André Nendza

Meine Tochter Siri hatte unlängst im Kindergarten eine Fotosession. Das ist zunächst nicht besonders aufregend, weil das schöne Kind seit ihren ersten Atemzügen eigentlich stündlich von meiner Frau fotografiert wird. Allerdings murmelte Siri in den folgenden Tagen – und zum besonderen Vergnügen ihres Opas – immer etwas von „Ameisenscheiße“. Auf unsere Nachfrage teilte sie uns mit, dass man das in dem Moment des Klickens des Fotoapparates sagen solle. Quasi als zeitgemäße Version von „Cheeeese!“ Da sage doch mal jemand, Kinder lernen nichts im Kindergarten.

Wie bekomme ich nach diesem Einstieg die Kurve zum Jazz!?! Nun – ich konnte „Ameisenscheiße“ gleich mal ausgiebig bei einer Fotosession für die neue CD des Philipp van Endert Trios ausprobieren. Und schon sind wir mitten im Thema „Das Foto und der Jazzmusiker“. Eigentlich eine zunächst häufig glückliche Beziehung, betrachtet man die klassischen Fotos aus seligen Schwarz-Weiß-Tagen. Tatsächlich war es eine Fotoarbeit, welche mir den Weg in den Jazz erleichterte. Und zwar die grandiosen, zeitlosen Bilder auf dem Miles-Davis-Album „Tutu“. Denn wenn man dann im Plattenladen steht, richtet man sich manchmal auch nach dem Cover. Und dieses musste ich einfach haben und finde es ja bis heute nachhaltig eindrucksvoll.

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Zuvor hatte mich allerdings ein anderes Bild in geradezu erotischer Form bewegt. Auf dem Innencover von Stanley Clarkes Album „I Wanna Play For You“ mussten meine schockgeblendeten Augen eine Abbildung von einer enormen Menge an edelsten Bässen erblicken. Leider ist auf der – extra bestellten -  CD-Version dieses Foto nicht mehr enthalten. Wenn jemand die Orginal-LP hat und dieses Foto abfotografiert oder einscannt , würde ich demjenigen eine aktuelle CD von Lemke-Nendza-Hillmann zukommen lassen (Hier gilt, wie beim Preisausschreiben, nur die erste Einsendung zählt). Bis dahin, als Platzhalter, ein artverwandtes Foto aus der Welt von Stanley Clarke:

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Ein Garten Eden für Bassisten. Ich selber war Besitzer eines Undings von Bass der zu Recht vergessenen Firma „Harmony“. Der Hals konnte nur mit unterlegten Streichhölzern gerade gehalten werden und die grässliche sunburst-artige Lackierung habe ich – ohne im Besitz von auch nur grundlegender handwerklicher Begabung zu sein – mühevoll auf unserem Balkon heruntergekratzt. Und dann dieser unzählige tausend Dollar schwere Bassistentraum voller Edelhölzer aus dem Hause „Alembic“!

Meine ersten eigenen Erfahrungen als zu fotografierender Musiker bewegten sich im gefürchteten „Band vor Mauer“-Spektrum. Hier in der Version „Band in der Aula“.

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Oder: Band auf Treppenstufen.

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Oder: Band auf Spielgeräten des nahe beim Proberaum gelegenen Spielplatzes.

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An Absprache der Kleiderordnung, Gedanken zu einer eventuellen Beleuchtung oder gar an eine Maskenbildnerin war nicht zu denken. Die Fotos wurden meist nach einer Probe im wahrsten Sinne des Wortes geschossen, und der Fotograf hörte meist auf den Namen „Selbstauslöser“. Oder er diente im unvermeidlichen  Umfeld der Band („Ich kenn‘ da jemand mit Spiegelreflex“) als Roadie, Fahrer, Groupie und Fotograf in Personalunion. Das ging einige Jahre so und war auch völlig okay, denn auch die Musik war ja noch in ihrer frühkindlichen Phase.

Im Zuge der Veröffentlichung meiner ersten CD „Into The Gap“ – eines fast verschollenen Frühwerks der Spätavantgarde – wurde dann mal ein richtiger Fotograf engagiert. Und es entstand dieses Porträt.

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Im Kern konservativ klassisch, aber doch ganz süß, lief das Ganze unter den Kollegen übrigens bald als das „Schwiegermutter-Beglückungs-Foto“. Diese Abbildung des jungen, hoffnungsvollen Bassisten sollte mich und die geneigte Öffentlichkeit die ersten Jahre meines beruflichen Musikdaseins in unzähligen Programmheften und Presseberichten bis an die Grenze zur Penetranz begleiten. Im Programm der „Offenen Jazzhausschule“ war dieses Bild gar knapp 10 Jahre zu sehen. Der Protagonist war zwar mittlerweile schon deutlich an Jazz und Leben gealtert und wurde somit in der Realität ab und an von neuen Schülern nicht direkt erkannt. Aber wenn man sich nun mal ein Image als Sex-Symbol erworben hat…

Als Alternative zum Studio-Foto gab es in der Folge unzählige Live-Fotos, die den sich am Jazz abarbeitenden Künstler mitten im Geschehen zeigen. Im schwitzenden Nahkampf mit dem Instrument. Ein schwer an seinem Tun leidender Titan, der mit den Elementen der Musik ringt. Das finde ich meist sehr zur Klangwelt des Jazz passend und entsprechend lebendig. Leider kommen dann doch immer wieder mal irgendwelche Typen aus der Kompanie „Schweinchen Schlau“ und erzählen etwas von falscher Haltung der linken Hand. Oder der rechten. Oder gar beider. Oder des ganzen Basses.

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Neben Einzelporträts gibt es auch das wesentlich schwierigere Gebiet der Gruppenaufnahme. Zum einen müssen alle Musiker – und wer schon mal probiert hat, Proben zu koordinieren, weiß, wovon ich spreche – ein (neudeutsch) „gemeinsames Zeitfenster“ finden und in diesem auch noch simultan möglichst intelligent gucken. Oder vielleicht lachen. Oder, als für die meisten unerreichbare Königsdisziplin, total intelligent lachen. Letzteres ist uns auch auf folgendem Klassiker des Duos Angelika Niescier – André Nendza wahrlich nicht gelungen.

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Dennoch war dieses Pressefoto lange Zeit sehr beliebt, und auch mir gefällt es bis heute sehr gut. Bei einem Konzert auf dem Jazzfestival in Eberswalde gelangten wir mit diesem Werk sogar, in DIN A3, auf die Titelseite der örtlichen Kulturzeitung. Das wirkte dann allerdings in dieser Größe doch etwas bedrohlich. Nach dem Motto: Kommen Sie bloß nicht zu unserem Konzert oder Sie betreten die Welt des Schmerzes.

Beim nächsten Foto haben wir es dann doch mal lächelnd probiert. Und das Ganze, weil es zum Cover unserer Fisch-orientierten zweiten CD passen musste, vor einem eigens von mir ausgesuchten Aquarium. Dieses stand übrigens beim einzigartigen Klavierhaus „Heinersdorf“ in Düsseldorf. In diesem eindrucksvollen Gebäude reiht sich, analog zum Bassistentraum von oben, feinster Flügel an feinsten Flügel, und so dient dieses Ambiente öfters als Hintergrund für Fotoaufnahmen. Wegen der Fische war allerdings noch niemand gekommen.

Apropos Piano. Es ist immer wieder schwierig, Gruppenaufnahmen mit Pianisten zu machen, bei denen Instrumente nur als Andeutung gedacht sind. Bassisten können ihren Bogen zur Hand nehmen. Saxofonisten ein Mundstück. Und der Schlagzeuger setzt sich ein Becken auf den Kopf. Bei Pianisten war die Lösung zunächst häufig der Piano-Schal. Alternativ dazu die Melodica. Letzteres kann zu Missverständnissen führen und Ersteres ist ein geschmacklich eher fragliches Relikt aus dem letzten Jahrhundert. Die bessere Lösung: Der Pianist muss so bekannt werden, dass er auch ohne Instrument erkennbar ist. Oder man arbeitet mit dem Ausschlussverfahren. Denn wenn jeder etwas in der Hand hält, was entfernt nach Instrument anmutet, kann der einzelne Rest nur der Pianist sein. Oder die Sängerin.

Ich selber hatte zur Lösung dieser fundamentalen Problematik der Jazzfotografie eine geniale Idee entwickelt. Beim örtlichen Kopiershop ließ ich für mein Quartett schwarze T-Shirts mit Nachnamen und Instrument der beteiligten Musiker anfertigen, was zu folgendem Ergebnis führte.

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Leider fand ich selber diesen scheinbar unangreifbaren Schachzug schon beim ersten Überstreifen der Shirts doch ziemlich kindlich-naiv, und auch die Begeisterung meiner Kollegen ist deutlich an ihren Gesichtern ablesbar. Es gibt nichts Schlimmeres als Ideen, die binnen Sekunden im Steilflug von nobelpreisverdächtig zu absolut grauenhaft herabfallen. So wurde das Bild zunächst schwarz retuschiert (Die T-Shirts, nicht die Köpfe) und dann doch zeitnah fünf Jahre später durch dieses, wie ich finde, deutlich gelungenere ersetzt. Könnte man glatt noch mal im Sommer aufnehmen.

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Grundsätzlich sind Fotosessions von höchst unterschiedlicher Zeitdauer. Das geht vom Schnappschuss bis hin zu mehrstündiger Schwerstarbeit. Eine ziemlich aufwändige Angelegenheit war die bereits oben erwähnte Aktion mit Philipp van Endert. Hier fanden die Aufnahmen, pünktlich zum Wintereinbruch, in einer atmosphärisch grandiosen, aber leider unbeheizten Werkshalle statt. Übrigens das genaue Gegenteil zu unserer vorherigen Session, die im Spätsommer stattfand und bei der wir uns auf einem Feld (plus Windrad) durch stundenlanges Rumstehen eine schönen Sonnenbrand geholt hatten.

Der Fotograf arbeitet auch im Modebereich, und so war auch eine Maskenbildnerin vor Ort, welche der Jazzmusiker-typischen Blässe mit unterschiedlichsten chemischen Mitteln entgegenwirken sollte. Was angesichts der Schwere der Aufgabe auch einiges an Zeit in Anspruch nahm. Dann Spielfotos in der Gruppe, Einzelporträts, Gruppenporträts in unterschiedlichen Aufstellungen und unterschiedlichen Orten. Im Laufe eines solchen Tages wächst die Erkenntnis, dass Model vielleicht doch kein so leichter Beruf ist. Und doch hat das Ganze unglaublich Spaß gemacht, und auch das Ergebnis lässt sich sehen. Ein kleiner (wahrscheinlicher) Outtake als Vorgeschmack:

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Übrigens lobte bei diesem Shooting der Fotograf meine spürbare Erfahrung im Umgang mit der Kamera. (Das Wort „erotische Beziehung“ fiel dann allerdings doch nicht.) Sein Lob macht mich wirklich stolz, denn ich habe hart daran gearbeitet, viereinhalb verschiedene Fotogesichter zu entwickeln. In diesem Zusammenhang fällt mir ein legendärer Kontaktabzug-Bogen ein, bei dem der Saxofonist Johannes Lemke auf circa 40 Bildern nacheinander das exakt gleiche Fotogesicht abrufen konnte. Das wäre doch mal etwas Ungefährliches für „Wetten, dass …“.

Bleibt noch zu erwähnen, dass ich meiner Tochter eine in der Öffentlichkeit besser funktionierende Alternative zu „Ameisenscheiße“ beigebracht habe. Der Vibrafonist Rupert Stamm nannte eine Komposition „Abacaxi“ und das ist wohl das deutlich feiner klingende brasilianische Foto-Lächel-Wort. Ich weiß allerdings nicht, was es bedeutet, und hoffe inständig: nicht „Ameisenscheiße“!

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2 Kommentare zu „Ameisenscheiße“

  1. Pingback: Willkommen im Zwischenraum » Blog Archive » Fast weihnachtlicher, weil bunter Blog.

  2. Keine Angst Abacaxi ist nur das brasilianisch-portugiesische Wort für Ananas.

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