Lorenz Hargassner

Kennst du das auch, geneigter Leser? Man trifft einen Menschen das erste Mal und macht sich sofort ein Bild von ihm. Das können die Klamotten sein, eine seltsame Anrede oder der erste Händedruck. „Kleider machen Leute“, schrieb Gottfried Keller schon im 19. Jahrhundert. Aber der Schein kann trügen.

Ich gebe es zu, ich bin so ein Fan von Typen-Lehren wie dem Enneagramm der Sufis oder der Temperamenttypen nach Hippokrates (Choleriker, Melancholiker, Sanguiniker und Phlegmatiker). Selbst neumodischem Kram wie den „Time-Typen“ im neuen Ratgeber-Bestseller von Lothar Seiwert kann ich was abgewinnen. Und ich mache mir einen Riesen-Spaß draus, in meinem Kopf Leute in Schubladen einzuteilen.

Als ich noch zur Schule ging und dem Fantasy-Wahn verfallen war, habe ich die Leute in Gruppen von Magiern, Elfen, Zwergen, Orks oder Menschen eingeteilt. Die Körpergröße war hierbei allerdings nicht entscheidend, um beispielsweise für einen Zwerg gehalten zu werden. Da ging es eher um die typischen Charaktereigenschaften der etwas verschlagenen oder listigen Bergbewohner mit Hang zum Materiellen und so weiter. Typisch eben.

Seit einigen Jahren habe ich für mich einen neuen kleinen „Sport“ entdeckt. Ich übe mich schon seit meinem Musikstudium im lustigen Instrumente-Raten. Das geht natürlich auch außerhalb des professionellen Bereichs. Wenn mir jemand auf einer Bahnreise ob meines Instrumentenkoffers erzählt, er spiele auch ein Instrument, rate ich immer gerne, bevor ich erfahre, um welches es sich handelt. Ich habe da mittlerweile eine erstaunliche Trefferquote! Denn meinem Eindruck nach gibt es typische Merkmale von Personen, die sich für eine bestimmte Instrumentengattung interessieren. Ausnahmen bestätigen da natürlich die Regel.

Bei Jazzmusikern kommen diese Merkmale allerdings meistens besonders gut zum Vorschein – vielleicht, weil die unterschiedliche Klangcharakteristik der Instrumente durch die spezielle Spielweise im Jazz auch besonders hervorgehoben wird? Ich weiß es nicht, aber ich meine jedenfalls Muster zu erkennen.

Trompeter zum Beispiel, das sind doch die „Cowboys“ unter den Musikern. Das sind so die Motorradfahrer mit der Lederjacke, die harten Jungs, aber mit weichem Kern. Als Rockmusiker würden sie E-Gitarre spielen und orchestrale Kracher-Balladen singen wie weiland Bryan Adams. In der Big Band sind sie die „Artillerie“. Als ich einmal im New Yorker Time Café bei einem Konzert der Mingus Big Band reinkam, legten die vier ganz hinten gerade zu einer Salve an, feuerten ab und steckten die Waffe wieder in den Halfter. Der Rauch senkte sich nur langsam.

Kein Wunder, dass Trompeter auch abseits der Bühne Vollgas geben und sich für ihre Karriere richtig ins Zeug legen! Mir fallen gleich drei von ihnen aus dem Stand ein, die mit ihrer klug und aufwändig produzierten Musik zu den erfolgreichsten Jazzern in Deutschland gehören. Dabei sind sie meistens auch noch starke Führungs-Persönlichkeiten, sind ganz weit vorne oder wissen auf jeden Fall, wo das ist. Um es auf der Trompete weit zu bringen, muss man aber auch eine Menge harter Arbeit investieren – das können sie eben auch anderswo.

Saxofonisten sind da ganz andere Zeitgenossen. Zwar wohl noch eitler als die lauten Hochtöner (viele von ihnen haben sich ihr Instrument sicherlich wegen des Aussehens ausgesucht), aber dafür lieber den leichteren Weg wählend. Wie meinte der legendäre Posaunist Ed Kröger, den ich sehr schätze, mal in seiner unvergleichlichen Art zu mir (man stelle sich eine Stimme vor, ähnlich wie Miles Davis): „Blockflöte ist das leichteste Instrument. Danach kommt gleich Saxofon.“

Dabei ist es ein Instrument, das jeder liebt: Erzähle ich beispielsweise auf meiner eingangs erwähnten Bahnreise, dass ich Saxofon spiele, entfährt dem Fragenden meist ein Seufzer: „Oh, wie schön!“ Klar, die hören mich auch nicht täglich eine Stunde lang lange Töne aushalten. Dennoch: Beliebt ist das gebogene Horn mit den vielen Klappen, daher wählen es wohl auch die Leute aus, die beliebt sein wollen. Hier sind auch mehr Frauen am Start, bei den Trompeten eher eine Seltenheit.

Bei den Posaunisten gibt’s auch wieder mehr Frauen, aber die ähneln ihren männlichen Kollegen auch. Das sind ganz klar Teamplayer – Typen, die gerne und gut mit anderen zusammenarbeiten, die jeder mag. Liebe Kerle mit einem guten Herz und oft viel Humor. Darum kann man mit so einer Posaune ja auch allerlei Blödsinn anstellen, gerne auch auf der Bühne. Irgendwie, finde ich, passt der Zug auch zu den Spielern wie der Rüssel zum Elefanten. An diese Tiere erinnern sie mich. Gutmütig, aber sie vergessen nie ein Gesicht.

Die Posaunen-Solisten scheinen sich dabei aber manchmal im Instrument geirrt zu haben! Manchmal scheint dann ein Saxofonist Posaune zu spielen. Nils Wogram zum Beispiel, der mir selbst mal gesagt hat, er wolle auf der Posaune spielen können wie auf einem Saxofon – na ja, wem es dort zu leicht ist, der braucht wahrscheinlich andere Herausforderungen.

Eine sehr spannende Kategorie sind die Jazz-Gitarristen, finde ich. Im Rock-Pop-Bereich sind das ja die ärgsten Rampensäue! Da wird posiert, bis das Publikum auf den Tischen tanzt, Gas gegeben, bis die Ersten in Ohnmacht fallen, gegniedelt, was das Zeug hält. Das können die Jazz-Kollegen zwar auch, aber dabei scheinen sie sehr mit sich und ihrem Instrument beschäftigt zu sein. Ähnlich wie bei den oft hüftsteifen Holzbläsern gibt es dazu einen verkrampften oder verzückten Gesichtsausdruck zu sehen – das ist aber schon das höchste der Gefühle. Man sieht auf jeden Fall, dass es schwer ist, zum Glück gibt’s den Verstärker, sonst würde von dem, was sie machen, vielleicht gar nicht so viel ankommen.

Abseits der Bühne sind das dann oft die Technik-Nerds, die mit immer neuen „Scofalizern“ aufwarten und mit Kollegen gerne über Kabel, Verstärker und andere materielle Dinge fachsimpeln. Der Typ, der die Braut abgreift (wie das Pendant in der Rockmusik), sind sie aber meistens nicht.

Da sind die Pianisten wiederum stark gefragt. Klar, die Frauenversteher schlechthin! Außerdem haben sie alle Zügel in der Hand und von ihrem Platz aus können sie super den Zuschauerraum überblicken. In den meisten Bands kann es nur einen geben. Als die einzigen mit einem respektierten klassischen Soloinstrument sind sie die wahren Künstlertypen. Und im Moment natürlich sehr in Mode.

Das kann aber auch das Stichwort für den Drummer sein. Früher dachte ich mal, Schlagzeug wäre eigentlich nur Krach. Und da muss man ordentlich draufhauen. Welch ein Irrtum! Wohl abgestimmt aus dem Handgelenk wird der Stock mit dem gefühlten Gewicht eines Zahnstochers auf ein gestimmtes Fell fallen gelassen – Obacht, ein Ton! Schlagzeuger sind, gerade im Jazz, meines Erachtens eher weiche, sensible Typen, die auf Ästhetik bedacht sind und trotzdem richtige Männer sein wollen. Nur das Maul nicht so weit aufreißen, das Reden wird den anderen überlassen. Lieber am Ende mit dem großen Solo wirklich allen zeigen, wo der Hammer hängt, wo Gott wohnt und wo vorne ist.

Fehlen nur noch ihre Partner beim Rhythmus, ohne die bei uns gar nichts swingt. Wer kann das sein? Bitte nicht vergessen: die Bassisten. Es ist schon ein hartes Los. Immer reden die Leute beim Bass-Solo. Oder die Kaffeemaschine spielt lauter als das, was der Verstärker hergibt. Schade eigentlich – oft sind die Tieftöner die besten Musiker in der Band, aber keiner kriegt es mit, weil sie eben unterstützen und lieber nicht so auffallen wollen. Zum Glück schadet ihnen das ruhige Temperament nicht, denn gute Bassisten sind so rar gesät, dass sie immer sehr gefragt sein werden. Da kann man getrost auf das Klingeln des Telefons warten.

Beim nächsten Konzertbesuch empfehle ich einmal, bevor die Musiker zu ihren Instrumenten greifen (wenn sie denn davor schon zu sehen sind), zu raten, wer welches spielt. Mit etwas Übung kommt man da schon weit! Das macht auch beim Lesen von Jazzmagazinen Spaß – mit den heute üblichen „Rumsteh-Fotos“ lassen sich hervorragende Charakterstudien durchführen. Viel Spaß dabei!

Eine solche Charakterisierung hatte wohl auch der Musikstudent im Sinn, von dem uns unser Musikpsychologie-Professor (ja, so was gibt’s!) während meines Studiums erzählt hat. Er war selbst klassischer Hornist und wollte wissen, was die Spieler der anderen Instrumente des Orchesters denn so von den Blechbläsern halten. Seine Arbeit in dem Fach trug dann den schmissigen Titel „Porno, Skat und Alkohol“ – was zum Schluss führt, dass es mit der Etikette bei den Damen und Herren Orchestermusikern wohl auch nicht so weit her ist wie bei uns Freigeistern.

In diesem Sinne: Zeig mir dein Instrument, und ich sag dir, wer du bist!

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