Bezau Beatz 2020

Kind Of Joy: Ben Goldbergs „Plague Diary“

[4.6.2020]

Berlin (Stadtplan)

Mit Bands wie dem New Klezmer Trio, Junk Genius oder Tin Hat Trio sowie zahllosen singulären Projekten ist der Klarinettist Ben Goldberg in den letzten drei Jahrzehnten zu einem Fixpunkt der freien Jazz-Szene in Kalifornien geworden. In San Francisco wütet Covid-19 zwar nicht so verheerend wie in New York, die Folgen für Jazzmusiker sind aber vergleichbar. Auch Ben Goldberg lebt seit Ende März in Isolation. Der Tristesse entkommt er mit einem „Plague Diary“, mit dem er seine Empfindungen und Erfahrungen nahezu täglich in Musik übersetzt und mit der Allgemeinheit via Bandcamp teilt.

Wolf Kampmann: Selbst ohne die Corona-Bedingungen wäre ein musikalisches Tagebuch, in dem täglich ein neuer Track entsteht und mit den Hörern geteilt wird, ein sehr ungewöhnliches Projekt. Wie kam es dazu?
Ben Goldberg:
Das basiert auf purer Verzweiflung. Ich habe innerhalb von zwei Tagen meine komplette Arbeit für die folgenden Monate verloren. Das betraf Tourneen, Konzerte, Festivals, alle damit verbundenen Aufträge; und natürlich all das Geld, das ich damit verdient hätte. Ich war einfach nur schockiert. Was sollte ich also tun? Zum Glück habe ich die Möglichkeit, zu Hause aufzunehmen. So kam ich auf die Idee eines Tagebuchs, denn mir fiel einfach nichts anderes ein.

Dennoch finde ich es erstaunlich, täglich ein neues Stück in einer Situation umzusetzen, in der ein Tag dem anderen gleicht. Woher kommt deine Inspiration?
Diese Frage ist ein zentraler Beweggrund für dieses Projekt. Ich setzte mir das Ziel, jeden Tag einen Song fertigzustellen. Inspiration spielt dabei eine geringere Rolle als Verzweiflung. So habe ich einen Job, den ich jeden Tag erfüllen muss. Für mich fühlt es sich heilsam an. Ich kann es mir in dieser Situation nicht leisten, auf Inspiration zu warten, und ich kann auch kein Konzept ausformulieren, bevor ich den Song aufnehme. Mein Job besteht darin, eine Idee zu entwickeln und zu sehen, ob sie funktioniert. Viele dieser Ideen führen ins Nirgendwo, aber ich nehme alles auf, was mir in den Sinn kommt. Und dann hoffe ich täglich auf etwas, das mich davon packt, ein Sound, eine Phrase, eine Melodie, eine Akkordfolge, aus der ich etwas machen kann. Wenn ich es finde, habe ich etwas zu tun. Meist verbringe ich bis zu 15 Stunden pro Tag mit diesen Aufnahmen. Normalerweise ist der Song erst spät in der Nacht fertig. Das klingt nach viel Zeit, aber ich muss dafür trotzdem extrem schnell sein. Für mich ist das eine neue Erfahrung, denn ich neige dazu, an einem Stück viele Tage am Klavier zu schreiben und sicherzustellen, dass jede Note an der richtigen Stelle ist. Für all das ist jetzt keine Zeit. Allerdings zahlt sich meine lange Erfahrung im präzisen Schreiben von Musik nun aus. Ich muss all diese angeeigneten Fähigkeiten nutzen, um schnell zu reagieren.

Sind diese Songs Übersetzungen deiner täglichen Stimmung, oder ist das ein anderer Prozess?
Gerade passiert etwas, dass wir noch nie zuvor erlebt haben. Der Job des Künstlers besteht darin, so gut es geht mit dem Moment zu arbeiten und seine Vorstellungskraft mit den jeweiligen Umständen zu synchronisieren. Momentan sind wir alle isoliert. Ich habe nur mich und keine anderen Musiker, mit denen ich arbeiten könnte. Insofern muss ich mit meinen limitierten Fähigkeiten auskommen. Ich bin nicht der beste Pianist, aber augenblicklich bin ich eben der beste Pianist, den ich bekomme. Es ist also weniger die Übersetzung der täglichen Erfahrung, als deren Einbeziehung. Gegenwärtig besteht die Herausforderung für jeden Künstler darin, überhaupt zu arbeiten. Erst später werden wir in der Lage sein, den Moment zu verstehen. Dann werden wir Zeit haben, darüber nachzudenken, aber wir werden nicht mehr all die unterschiedlichen Erfahrungen und Gefühle heraufbeschwören können. Also müssen wir jetzt mit dem Material des Augenblicks arbeiten, um es später verinnerlichen zu können.

Wenn ich die Stücke vom ersten Tag bis zum jetzigen Zeitpunkt höre, entsteht Eindruck, die anfangs spürbare Verzweiflung lässt im Lauf der Zeit merklich nach.
Das stimmt. Musikmachen ist mit enorm viel Freude verbunden. Es fühlt sich für mich an wie eine kreative Explosion. Ich spiele mit verschiedenen Settings wie Tape Delay und verrückten Guitar Pedals. Es macht Spaß, die Klarinetten und Keyboards über diese Effekte zu spielen. Ich verbessere auch meine Fähigkeiten im Mixen von Mehrspuraufnahmen. Plötzlich kann ich bestimmte Sounds zu einem Song hinzufügen. Ich habe wirklich eine gute Zeit damit. Das hört man sicher in der Musik. Aber generell reagieren wir auf Verzweiflung oft mit einer Art von Freude. Auch in der Pandemie leben wir ja weiter. Ich habe Glück, denn ich habe genug zu essen und einen Platz zum Leben. Ich bin gesund. Plötzlich wird man sich dieser Dinge bewusst, und auch dieser Prozess übersetzt sich in der Musik.

Ben Goldberg

Mit anderen Worten, dein Tagebuch beschreibt auch einen persönlichen Prozess des Lernens.
Ich versuche jeden Tag etwas Neues auf dem Klavier, das mir zunächst unmöglich erscheint. Und es fasziniert mich zu spüren, dass ich jeden Tag etwas besser werde. Ich wollte mich schon immer auf dem Klavier vervollkommnen, und aus einer Not heraus passiert das nun. All die beschriebenen Effekte benutze ich nicht mehr nur, sondern ich beginne sie zu verstehen und mache sie mir gefügig. Dadurch erweitert sich derzeit mein instrumentales Spektrum. Ja, ich lerne viel. Es gibt aber auch noch ein tieferes Level der Erkenntnis. Als ich mir bewusst wurde, wie viel Arbeit ich verloren hatte, wurde mir auch plötzlich klar, wie viel Arbeit ich überhaupt habe. Als ich in einem ruhigen Moment auf den Kalender schaute, konnte ich gar nicht glauben, dass ich ernsthaft all diese Dinge geplant hatte. All diese Flüge und Touren – das war total krank, aber für mich war es das normale Leben. Nachdem all das gecancelt war, hatte ich endlich wieder Zeit, Kunst zu produzieren, statt einen Großteil meiner Zeit auf Flughäfen, in Hotels und auf Soundchecks rumzuhängen. All das ist wichtig für die Musik, aber es ist eben nicht dasselbe wie Kunst zu machen. Solange mir nicht das Geld ausgeht, empfinde ich diesen Umstand als Geschenk. Mit anderen Worten, die aktuelle Situation gibt mir die Möglichkeit, etwas Tiefergehendes über Kunst zu lernen.

Du bist ja ein sehr kollaborativer Musiker, aber jetzt hast du nur die Möglichkeit, mit verschiedenen Versionen von Ben Geldberg zusammenzuarbeiten. Was bedeutet das für dich?
Zu versuchen, einen Funky-Riff auf dem Keyboard zu spielen. Das habe ich in all den Jahren, in denen ich versuchte, ein ernsthafter Jazz-Komponist zu sein, vor mir selbst versteckt. Plötzlich treten meine simplen Rock‘n'Roll-Ambitionen zutage. Nicht, dass ich besonders gut darin wäre, aber ich lerne mir auf neue Weise selbst zu vertrauen. Es gibt ein paar Stücke, in denen ich ein Klarinettenduo mit mir selbst spiele, in anderen Songs spiele ich Keyboards und Klarinette. Das läuft wie im Kreis. Ich spiele einen Klarinettenpart, erfinde dazu einen Keyboardpart und muss am Ende einen neuen Klarinettenpart dafür schreiben, weil es sonst nicht mehr funktioniert. Oft weiß ich nicht genau, was ich da mache, aber zu den Sachen, die ich lerne, gehört das Vertrauen ins Unbewusste.

Wie lange wirst du das „Plague Diary“ fortsetzen, und werden vielleicht andere Musiker hinzukommen, wenn sich die Bedingungen verändern?
Ich weiß nicht, wie lange ich das Projekt fortsetzen werde. Ich habe jetzt fast 70 Songs gepostet. Auf diesem Weg trat mehrfach der Punkt ein, an dem es nicht weiterzugehen schien. Aber ich raffe mich jeden Tag wieder auf. Vielleicht führe ich es fort, bis der Lockdown vorbei ist. Aber nicht einmal das kann ich klar sagen, denn im Moment macht es mir solchen Spaß, all diese Dinge zu lernen. Augenblicklich gibt es keinen Plan aufzuhören.

Du bist kein Amateur, sondern musst von deiner Kunst leben. Warum stellst du diese Arbeit von Monaten kostenfrei zur Verfügung?
Das ist mir sehr wichtig. Für mich besteht das Verhältnis zwischen Künstler und Gesellschaft darin, dass der Künstler der Gesellschaft etwas gibt. Das ist sein Job. Deshalb leben so viele Künstler in Armut. Wir können nicht aufhören zu geben. Sicher ist es gut, wenn wir einen Weg finden, von unserer Kunst zu leben, aber noch viel wichtiger ist es mir, dieses Verhältnis zwischen Künstler und Gesellschaft am Leben zu halten. Und dieses Verhältnis beruht auf Geben und Teilen.

Text
Wolf Kampmann
Foto
openstreetmap.org (CC BY-SA) / Foto Ben Goldberg: Ken Weiss

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