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Uwe Wiedenstried

Seit langem schon beschleicht mich ein Verdacht, der … nein, kein Verdacht, es ist eine fast zur Gewissheit gewordene Annahme, die mich in Angst und Schrecken versetzt: Mein Gehirn hat eine Fehlfunktion.

Unsere Welt nimmt in rasendem Tempo an Komplexität zu und wäre mit der Ratio kaum zu erfassen, wenn unser Gehirn nicht über eine Fähigkeit geböte, ohne die der Mensch als Individuum und Gattung im „survival of the fittest“ kaum bestehen könnte. Die Fähigkeit nämlich, Informationen zu filtern, sprich: Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Alles, was von Relevanz ist, wird gespeichert und ist jederzeit abrufbar, sofern und sobald der „Überlebenskampf“ dies erfordert. Alles andere ist Ballast, der früher oder später der Vergessenheit anheimfällt, Gedankengerümpel, das in unserem auf Effizienz und blitzartiger richtiger Reaktion gedrillten Denkapparat nicht als Staubfänger herumzuliegen hat. Sein Gehirn sei ihm als Rumpelkammer zu schade, bekannte schon Albert Einstein.

Ich bin kein Einstein. Mein Gehirn ist eine Rumpelkammer. Es selektiert und verarbeitet Informationen nicht wie andere Gehirne. Es polt gewissermaßen um. Es tauscht die Vorzeichen vor den Informationen aus, die auf es einstürmen: Plus macht es zu Minus und Minus zu Plus. Nützliches deklariert es als Plunder et vice versa.
Kurz: Mein Gehirn schmeißt alles raus, was mich in Privatleben und Beruf voranbringen könnte. Das Unwichtige aber, das Skurrile, Absurde, Banale, Dumm-und-Dämliche, einmal aufgesogen, spukt es für immer und immer und immer in meinem Oberstübchen.

Lese ich ein Buch, sagen wir, eine Biographie über Dizzy Gillespie, weiß ich schon kurz darauf nichts mehr über sein Leben, außer dies: Dass die NASA im Juli 1969 drei Männer in einer Konservenbüchse zum Mond schoss, scheint ein reines Ablenkungsmanöver gewesen zu sein. Unbemerkt von der in den Mond stierenden Weltöffentlichkeit forschte zur gleichen Zeit der NASA-Mediziner Dr. Richard J. Compton einer Frage nach, deren Beantwortung vermutlich mehr Staub aufgewirbelt hätte als Armstrongs und Aldrins Känguru-Hüpfer: Warum kann dieser John Birks Gillespie seine Backen eigentlich so aufblähen wie ein Wasserfrosch seine Schallblasen? „Gillespie-Taschen“ nannte Dr. Compton dieses Phänomen. Das Resultat seiner Untersuchung liegt bis heute nicht vor. Gillespie behauptete später, es gebe auch gar keines, die wahren Gründe für die Ausdehnungsfähigkeit seiner Backen seien immer noch unbekannt, denn er habe nie Zeit für weitere Termine bei Dr. Compton gefunden. – Stimmt das? Wenn nicht, warum schweigt die NASA? Welches „Top Secret“ schlummert in ihren X-Akten? – Die Wahrheit muldert irgendwo da draußen.

Ich habe mich intensiv mit Louis Armstrong befasst. Werde ich zu ihm befragt, fällt mir als Erstes und Einziges dies ein: Wussten Sie eigentlich, dass das Oberverwaltungsgericht Münster einst darüber urteilen musste, ob es sich bei Satchmos Musik um Kunst oder Kommerz handelt? Im Falle von Kunst hätte die Veranstalterin der Konzerte, die Armstrong mit seinen All Stars im Oktober 1952 in Köln, Wuppertal, Essen und Düsseldorf gegeben hatte, weniger Vergnügungssteuer abführen müssen. Hauptbelastungszeuge war Oberfeuerwehrmann Franz Kirkam, der während eines der Konzerte Brandwache stand und bezeugen konnte, dass Arvell Shaw „mit seiner Bassgeige auf dem Musikpodium getanzt“ und Trummy Young den Zug seiner Posaune gelegentlich mit dem Fuß bedient habe. Münsters damaliger Generalmusikdirektor und ein Professor für Musikwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität hatten in ihren Gutachten Armstrongs Musik zwar als „technisch einwandfrei“ geadelt, aber es half nichts. – Urteil des OVG: Aufgrund „dem künstlerischen Wert der Darbietung nicht entsprechender Begleitumstände“ könne man Armstrongs Musik nicht das Prädikat „kulturell wertvoll“ zugestehen.

Mit dem Anschluss ans Internet trat mein Leiden in ein neues Stadium: Es schreitet nicht fort, es galoppiert nicht, es rast seither mit annähernder Lichtgeschwindigkeit dem kompletten Realitätsverlust entgegen. Öffne ich meinen Browser, reißt mein Gehirn alle Schleusentore auf: Eine Tsunami-Welle aus Tor- und Albernheiten wütet in es hinein, jeglichen Sinn zu Kleinholz zermalmend und noch dessen letzte Bruchstücke in einen Orkus spülend, aus dem sie nie wieder auftauchen. – Wonach mag ich gesucht haben? Welches Thema wollte ich in diesem Artikel bearbeiten? Ich weiß es nicht mehr. Gefunden habe ich dies:

Die an der Côte d‘Azur erscheinende Zeitung „Nice-Matin“ berichtet, dass am Wochenende nach Pfingsten 2008 die Künstlergruppe Artitium am Strand von Juan-les-Pins Sandskulpturen berühmter Jazzmusiker errichtet hat. Und da stehen sie nun, bis der Mistral sie Körnchen für Körnchen davonträgt: Sidney Bechet, Louis Armstrong, Duke Ellington. Auf den Internetseiten von Artitium findet sich dazu eine Fotostrecke: Ray Charles trägt eine Klaviertastatur als Allongeperücke. Man muss nicht alles verstehen. Alles verstehen heißt alles verzeihen. Aretha Franklin wirkt wie eine Kreuzung aus Mick Jagger und einem Morlock („Die Zeitmaschine“) oder, was dasselbe ist, wie Tina Turner in der Spätphase. Dass die meisten Figuren einen gedrungenen, plumpen Körperbau haben, sodass das gesamte Skulpturen-Ensemble den Eindruck erweckt, Bilbo Beutlin sei mit seinen Hobbits in die Sommerfrische ans blaue Meer gefahren, liegt vermutlich an der Statik.

Einige Mausklicks weiter, und ich befinde mich in der wunderlichen Welt des Sandskulpturenbaus: „Entdecken Sie kreative Problemlösungen im Sandkasten!“ Eine deutsche „Sandakademie“ wirbt mit diesem Slogan für ihre Manager-Seminare. Der Tsunami rollt heran, mein Gehirn macht auf, ich kapituliere: „Unter Anleitung von erfahrenen Profi-Skulpteuren erschaffen Sie in Gruppen selbst entworfene Figuren und Formen aus speziellem Sand. – Schon Clausewitz probte mit seinem Generalstab im Sandkasten, wie man Schlachten gewinnt. Jetzt können auch Sie mit Ihren Truppen und Offizieren trainieren, wie man Kräfte bündelt. – Ein Konzept, das den üblichen Trainings- und Incentivetools eine neuartige und kosteneffiziente Dimension des Erlebens hinzufügt. – Ein Besuch der Sandakademie ist prädestiniert für Führungskräfte, Vertriebs- und Projektteams jeder Art.“ In einem lichten Moment gelingt mir die Flucht. – Klick!

Sandskulpturen sind zerbrechliche, ephemere Werke, sie zu bauen erfordert großes Geschick. Der Sand wird zunächst in Holzkästen Schicht für Schicht festgestampft. Nach Abnehmen der Holzverschalung bleiben Sandsäulen und -quader stehen. Mit Strandsand ist dies nicht zu machen, denn dessen Körnchen sind kugelförmig und somit kaum zu stapeln, das geht nur mit würfelkörnigem Sand. Dieser wurde aus einem Steinbruch im fernen Belgien an die Côte d‘Azur gekarrt. Doch auch für ihn gilt: Finger weg! Nichts anfassen! Hunde sind an der Leine zu führen! – Nur mal kurz Pipi gemacht, schon schwächelt Herzog Ellington in den Knien. Die Skulpteure nennen sich Carver, ihr wichtigstes Werkzeug ist das Teppichmesser, mit dem sie nach Fotovorlagen die Figuren mit äußerster Behutsamkeit aus den Sandklötzen schneiden. Es gibt nationale und internationale Wettbewerbe, die nach den Regeln der World Sand Sculpting Association (WSSA) ausgetragen werden. Sie bauen das Taj Mahal nach, die Pyramiden, eine Westernstadt. Ihre Kunst sehen sie als besondere Form der Bildhauerei.

Richtig, das war’s: Kunst. Darüber wollte ich einen Artikel für blog thing schreiben, danach habe ich im Netz gesucht. Wie sich der Jazz in den anderen Künsten niederschlägt, in der Malerei, der Bildhauerei, der Literatur. Der Beatnik-Dichter Allen Ginsberg soll übrigens einmal Lester Young zu Füßen gefallen sein, um dem weisen Guru, dem hipsten aller Hipster, die Frage aller Fragen zu stellen: „Was würden Sie tun, wenn Sie wüssten, dass gleich eine Atombombe auf New York fällt?“ Der „Präsident“ würde das Gleiche tun, was Audrey Hepburn in einer solchen Situation täte: „Ich würde zu Tiffany’s gehen, die Schei …“

Das darf doch nicht wahr sein! Es geht schon wieder los. Schluss! Aus! Ende der Schreiberei! Resultat: Thema verfehlt, Artikel in den Sand gesetzt.

Uwe Wiedenstried

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