Pit Huber

Früher kaufte ich meine CDs bei Groovy’s in der Müllergasse. „Groovy“ Tom war ein echt durchgeknallter Jazzfreak und hatte alle Neuheiten immer schon durchgehört, bevor sein Stammkunde kam (das war ich). Hinterm Tresen warteten gewöhnlich drei Stöße CDs auf mich. Der erste bedeutete: Die musst du haben, der zweite: Die könnten was für dich sein, der dritte: Unbedingt reinhören! Zuweilen wuchsen die Stöße riskant in die Höhe, denn manchmal konnte ich aus Geldmangel monatelang keine CD kaufen. Tom war das egal, Fachsimpeln und gemeinsames, lautes Musikhören im Laden waren ihm wichtiger. Zur Begrüßung schrie er Sätze wie „Achtung, jetzt kommt das Zitat, bin gespannt, ob du’s erkennst.“ Oder: „Dieses Stück war auch schon auf der ‚Live at the Black Hawk‘ drauf, da hieß es allerdings noch ‚Fast Blues‘, erinnerst du dich?“

Groovy’s gibt es schon lange nicht mehr. Ich kaufe meine CDs jetzt in diesen schrecklichen Electro Media Centers, in denen sich Farbfernseher, Computer und Digitalkameras bis an die Decke stapeln. Wenn man nicht zu schnell aufgibt, findet man oft auch eine CD-Abteilung und dort mit Glück zwei Schrumpfmeter Schrumpfjazz. An der Kasse hat man allerdings das Gefühl, man müsse sich dafür entschuldigen, dass man so eine popelige CD anbringt statt einen Digitalherd mit Internetanschluss.

Kürzlich fuhr ich sogar bis Frankfurt, weil ich mein Exemplar von Coltranes „Crescent“ nicht finden konnte. Ich hatte alle CD-Stapel hin- und hergeräumt, auch die Patricia-Highsmith-Krimis, ohne Erfolg. Vielleicht hatte ja einer meiner jazzbegeisterten Stiefväter die CD eingesteckt? Jedenfalls hatte ich das Gefühl, ohne „Crescent“ keine Minute länger leben zu können, und fuhr los. Natürlich war „Crescent“ in Frankfurt nicht vorrätig. Ich nahm dann eine Archie-Shepp-CD aus dem Regal, damit der Ausflug nicht ganz umsonst war, und näherte mich der Kasse. Der blondierte, kess parfümierte Jüngling dort musterte mich und meine CD sichtlich angeekelt, als wollte er sagen: „Was ist denn das für einer? Und was schleppt der da für ’ne altertümliche CD an? Hat er die etwa bei uns gefunden? Die hab‘ ich hier ja noch nie gesehen.“

Nachdem er eine Weile auf seinen Computerschirm gestarrt hatte, machte Blondie dann doch den Mund auf und sagte etwas ölig: „Passend hierzu empfehlen wir Ihnen auch: John Coltrane, Crescent.“ Seine Aussprache war fürchterlich, aber ich kapierte, was er meinte. „Die ist ja nicht da“, sagte ich. „Wollen Sie sie auf Ihre Merkliste setzen, für einen späteren Einkauf?“ – „Nein, danke.“ – „Auf Ihren Wunschzettel vielleicht?“ – „Nein.“ – „Für Weihnachten?“ – „Nein.“ – „Kunden, die diese CD gekauft haben, kauften auch den Leandro DVX 300.“ – „Interessiert mich nicht.“ Ich hatte keine Ahnung, was der Leandro DVX 300 ist. Aber Blondie gab nicht auf: „Kunden, die den Leandro DVX 300 gekauft haben, kauften auch ‚Die Sommerhits der Achtziger‘.“ – „Schluss jetzt, kassieren Sie meine CD ab oder nicht?“ – „Unsere besondere Empfehlung: der E-Stepper ‚Fitness‘ von Sweatics. Möchten Sie wissen, warum Sie diesen Artikel empfohlen bekommen?“

Ich fuhr dann ohne Archie Shepp nach Hause. Dort wartete eine E-Mail von „Groovy“ Tom, der jetzt in der Nähe von Kassel ein kleines Digitalstudio betreibt. „Wir machen gerade die Debüt-CD eines ganz jungen Jazzquartetts“, schrieb er. „Die könnten was für dich sein. Ich leg dir mal ’ne Kopie zur Seite. Unbedingt reinhören!“ Ich wollte ihm sofort zurückschreiben, aber ein Stapel CDs blockierte die Tastatur. So fand ich dann Coltranes „Crescent“ wieder. Der Abend war gerettet.

Pit Huber

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3 Kommentare zu „Die besondere Empfehlung“

  1. martin grötschel

    tja groovys!? war sicher einer dieser tollen läden, in denen man dazu gehören musste, um vernünftig bedient zu werden. zitat nicht erkannt, besetzung nicht gewußt, nicht den „richtigen“ titel nachgefragt? pech gehabt! zieh leine spießer. das „freak out“ in der raumer str. war auch mal so ein laden. ist dann eingegangen, weil von seinen guten kumpeln allein kann man nicht leben. tipp
    für den autor: bevor es wieder einmal zu konsumkritisch wird, schnell das internet benutzen oder ab nach berlin.

  2. Ich habe mich immer gefragt, wie sich solche Läden halten können. Jetzt weiß ich: sie können es nicht …

  3. Ich will auch so einen Laden haben, bitte. Bei Media-Steinhöfel-Markt kauf ich aus Prinzip keine Tonträger; die haben da keine Ahnung – ich kauf ja auch keine Autos im Strickwolle-Laden. Und alle CD’s immer im Internet und meistens aus USA zu bestellen dauert meistens einen Monat, und hin und wieder stellt man dann resigniert fest, das man doch besser vorher reingehört hätte.

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