawas Sendung „Das Quiz“. Nachdem alle Versuche, meine Frau, eine wirklich kluge Frau, die wirklich viele (und vor allem wichtige) Dinge weiß, zur Teilnahme zu überreden, mit den Worten „Ich mach mich doch nicht zum Volldeppen“ abgeschmettert wurden, konnte ich meinen Freund Philipp van Endert, seines Zeichens Gitarrist und mein Vorgesetzter im Philipp van Endert Trio, davon überzeugen, dass das Mitwirken in einem ARD-Vorabendquiz das ist, was zu seinem fast schon vollkommenen Glück noch fehlt. Vom immensen Karriereschub ganz zu schweigen.

Der Plan war so genial wie einfach. Wir setzen uns da hin, gewinnen 30.000 Euro (denn 30.000 Euro gewinnt in dieser Sendung wirklich jeder Trottel) und können jeder davon wieder anderthalb CDs produzieren. Das klappt hundertpro!

Doch leider haben die Götter des TV vor unseren grandiosen Triumph die Niederung eines Castings gestellt. Mit Gefühlen, wie sie die Spieler des FC Bayern München im Rahmen des DFB-Pokals umtreiben, wenn es mal wieder auf den holperigen Acker zu den Ballsportfreunden Biberach geht, wurden wir an einem Sonntagnachmittag in ein Hotel in Köln-Mülheim bestellt. Der in unserem Anschreiben enthaltene Vermerk „Für Getränke und Verpflegung haben die Castingteilnehmer selbst zu sorgen“ deutete darauf hin, dass das Ganze wohl eher eine strenge, evangelische Veranstaltung werden würde. Im Empfangsbereich waren schon die anderen Teilnehmer versammelt, bekleidet mit feinsten Folkloretrachten, Mönchskutten oder einem T-Shirt mit der Aufschrift „Lokomotive Koma – Verein für einarmiges Bierdosenzischen“. Uns war schnell klar, dass wir mit unserem geschmackvollen, aber dezenten Jazzmusiker-Outfit im Bereich „Optische Präsentation“ nur im Mittelfeld landen würden. Unser genialer Plan bekam erste Risse.

Nachdem wir zuvor kecke leuchtgelbe Namenszettel angetackert bekamen, wurden wir von einem fröhlichen, jungen Menschen, der sich seine Sporen sicher als gut gebräunter Animateur in so manchem Club Robinson verdient hatte, in eine Art Klassenzimmer gebeten. Hier endete dann auch der freundliche Teil, denn das Regiment übernahm eine Mischung aus ostdeutscher Schwimmtrainerin und Leiterin eines Jugendhauses im sozialen Brennpunkt Köln-Chorweiler. Es folgte das mit schneidiger, metallener Stimme vorgetragene Ansinnen zur Nennung meines Namens und dessen meines Partners. Zudem wurde ich unmissverständlich dazu aufgefordert, meinen Kaugummi aus meiner Mundhöhle zu entfernen.

Als ein im Prinzip sanftmütiger ehemaliger Zivildienstleistender, dessen Ablehnung des Dienstes mit der Waffe neben der mangelnden Bereitschaft, Menschen über den Haufen zu schießen und der Vorstellung, mit mehreren unterschiedlich riechenden Männern in einem Zimmer schlafen zu müssen, auch in der Aversion gegen den rüden und dumpfen Kasernenhofton begründet ist, war ich irritiert. Die durch diese Irritation entstehende kurze Pause wurde durch die glasklare Ansage „Das muss schneller gehen“ beendet. Und jeder nimmt einen Stift und eine Kladde.

Es folgte eine von einer Kamera aufgezeichnete Vorstellungsrunde, bei der man laut unserem persönlichen Animateur mal so ganz locker und ungezwungen seinen Partner vorstellen soll. Außerdem könne man ja auch sagen, was man von der Show erwarte und mit einem eventuellen Gewinn machen würde. Uns war schnell klar, dass wir hier besser nicht die Wahrheit sagen sollten. Die Begründung „Wir wollen in eure bekackte Show nur, um richtig Kohle mitzunehmen, damit wir weiterhin geniale CDs produzieren können. Außerdem hoffen wir, dass keiner unserer Kollegen die Sendung sieht, sonst müssten wir ja unsere Karriere sofort beenden“ kam natürlich nicht in Frage.

Aber noch sind wir nicht an der Reihe. Vor uns gibt es Leute, die sich nach 30 Jahren zufällig auf der Straße wieder getroffen hatten. Andere bezeichnen sich als „der kleinste Rolling-Stones-Fanclub Deutschlands“. Eine sehr junge Enkelin spielt mit ihrer sehr alten Oma, die immer noch Motorrad fährt, Poker um Geld. Hinter uns sitzen feine Wohltäter, die einen Teil des Gewinns spenden wollen (…das kann ja jeder sagen…). Insgesamt alles nette, normale Menschen, die tausendmal besser in die Sendung passen und, noch wichtiger, es vor allem, zu meiner völligen Verwunderung, wirklich aufrichtig wollen.

Mir wird schlecht. Das Fundament des genialen Plans wackelt.

Wir sind an der Reihe. Noch bevor ich einen ersten Ton sagen kann, schreit der Feldwebel: „Näher zusammenrücken, die Kamera sieht Sie nicht!“ Okay, du willst Krieg, Baby, und ich kontere mit meinem wohl durchdachten und locker aus der Hüfte vorgetragenen Statement: „Das ist Philipp und wir sind seit 20 Jahren immer noch befreundet, obwohl er immer zu spät kommt.“ Das sorgt für leichte Heiterkeit, und doch schwant mir, dass wir auch in diesem Teil Federn lassen mussten.

Es folgt der Fragenblock. Hier werden wir verlorenes Terrain wieder gutmachen, wir werden über den Kampf zum Spiel finden, und überhaupt: ein Spiel dauert 90 Minuten. Schon werden von unserem freundlichen Spielleiter die Regeln erklärt. „Es werden 20 Fragen mit 4 möglichen Antworten jeweils zweimal vorgelesen. Das Tempo ist sehr hoch, denn wir wollen sehen, wie Sie unter Druck reagieren.“
Kein Problem, ich bin ein durch hunderte Konzerte gestählter Musiker mit Nerven aus Drahtseilen. Ich habe improvisierte Bass-Intros vor 2000 Leuten gespielt. Und noch häufiger vor 70. Und einmal auch vor 2. Und die standen auf der Gästeliste.

Die Domina legt nach: „Wer hier beim Nachbarn abguckt, kann das Ganze gleich vergessen.“ Ich werde ihre Strenge vermissen, wenn wir unseren Gewinn in brasilianischen Cocktailbars versaufen. Das Spiel beginnt. Fragen prasseln einem Inferno gleich auf uns herein. Wo liegt Hiddensee?… Welche der folgenden Personen bekam als Erster den Nobelpreis der Medizin?… Wie lang ist der Okawango?… Wo wächst die Ongaonga?… Wer erbaute die Uspenski-Kathedrale?… Die einzige Musikfrage hat mit Céline Dion zu tun, und ich kann sie erschreckenderweise dennoch beantworten.

Zu allem Übel stellt sich die Frau mit der Peitsche auch noch in unsere Nähe. Sie ist wohl misstrauisch. Und das auch noch zu Unrecht, denn die Fragen werden in einem derartig rasenden Tempo gestellt, dass gar nicht die Zeit bleibt, um sich gepflegt auf dem Blatt des Nachbarn zu orientieren. Zumal es wenig Sinn machen würde, denn van Enderts innere Verzweiflung ist deutlich spürbar.

Der Test ist zu Ende. Wir gehen schweigend hinaus. Später versuchen wir, uns mit Sprüchen wie „Die anderen werden da auch nix gewusst haben“ etwas vorzumachen, und doch ist uns längst klar, dass wir hier grandios gescheitert sind. Wir erwägen, das Ergebnis nicht abzuwarten und uns direkt an der Hotelbar mit Koffein – wir sind ja mit dem Auto da – in eine bessere Welt zu versetzen.

Und doch stellen wir uns dem Schmerz. Gewonnen haben natürlich andere. Die Freundinnen, die sich nach 30 Jahren zufällig wieder trafen, liegen sich in den Armen. Außerdem kann sich das Alleinunterhalterpärchen „Silvio und Silvio“ freuen, beide im Pailletten-bestickten weißen John-Travolta-Anzug. Seltsamerweise muss die Poker spielende Oma auch nach Hause fahren. Ich vermute, die Chefin hat sie beim Schummeln erwischt.

Wir beschließen feierlich, dass diese oberflächliche, dumme und ja, auch korrupte Fernsehwelt unser überbordendes Talent nicht verdient hat. So fahren wir nach Hause und sind eigentlich doch ganz froh, unser Geld weiterhin als ehrliche Jazz-Schaffende zu verdienen.

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1 Kommentar zu „Ein Treffen mit Jörg“

  1. Hi André,

    gerade hole ich mir Salbe, um die vom Schenkelklopfen stark geröteten Beine einzureiben. Genau so habe ich mir ein Casting (nicht nur bei Jörg) immer vorgestellt. Jazz und Glamour-das passt irgendwie so gar nicht. Das Geld für so ’ne CD-Produktion muss man sich als Musiker immer ehrlich aus den Rippen pressen.
    Eine einfachere Methode, aber auch ähnlich wirkungsvoll wie die Teilnahme an einem Casting, ist der seriöse Erwerb einer schwarzen Motoradmaske in einem Fachgeschäft… ne, das lass ich hier mal lieber. Sonst krieg‘ ich noch einen dran wegen Anstiftung zu unseriösen Handlungen.
    Aber das ist so’n Casting genau genommen doch irgendwie auch. Wenn ihr gewonnen hättet, wäre das Geld da, aber keiner hätte euch mehr für voll genommen (grins), was manchmal ja auch gar nicht soooo schlimm sein muß.

    Viele Grüße aus D‘dorf
    Georg

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