Vielleicht muss man seine Hörparameter neu justieren, umdenken. Denn von einem skandinavischen Musiker erwartet man normalerweise Anderes, auch wenn es nicht immer der klassische ECM-Sound sein muss. Aber hier beginnt alles schon mal, als wären die Aufnahmen nicht bei minus zehn Grad vor der Studiotür entstanden, sondern an der schwülheißen Copacabana. „Toninho“ hat der schwedische Bassist Jon Henriksson dem brasilianischen Gitarristen Toninho Horta gewidmet, wobei die flirrende Akustikgitarre und die subtilen, wortlosen Vocals auffallen. Selbst wenn Henriksson mit seinem Grundquartett um Rasmus Sørensen (Piano), Jonas Bäckman (Drums) und Karl-Martin Almqvist (Saxofon) danach ganz allmählich wieder die Kurve zur klassischen Straight-Ahead-Gangart kriegt, spürt doch jeder die ungewohnte Hitze, die Lust und die immense Spielfreude der Band, zu der noch Gitarrist Pelle von Bülow und der Posaunist Rasmus Holm stoßen. Henrikssons Stärke liegt bei seinen Kompositionen, in denen sich Rollen, Texturen und Formen ungehindert in alle Richtungen ausdehnen dürfen. Ein Aspekt, der im Jazz heute viel zu selten Beachtung findet.
Text
Reinhard Köchl
Ausgabe
, Jazz thing 163
Veröffentlicht am 20. Jul 2026 um 07:57 Uhr unter Reviews