Gnar Gnar Rad

Modern Skatepunk Quartet

Wer beim Namen der Band des Bassisten Moritz Koser erst einmal stutzt, kommt wohl nicht gerade aus der Skatepunk-Szene. Dort beschreibt der Begriff „Gnar Gnar Rad“ – siehe auch das sehr schöne Erklärvideo des Primus-Drummers Brain „Shredding Repis on The Gnar Gnar Rad“ – grundlegende Techniken, die man für den Sport wie für die Musik benötigt.

Gnar Gnar Rad – st (Cover)

„Ich bin früher viel Skateboard gefahren“, erklärt Bassist Moritz Koser, der Bandleader von Gnar Gnar Rad, den Bandnamen, „und habe nur aufgehört, weil ich Angst um meine Knochen hatte. Aber das war auf jeden Fall ein wichtiger Teil meiner Jugend, auch die Musik, die wir damals gehört haben.“

In Speyer, wo er als Jugendlicher in den Nullerjahren eben Grunge und Hardcore-Punk gehört hat, bevor er HipHop entdeckte und von der Gitarre zum (E-)Bass wechselte, hatte Koser bereits in mehreren Bands gespielt. Dann ging er an die Musikhochschule nach Mannheim, um Jazz zu studieren, und pendelte fleißig zwischen Mannheim und Frankfurt am Main, seinem damaligen Wohnort.

Im Studium lernte er dann auch den Schlagzeuger Jonas Stiegler und den Saxofonisten David Sanwald kennen. „Ursprünglich gehörte der Trompeter Felix Roos zur Band, ein Stück von ihm ist noch auf dem Album“, erinnert Koser sich, „aber mittlerweile ist der Posaunist Max Strauch der zweite Bläser. Der Raum zwischen Saxofon und Posaune muss natürlich überbrückt werden, aber das kann ja auch ganz reizvoll sein.“

Das schafft der gebürtige Heidelberger jedenfalls mit links. Fast alle Songs des Albums stammen aus seiner Feder, die einzigen beiden Ausnahmen sind „Molotov“, das er zusammen mit Felix Roos geschrieben hat, und der Song „Venice“, ein Klassiker des Modern Jazz Quartet – ich würde behaupten, wohl das Allerletzte, was Skatepunks sich anhören würden. „Ich kannte den Song von Cannonball Adderley, ich glaube, er stammt aus einem Film“, erzählt Moritz Koser.

Gnar Gnar Rad (Foto: Nina Werth)

Jetzt wird es etwas kompliziert: Auf dem Album „Know What I Mean“, das die Fassung von „Venice“ enthält, die Koser meint, ist Cannonball Adderley zusammen mit dem Pianisten Bill Evans sowie dem Bassisten Percy Heath und dem Schlagzeuger Connie Kay – der Rhythm Section des Modern Jazz Quartet – zu hören. Das Original des Modern Jazz Quartets, dessen Pianist John Lewis den Song geschrieben hat, stammt vom Album „No Sun In Venice“, und diese Fassung wiederum wurde vom französischen Trash-Papst Roger Vadim für seinen gleichnamigen Film aus dem Jahr 1957 verwendet, in dem der deutsche Charmeur O.E. Hasse eine wichtige Rolle spielt.

Letzten Endes lässt sich nicht mehr klären, welche Fassung des Titels Moritz Koser nun eigentlich inspiriert hat. Jedenfalls hat er das Lied kurzerhand für Tenorsaxofon und Posaune arrangiert. Kannten und mochten David Sanwald und Max Strauch das Lied eigentlich auch? „Max und David habe ich gar nicht gefragt, es ist ja schließlich mein Projekt, und ich suche aus, was passiert“, antwortet Koser ziemlich brüsk. „Eine Band als Demokratie funktioniert nicht. Was auf der Bühne passiert, ist natürlich etwas anderes, da kann jeder tun und lassen, was er mag.“

Das mag so manchem harsch erscheinen, ist aber letzten Endes nichts als die Wahrheit. Auch der Jazz – zumindest der, der in einem Studio entsteht – hat mit der viel beschworenen Kollektivität nicht viel zu tun, sondern will von einem Musiker konzipiert oder in diesem Fall arrangiert werden. Amüsanterweise handelt es sich bei „Venice“, wie der Song auf dem Debütalbum von Gnar Gnar Rad zu hören ist, aber um eine Live-Version.

Moritz Koser bringt eine Menge „Attitude“, eine Menge „Swagger“ mit bei dem, was er tut. Davon zeugt auch das Albumcover, eine offensichtliche Anspielung auf das berühmte Clash-Cover von „London Calling“, das wiederum auf ein legendäres Elvis-Cover anspielte. Gnar Gnar Rad verbinden „Attitude“ mit Groove – oder, um in Vorbildern zu sprechen, Art Blakey mit A Tribe Called Quest – und setzen die Ensembleklang-Vorstellung ihres Leaders kompromisslos um. Kosers Jazz darf gerne mal rau, unbequem und punkig klingen – solange er groovt. Und so verknüpfen Gnar Gnar Rad den groovenden Fluss ihrer Musik mit einer stetig köchelnden Intensität. „Jazz ist Groove-Musik“, findet Moritz Koser, „und wenn es groovt, ist vieles erlaubt.“

Jazz thing präsentiert
Gnar Gnar Rad
08.04. Mannheim, Café Alte Feuerwache
01.05. Frankfurt, Jazzkeller
02.05. Marburg, Cavete
03.05. Mannheim, Kazzwoo
18.07. Reichelsheim, Tula Festival

Text
Rolf Thomas
Foto
Nina Werth

Veröffentlicht am unter 153, Heft, Next Generation

Deutscher Jazzpreis 2024