André Nendza

Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr sind wie dafür geschaffen – wenn ich nicht die gerade frisch geschenkten DVD-Boxen von Serien wie „Monk“ oder „Six feet under“ in Vierer- bis Sechser-Einheiten durcharbeite –, Lebkuchen essend und mit der Fernbedienung bewaffnet, auf dem Sofa Musik zu genießen. Die zu hörenden Klänge bewegen sich allerdings, gemäß meiner traditionell melancholischen Winterstimmung, im eher sentimental-kitschigen Bereich und sind zudem durch fast völlige Jazzabstinenz geprägt. Deshalb, mit besten Grüßen an den wunderbaren Nick Hornby, meine ultimativen Jahresend-Top-5:

1a) Jacques Brel – Tout Brel
ist eine fabulöse 3-CD-Brel-Kollektion, in der von „Le plat pays“ bis „Ne me quitte pas“ alles Wesentliche zu hören ist. Diese CDs funktionieren besonders gut in Kombination mit
1b) Jacques Brel – Tout Brel,
einer Sammlung sämtlicher Texte des belgischen Chansonniers aus dem Hause 10/18. So kann man – mal laut, mal leise – beseelt mitsingen und den Zustand Brel nachempfinden. Das funktioniert in meinem Fall eher phonetisch, denn selbst mein rudimentäres Schulfranzösisch ist vor langer Zeit entfleucht. Wenn ich dann wieder wirklich verstehen möchte, was ich da voller Inbrunst singe, wechsle ich zu
1c) Klaus Hoffmann – singt Brel
Hoffmann verfolgt mich, aufgrund der ausgeprägten Liedermacher-Begeisterung meiner Eltern, seit meiner Kindheit. Hier kann man ihn, in guter Übersetzung und den originalen Arrangements, Bruder Jacques trefflich auf Deutsch interpretieren hören: „Lass mich Schatten sein, deines Schattens sein, Schatten wie ein Hund, lass mich Schatten sein…“

2) Mark Hollis – Mark Hollis
Dieses auch schon fast zehn Jahre alte Meisterwerk des ehemaligen Talk-Talk- Frontmannes ist für mich die Pop-CD der 90er. Sehr reduziert und luftig, manchmal geradezu bizarr arrangiert, schielt Herr Hollis auf alles andere als Verkaufszahlen. Mit pathetischer, fast überschlagender Stimme Zeilen wie „Have I said too much, makes it harder, the more you love…“ zu skandieren, gehört immer wieder zu den besonderen Momenten zwischen Hauptgang und Nachspeise. Und immer schwingt die Frage mit: „Wird es ein zweites Album des Meisters geben?!“

3) Simon & Garfunkel – The Concert in Central Park
Nahezu sämtliche Hits des Duos auf einer CD. Jedes Mal Gänsehaut, wenn die Zeile „counting the cars on the New Jersey turnpike“ zu spontanem Jubel der Massen führt. Ich liebe das kollektive Unbewusste. Große Freude bereitet es auch, wenn man bei „The Boxer“ nach „Lailelai“ ein „Wrumm!“ ruft und das mit einer entsprechenden Gestik (z.B. angedeutetes Klatschen über dem Kopf) untermalt. Gesanglich sind Paul & Artie, so nenne ich meine Freunde insgeheim, recht anspruchsvoll und so funktioniert das Mitsingen meist besser unter Zuhilfenahme von Alkoholischem. Hier habe ich beste Erfahrungen mit ungarischem „Fütyülös“ gemacht, denn Getränke mit mehr als zwei Umlauten sind so gefährlich, wie sie sich aussprechen; so werden sämtliche Kriterien hinsichtlich Intonation und Textsicherheit nach und nach aufgeweicht und lösen sich letztendlich in weihnachtlichem Wohlgefallen auf.

4) Meret Becker & Ars Vitalis – 1993-95
Dadaistisches Musiktheater trifft auf fragile Lieddarstellerin in der „Bar jeder Vernunft“. Gelungene Mischung aus schräg interpretierten Standards, Tom-Waits-Songs und vielem mehr. Der von Meret gesprochene Holländer-Text „Wenn ick ma tot bin“ treibt mir zielsicher die Tränen in die Augen und am Ende der CD sitzen wir mit einem kleinen Funkgerät auf dem Gipfel der Welt… düd-dah-did…
(Randbemerkung: Die CD war, auf 1000 Stück mit Spezialcover limitiert, schnell ausverkauft und ist jetzt auf der Homepage von Ars Vitalis gratis downloadbar.)
Ich hatte übrigens vor einigen Jahren das große Vergnügen, Ars Vitalis auch mal an Silvester erleben zu dürfen. Ein wahrlich triftiger und lohnender Grund, das Sofa zu verlassen. Vertreibt jeden Anflug von Neujahrs-Depression.

5) Miles Davis & Gil Evans – The Complete Columbia Studio Recordings
Nach einem Titel von Ars Vitalis gibt es dann doch „leider wieder Jazz“. Wenn meine Stimme nach zu intensivem Gesang rau und heiser ist, lausche ich – schweigend und demütig – meinem großen Jazzhelden. Und obwohl ich die meiste Zeit des Jahres eher das zweite große Miles-Davis-Quintett bevorzuge, sind die zeitlos grandiosen Gil Evans’schen Gestaltungen ein immer passender, geschmackssicherer Ausklang des Jahres.

Diese fünf Werke sind Ritual. Darüber hinaus erfreue ich mich einer immer größer werdenden iTunes-Bibliothek, in der von der rotrosigen Hilde Knef über Bobo Stensons Version von „Send in the Clowns“ und Nylons „Ein Tag, den du magst“ bis hin zu Stephan Remmlers „Turaluralu“ so einiges an Festtagstauglichem zu finden ist.

Das neue Jahr wird dann gerne von mir mit Charles Mingus‘ „Better get hit in your soul“ begrüßt. Man muss ja nach zu viel Beschaulichkeit auch mal fegen!

In diesem Sinne: Nur Bestes für 2008!
André Nendza

PS: Was sind eure Titel für diese Tage? Freue mich über Inspirationen zwecks Leerung des weihnachtlich gefüllten Geldbeutels

Veröffentlicht am unter Blog thing
Trackback URL: https://www.jazzthing.de/blogthing/unterm-jahresendbaum/trackback/

6 Kommentare zu „Unterm Jahresendbaum“

  1. _ Joni Mitchell ‚‘Both Sides Now'‘
    wunderschöne Musik mit fantastischen Arrangements von
    Vince Mendoza und einer anrührenden Stimme
    _ The Notwist ‚‘Neon Golden'‘
    die für mich best produzierteste Platte der letzten
    Jahre überhaupt
    Melancholische Texte, tolle Harmonien, unglaublich
    intensiv, klasse Songs (erinnert mich sehr an
    A.Tronic!)
    _ Olivier Messiaen ‚‘ Éclairs sur l`Au- Delà ‚‘
    _ Fabrizio Cassol /Kris Defoort ‚‘Variations on a love
    Supreme'‘
    eine meiner Lieblingsplatten überhaupt, orchestral und
    wahnsinnig gut kompositiorisch verarbeitet
    _ Steve Swallow/ Ohad Talmor Sextett ‚‘L'histoire du
    Clochard'‘
    Kompositionen von S. Swallow und Arrangements von
    O.Talmor
    _ Maria Schneider Orchestra ‚‘Allegrèsse'‘
    Zum neuen Jahr gibts bei mir immer Frank Zappa und Led
    Zeppelin.

  2. Bei mir gibt’s zum Jahresbeginn nur skurriles im Player: „Highway To Hell“ etwa von AC/DC erweckt längst vergangene Jugendträume zu neuem Leben, hingegen Joni Mitchells „miesmuschelige Altweiberstimme“ (zitiert nach Wolf Kampmann) von „Shine“ hoffen lässt, dass man selbst einmal in Würde altern darf. In diesem Sinne: einen schönen Übergang ins neue Jahr 2008.

  3. Da ich Silvester reisenderweise verbracht habe, konnte ich gar nicht auf meine eigene Sammlung zurückgreifen. Das zufällig an meinem Aufenthaltsort verfügbare Kind of Blue Remaster hat aber Neujahrsdepressionen effektiv vorgebeugt und den Kater vertrieben, ganz grosses Tennis.

  4. KIND OF BLUE findet man eben überall auf der Welt. Es ist die Pizza unter den Jazzplatten. Jeder kennt sie, jeder mag sie, alles wunderbar.

  5. Friede Freude Eierkuchen Jazz :)

  6. Geldausgeben geht auch noch in KW2/08:

    -Shudder To Think „65,000 B.C.“
    -Piccola orchestra avion travel „Cirano“
    -Cath Carroll „England Made Me“
    -Kool Ade Acid Test „Geraldine Penny“
    -Presence „All Systems Gone“
    -Tobi Hofmann | Ulrich Wangenheim | Olaf Schönborn „Inside“
    -Solex „Pickup“
    -Tiny Tribe „Milou“
    -Luis Di Mateo „Un dia de mi vida“
    - Anywhen „The Opiates“

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Abonnieren: Benachrichtigung bei neuen Kommentaren
oder ohne Kommentar abonnieren.