Pit Huber

Was schätzen wir an Jazz-Sängerinnen? Ganz klar: Ehrlichkeit des Ausdrucks, Echtheit des Gefühls. Was du nicht lebst, kommt nicht aus deinen Stimmbändchen. Jazz ist da wie ein Lügendetektor. Manche Sängerin wurde schon vom eifersüchtigen Ehemann des Ehebruchs überführt, weil ihr Timbre sie verriet. Und ein Kritiker schrieb einmal: „‚My Favorite Things‘ kann man nur in Wien richtig singen. Nur dort klingt das Wort ‚Schnitzel‘ so, dass der Zuhörer das Paniermehl und den Zitronensaft auf der Zunge schmecken kann.“
 
Ein akuter gefühlsechter Zustand kann für den Hörer auf Dauer aber auch langweilig werden. Deshalb nahm man zu Schellack-Zeiten immer nur vier Stücke pro Session auf. Dank der Kurzlebigkeit moderner Partner-Beziehungen ist diese Beschränkung heute jedoch nicht mehr nötig.
 
Schon am ersten Aufnahmetag für ein Album kriselt es in der Liaison zwischen Sängerin und Pianist. Am zweiten kommt es zum Showdown, Tränen fließen, es ist keine Liebe mehr in der Welt. Am dritten entdeckt die Vokalistin ihre erwachenden Empfindungen für den hübschen Toningenieur, sie ist frisch verknallt und es kommt abends zum ersten Kuss. Am vierten findet sie heraus, dass er verheiratet ist und gar nichts von ihr wissen will. Am fünften ist das Album fertig, die vollkommene Mixtur: zweifelnde Liebe, erwachende Liebe, verschmähte Liebe, Schmerz, Glück, Kummer, alles drin. Das ganze Spektrum der Jazz-Standards.
 
Früher waren Beziehungen und Krisen noch langwieriger. Ella Fitzgerald klang immer fröhlich und Billie Holiday immer traurig. Weil ihnen das emotionale Spektrum fehlte, mussten sie sich hilflos an den Songtext klammern: an zarten Stellen nicht schmettern, kurze Silben nicht dehnen, Schlüsselwörter nicht verschlucken, Füllwörter nicht kreischen, Reime nicht vertauschen, klare Phrasen nicht unnötig verzieren. Damit zogen sie sich ganz leidlich aus der Affäre.
 
Zum Glück haben heutige Sängerinnen solche billigen Tricks nicht mehr nötig. Sie sind einfach sie selbst.
 
Pit Huber

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1 Kommentar zu „Die Wahrheit im Jazz“

  1. Jetzt muss ich mich doch mal selber kommentieren. Das heißt, eigentlich kommt der Kommentar von Cheryl Bentyne, der Sopranstimme von Manhattan Transfer. Sie hat sich meinen Post über die Sängerinnen-Wahrheit an ihr großes alabasternes Herz gedrückt und gleich vier Wochen später diese CD aufgenommen: „The Book of Love“. Mit folgenden Kapiteln: Longing, Flirtation, Lust, Love, Joy, Disillusion, Loss. Das ganze Spektrum eben, an EINEM Tag!

    Q.E.D. Thank you, Cheryl.

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