Unser Betriebskapital, das sind wir selbst

[23.4.2020]

Köln (Stadtplan)

Wie konnte es passieren, dass Künstler*innen und Musiker*innen, dass die Kreativwirtschaft überhaupt so gravierend vom Lockdown betroffen sind?
Seit 20 Jahren beobachten wir eine rapide Umwälzung in der Kreativ- und auch Musikwirtschaft. Es wurden viele Kreative „freigesetzt“, die hochqualifiziert waren, für die es aber keine Anstellungsjobs mehr gab. Die wurden als Freiberufler*innen in den freien Markt entlassen, ob sie es wollten oder nicht. Was viele nicht begreifen, ist, dass man als Freiberufler*in kaufmännisch und rechtlich zu 100 Prozent haftet – für alles, was man tut. Und jetzt haben wir eine Situation, in der greifbar geworden ist, wie tief die Kluft zwischen Festangestellten und Freiberufler*innen ist. Das ist systemisch so gewollt: dass viele von uns Kreativen freischaffend sind, aber keine institutionelle Unterstützung bekommen. Das fängt damit an, dass wir keine „Kammerpflicht“ haben und deswegen keine Gebührenordnung aufstellen dürfen, weil das Wettbewerbsrecht dem entgegensteht. Während man also unser Risiko privatisiert, wird unsere Leistung tendenziell „vergemeinschaftet“. Das gipfelte zum Beispiel in der Forderung nach einer Kulturflatrate, um unbegrenzt auf unsere Arbeit zugreifen zu können, für die man glaubte, eh schon bezahlt zu haben – mit den Gebühren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk beispielsweise. Seit Anfang des Jahrtausends haben wir im Urheberrecht zwar neue Ansprüche eingeräumt bekommen, doch uns Urheber*innen werden keine Instrumente an die Hand gegeben, um diese auch durchsetzen zu können. Wir brauchen eine massiv gestärktes Urhebervertragsrecht und Instrumente wie Verbandsklagen, wir müssen jetzt darauf pochen, dass sich grundlegend etwas ändert. Wir sollten die Krise als Impuls für Veränderungen sehen.

Was muss unternommen werden, dass sich kreative Berufe gegen die existenziellen Folgen einer Krise wie dieser besser schützen können?
Der 23. April ist der UNESCO-Welttag des Buch- und Urheberrechts. Aus diesem Anlass werden wir mit der Initiative Urheberrecht unter anderem die bereits angesprochene Stärkung des Urhebervertragsrechts fordern – als wesentlichen Aspekt einer nationalen Umsetzung der europäischen Urheberrechtsrichtlinie. Es ist grundsätzlich problematisch, wenn diejenigen, die in der Asymmetrie des Marktes unten stehen, „Geschenke“ von oben bekommen. Wir wollen keine Almosen, wir fordern Vergütung.
Deshalb müssen wir beginnen, an jede Art der Förderung und Bezuschussung durch die öffentliche Hand Verpflichtungen zu knüpfen: Wenn zum Beispiel ein Club eine öffentliche Förderung erhält, muss er auch eine Mindestgage zahlen. Vom Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk muss man verlangen, fair und verantwortungsvoll mit seinen „Schutzbefohlenen“ umzugehen, die wir es als Beauftragte ja auch sind.
Wir als Kreative müssen definieren, was für uns „Best Practice“-Vorstellungen sind, um sie all denjenigen als Bedingung und Grundlage des Handelns mitzugeben, die öffentlich gefördert werden. Ich mag den Begriff „systemrelevant“ nicht. Wir können aber davon ausgehen, dass es in der Geschichte unserer Republik noch nie eine Situation gegeben hat, in der unsere Kulturarbeit so offensichtlich unverzichtbar war. Die Gesellschaft droht uns um die Ohren zu fliegen. Wir brauchen identitätsstiftende Prozesse, wir müssen Möglichkeiten schaffen, dass Menschen ihre Gefühle kanalisieren, sich selbst wahrnehmen und mit anderen in Kontakt treten können. Deshalb muss es für uns eine Bestandsgarantie geben, als Teil der gesamtgesellschaftlichen Daseinsfürsorge. Weil sich eine Gesellschaft unsere Existenz als Kreative eben nicht leisten können muss, sondern man es sich nicht leisten kann, auf uns zu verzichten.
Nicht nur, aber auch für die Jazzszene gilt: Der ausgeprägte Individualismus und die Weigerung, in Verbände und Gewerkschaften einzutreten, sind Teile des Problems. Wer mit der Gesamtsituation unzufrieden ist, der sollte nicht noch zu ihrer Verschlechterung beitragen, zum Beispiel durch kostenlose Streaming-Konzerte, die tendenziell eher Teil des Problems als dessen Lösung sind. Wobei ich in der Frage hin- und hergerissen bin. Wir Kreative haben eben eine Verantwortung, die natürlich über das Geldverdienen hinausgeht. Wir können mit dem, was wir tun, Menschen berühren, wir können Ängste nehmen und Menschen zusammenführen. Deshalb sollte man uns professionellen Akteur*innen mit dem notwendigen Respekt entgegentreten: Ich will in der Krise nicht gerettet, sondern auch dann als Künstler*in adäquat für meine Leistung bezahlt werden.

Text
Martin Laurentius
Foto
openstreetmap.org (CC BY-SA)

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Michael Wollny