Zwischending für Zwischenzeiten: Hamburg Stream

[6.5.2020]

Hamburg (Stadtplan)

In Zeiten von Social-Distancing und Lockdown ist das Live-Konzert, der spannungsgeladene Moment der musikalischen Interaktion zwischen Musikern und ihrem Publikum, ein fernes, schmerzlich herbeigesehntes Wunschbild. Einen echten Ersatz gibt es nicht, doch man kann versuchen, was noch fehlt, so gut und verlustfrei es eben geht, zu ersetzen. Streaming-Konzerte, so scheint der Konsens zu sein, kommen einer Behebung des Mangels bisher am nächsten.

In allen deutschen Zentren des Musiktreibens, in Berlin oder Köln, München oder Mannheim haben sich Initiativen gebildet, die auf diesem Weg ein lebendiges Konzertleben aufrechterhalten. In Hamburg sorgt „Hamburg Stream“, eine Initiative aus dem Dunstkreis der Jazz Federation Hamburg, des Jazzbüros Hamburg und des Jazzstudiengangs an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg (HfMT) dreimal in der Woche mit gestreamten Konzerten für einen steten Fluss von neuer Live-Musik aus den Bereichen Jazz, Weltmusik und kammermusikalische Klassik. Im großräumigen Heimstudio von Wolf Kerschek, des Vibrafonisten, Pianisten, Komponisten, Dirigenten und Leiters des Jazzstudiengangs an der HfMT sind die Voraussetzungen für die Einhaltung der Abstandsregeln und hohe Soundqualität gegeben.

Kerschek, der selbst als Vibrafonist des Gabriel Coburger Quartet beim Debüt von „Hamburg Stream“ mitwirkte, zieht eine erste – und ausgesprochen optimistische – Zwischenbilanz seiner Begegnung mit einem neuen Weg der Musikdarbietung. Stefan Hentz hat das Mikrofon aufgebaut.

Wolf Kerschek: Wir haben vor ein paar Wochen „Hamburg Stream“ ins Leben gerufen. Ich habe zu Hause ein Studio für große Orchester, wo auf jeden Fall mehr als zwei Meter zwischen den Musikern eingehalten werden können, und es gibt auch einen größeren Vorraum, so dass wirklich alles safe ist. Da machen wir jeden zweiten Tag Streaming-Konzerte, es gibt eine Minimalgage, das hat die Jazz Federation Hamburg mit Unterstützung der Adalbert-Zajadacz-Stiftung und dem Jazzbüro ermöglicht, und die Zuschauer können über Internet für die Musiker spenden (Danke an Clemens Seemann und Christophe Schweizer). Es gibt Kollegen, die sagen, man sollte solche Streaming-Konzerte nicht machen, weil man damit etwas, wofür man eigentlich bezahlen müsste, „umsonst weggibt“. Als Künstler kann man manchmal aber nicht anders, als sich mitzuteilen und sich auszutauschen, was die eigenen Gedanken und Gefühle betrifft und Musik ist da unser Medium.

Wie fühlt man sich als improvisierender Jazzmusiker, wenn man in der sterilen Atmosphäre eines Konzerts ganz ohne anwesende Zuhörer spielt?
Wolf Kerschek:
Natürlich ist es immer schöner, live zu spielen, das kann auch durch nichts ersetzt werden, aber wir befinden uns gerade in einer besonderen Zeit, und ich denke, es zeichnet uns Jazzmusiker aus, dass wir in der Lage sind, unerwartete Situationen so zu nehmen, wie sie sind, und dabei manchmal auf Dinge kommen, auf die wir sonst nicht gekommen wären. Und ich muss ehrlich sagen, unsere ersten Konzerte hatten jeweils etwa 1000 Klicks, und die Spenden, die dort im Augenblick fließen, hätte ich mir als Gagen für die Jazzclubs im regulären Betrieb gewünscht. Aber mir ist das alles zu wirtschaftlich gedacht. Der Hauptgrund, warum wir das machen, ist eher, dass der Kontakt zwischen den Musikern und dem Publikum nicht verloren geht, und dass sich manche Leute das regelmäßig anschauen und dort vielleicht Musiker entdecken, die sie dann später, wenn die Krise vorbei ist, auch endlich live erleben wollen. Solche Dinge können sehr neugierig machen.

Das klingt ja fast, als hätte die Musik darauf gewartet, durch eine Krise auf einen neuen Vertriebsweg gestoßen zu werden.
Wolf Kerschek:
Streaming-Konzerte sind ja etwas relativ Neues, so ein Zwischending. Jeder Musiker kennt das ja, wie man sich im Studio vor lauter Anspruch, alles perfekt zu machen, selbst blockiert, und andererseits kennen wir, dass wir auf der Bühne mit der Erwartungshaltung all der Zuschauer klarkommen müssen. Streaming liegt da irgendwo dazwischen. Wie bei einem Live-Konzert kann nichts repariert werden. Man sieht auf einem Monitor im Studio eine Zahl, soundso viele schauen zu, aber man sieht diese Leute nicht – das ist ungewöhnlich, aber da gewöhnt man sich dran und findet dann hoffentlich auch seinen eigenen Weg, damit umzugehen. Einige von den Musikern waren da schon ein bisschen aufgeregt, weil das auch für sie eine neue Situation war.

Wenn die Nachfrage nach den Streams so hoch ist, macht man sich dann auch Gedanken darüber, wie man dieses Format weiterentwickeln und vielleicht auch längerfristig als einen neuen Weg der Publikumsansprache etablieren kann?
Wolf Kerschek:
Ich finde auch spannend, dass wir jetzt mal dazu kommen, neue Dinge auszuprobieren und zu gucken, wieweit wir damit kommen. Mit jedem Stream lernen wir etwas Neues, was die Präsentation angeht, wie wir mit Licht oder der Art, wie wir mit Bildern umgehen, wie wir auch in dieser Situation Konzertatmosphäre vermitteln können. Wir lassen uns beispielsweise während eines Konzertes vom Publikum Fragen zusenden, so dass die Musiker das dann auf ihrem iPad im Studio sehen können und selber überlegen, ob sie dazu etwas sagen wollen, oder eben nicht. Ich finde das gerade sehr spannend, was das Publikum teilweise für Gedanken hat, wo man selber als Musiker gar nicht draufgekommen wäre. Da gab es schon interessante Kommunikationen, schließlich ist es etwas Anderes, ob die Leute vor einem sitzen und klatschen und ansonsten ruhig sind und vielleicht auch mal mitgehen oder ob die Leute Fragen stellen, die sehr konkret sind. Die Frage ist allerdings: Wie ernst nimmt man diese Chatgeschichte? Lenkt einen das ab? Ist das Unsinn? Aber das ist ja das Spannende: Man experimentiert, lernt dabei neue Dinge, und es wird bestimmt etwas übrigbleiben, was sich in unseren Gedanken und unseren Fähigkeiten zu kommunizieren verändert hat. Ganz platt ausgedrückt: Ich habe mir in meinem Leben selten über Bilder, über Licht und solche außermusikalischen Faktoren Gedanken gemacht, und nun merke ich, dass das sehr viel beeinflussen kann. Das möchte ich auch in den normalen Konzertbetrieb mit herüber nehmen.

Ein neues Medium, ein neuer Anfang, ein neuer Zauber?
Wolf Kerschek:
Das ist jetzt das Motto der kommenden Wochen, dass man einfach mehr Streaming-Konzerte macht, weil eben nichts Anderes geht. Es gibt immer mehr, die das machen, und mit zunehmender Masse wird das Interesse dann auch entsprechend spezialisierter und die Konzeptions- und Qualitätsunterschiede werden sichtbar. Das wird sicher auch in Zukunft weitergehen, die Idee an sich ist ja nicht neu. Es ist nur so, dass nicht nur die Elbphilharmonie das darf, sondern dass viele Leute das in kleineren Locations machen, und dass das ein bisschen „Grassroots-mäßig“ auch von den Musikern selbst ausgeht. Das ist eigentlich das Neue.

SH: Wenn der Charme der Live-Streams wirklich darauf beruht, dass der Impuls von den Musikern ausgeht, bereitet das nicht einem unguten Dilettantismus Tür und Tor?
Wolf Kerschek:
Man wird lernen, was daran gut ist, und was nicht gut ist und was man für die Bühne mitnehmen kann, was man fürs Studio mitnehmen kann. Irgendwann wird es wieder Konzerte geben, erst mit weniger Publikum, dann mit mehr Publikum und dann wird es vielleicht Mischformen geben, da ist ja alles denkbar. Ich habe zum Beispiel vor, wenn wieder Publikum erlaubt ist, dass ich dann Hamburger Bands anbiete, dass sie hier ein Konzert machen mit kleinem Publikum, dem engsten Kreis und das dann aber auch gleichzeitig streamen und gleichzeitig aufnehmen – dann hat man alles in einem Aufwasch und muss nur einmal kommen.

SH: Was wird von den Live-Streams bleiben, wenn die Corona-Krise einmal überwunden ist?
Wolf Kerschek:
Angenommen, es gibt eine Lockerung des Lockdown, man darf wieder Publikum in den Raum lassen, nicht mehr als 40 Leute zugleich, dann streamt man es eben gleichzeitig und hat trotzdem viele Leute, die es gleichzeitig sehen können, und nur ein paar sind wirklich vor Ort. Das wird sich entwickeln. Während sich bei den ersten Streams, die es so gab, irgendwer selbst mit dem iPhone zu Hause aufgenommen hat, kommen nun Leute, die sagen, wir wollen das richtig gut machen. Und je mehr auf dem Markt ist, desto mehr wird Qualität ein Maßstab sein. Irgendwann wird sich das zu einer weiteren Form der Darbietung entwickeln. Ich glaube nicht pur, eher so als Zusatzding für Konzerte, die sowieso stattfinden.

Text
Stefan Hentz
Foto
openstreetmap.org (CC BY-SA)

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