New York im künstlichen Koma

[20.5.2020]

New York (Stadtplan)

Mittlerweile ist New York zum Epizentrum der Pandemie geworden. Mit 17.589 Toten (!) (Stand 19.05.2020) sind es in der Stadt ziemlich genau doppelt so viele wie in ganz Deutschland. Das verdeutlicht die Lage auf ziemlich drastische Weise. Die Krankenwagen ziehen täglich ihre Kreise im Viertel und auch der Anblick von den großen, weißen Kühltransportern gehört zur traurigen Wirklichkeit.

Dagegen stemmt sich der Überlebenswille der Stadt – jeden Abend um 19 Uhr ertönt ein lautes Konzert auf den Straßen. Aus den Fenstern trommeln die Menschen auf Töpfen und Gläsern, in den Straßen bleiben sie stehen, um zu klatschen und zu singen, aus Lautsprechern ertönen lautstark bekannte New-York-Hymnen wie Alicia Keys‘ „Empire State Of Mind“ oder Frank Sinatra mit „New York, New York“.

Times Square

Die Stadt ist in Schockstarre – die Häuserschluchten von Manhattan sind wie leergefegt. Aber darunter brodelt es. Der Hashtag #cancelrent verbreitet sich wie ein Lauffeuer, fast niemand hat die Miete für Mai bezahlt, zumindest Zwangsräumungen wurden verboten. Initiativen formieren sich, um sowohl kulturelle und gastronomische Einrichtungen als auch deren Protagonisten zu unterstützen. Musiker aus Brooklyn organisieren ein tägliches Streamingkonzert, bei dem alle Erlöse an die Künstler gehen. Die Musikerinitiative Livefromourlivingrooms hat im April ein hochkarätiges Streamingkonzert veranstaltet und dabei 59.000 US-Dollar für bedürftige Musiker gesammelt.

Radio City Hall

Mit interessanten Beiträgen haben sich unter anderem große Namen wie Joe Lovano, Chick Corea, Julian Lage, Bill Frisell und Thana Alexa beteiligt. Auch Jazzclubs wie das Birdland streamen mittlerweile teilweise aus leeren Räumen. Trotzdem bleibt die Frage: Wie geht es weiter? Es herrscht noch immer ein absoluter Lockdown und auch der fordert seine ersten Opfer. Der legendäre Irish Pub „Coogan’s“ in Washington Heights musste seine Pforten bereits schließen und auch das fast 100-jährige, berühmte Geschäft „Gem Spa“ ist nicht mehr. Die endlose Liste geschlossener Läden auf ny.eater.com treibt einem Tränen in die Augen.

Seit dem 6. Mai fährt nun auch die U-Bahn nicht mehr 24 Stunden durchgehend, sondern wird über Nacht stillgelegt. Es ist das erste Mal in der Geschichte der New Yorker Subway seit ihrem Beginn vor 115 Jahren. Zwar hat seit zwei Monaten kaum jemand die U-Bahn benutzt, aber es ist ein symbolischer Einschnitt – und es bleibt die Frage, wie New York zurückkommt. Die Stadt, die ja normalerweise niemals schläft, wurde in ein künstliches Koma versetzt.

Jacob Riss Beach

Aber auch nach dem ultimativen Schock von 9/11 hat sich die Stadt erholt. Auch jetzt zeigt sich dieser Spirit. Und so wird eben das Fahrrad zum Fortbewegungsmittel Nummer 1. Bürgermeister Bill de Blasio hat bereits viele Straßen für Fahrzeuge geschlossen und im Eiltempo neue Fahrradwege erschlossen. So kommt man bequem und sicher zum Jakob Rijs Park, einem ruhigen Strand in Queens, und kann für einige Stunden dem Corona-Horror entfliehen.

Um wieder mit Sonny Rollins zu schließen, der mittlerweile 89-jährige Saxofonist hatte sich gestern in einem großen Artikel für die „New York Times“ zur aktuellen Lage geäußert: „Art never dies. It’s infinite, and without it, the world wouldn’t exist as it does. It represents the immaterial soul: intuition, that which we feel in our hearts.“


Mariana Meraz ist Fotografin, die in Brooklyn, New York, und Berlin lebt. Mit dem Foto-Essay-Buch „19 Times“ fängt sie in eindrucksvollen Bildern die Atmosphäre während der Corona-Pandemie in New York ein. Merez‘ Buch erscheint am 27. Mai im Kerschensteiner Verlag.

Text
Tobias Meinhart
Foto
openstreetmap.org (CC BY-SA) // Fotos New York: Mariana Meraz

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