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Pit Huber

Wenn du in einer grandiosen Urlaubslandschaft stehst und du am Handy deiner Liebsten daheim erklären willst, warum dich gerade alles so ergreift, tust du dich manchmal schwer. Ein kleiner Foto-Schnappschuss mit dem Handy kann da enorm hilfreich sein. Ähnlich geht es dem, der über Musik-CDs schreibt oder redet: Ihm wäre mit kleinen Klangbeispielen in seinem Text oft sehr gedient. Das ist ja heute bei einem Online-Artikel durchaus machbar. Aber früher ging das nur im Radio.
 
Also hat auch euer Pit als junger Mensch davon geträumt, Jazz-Sendungen fürs Radio zu machen. Ich ging zum nächsten öffentlichen Sender (private gab es noch nicht) und meldete mich für ein Volontariat. „Sie in Ihrem Alter?“, sagten die. „Sie haben ja schon Abitur!“ Am liebsten, das begriff ich dann, hatten sie dort die 16-Jährigen: Denn die kann man von Grund auf formen und einschüchtern. Dann tun sie nach der Ausbildung nicht nur alles genau so, wie sie es tun sollen, sondern sie denken auch die Gedanken, die sie denken sollen, und spielen im Radio die Musik, die sie spielen sollen (definitiv nicht Jazz). Ich war mit Anfang 20 einfach zu alt dafür: „Bei Abschluss des Volontariats sind Sie ja schon fast reif für die Rente“, hieß es.
 
Da ich nicht so schnell aufgebe, habe ich es beim Radio dann als ahnungsloser, freier Mitarbeiter versucht. Der Bescheid vom Jazzredakteur des Senders war allerdings sehr kurz und lässt sich etwa so poetisch zusammenfassen:
 
Ich bin nur einer,
sonst darf da keiner,
geb‘ ich was ab,
wird’s für mich knapp.

 
Ich hatte ein Einsehen. Der arme Mann musste wahrscheinlich mit einer halbstündigen Swing-Sendung pro Woche eine Großfamilie ernähren.
 
Aber es gab ja noch die Abteilung Kultur. Die leitete ein legendärer Fürst der Feuilletons, der Bücher über antike Philosophen geschrieben hatte und fleißig mit Adorno gegen Adorno argumentierte – wenn ihr versteht, was ich meine. Immerhin war er Jazzfan – auch dies mit Adorno gegen Adorno. Das heißt: Der Jazz, den er mochte, war gut (gegen Adorno), der andere taugte nichts (mit Adorno). Die Periode des guten Jazz hatte für ihn etwa im Spätherbst 1937 geendet. Als ich für meine Sendung Jazz-Aufnahmen aus den Achtzigern vorschlug, fand der Redakteur schon die ihm unbekannten Musikernamen völlig lächerlich. Das hätte mir gleich zu denken geben müssen. Gab es wohl auch.
 
Wir einigten uns darauf, dass ich als Erstes ein besonderes Jazz-und-Literatur-Projekt vorstellen sollte. Ich musste mich mit einem tonnenschweren UHER-Tonbandgerät bewaffnen, das vermutlich noch aus den Fünfzigern stammte, und zwei der Künstler vors Mikro bitten. Irgendeine technische Einweisung dafür gab es nicht. Ich habe die beiden dann nach einem Konzert überfallen und sie gaben sich wirklich große Mühe.
 
Noch in der gleichen Woche wurde bekannt, dass von diesem Projekt zwei Musik-Cassetten in Vorbereitung waren – mit erläuterndem Begleitheft. Heute würde sich jeder Redakteur darüber freuen: Aktueller Bezug! Exklusive O-Töne zeitnah zur Veröffentlichung! Nicht so mein Kulturfürst: „Das Thema kommt dann überall. Das ist dann für uns nicht mehr interessant.“ Schließlich bedeutet Kultur ja Anspruch. Die Sache war gestorben.
 
Pits zweiter Anlauf beim Kulturfürsten war eine Reportage zum öffentlichen Status des Jazz. Volle 75 Radiominuten sollten es werden – mit frechen Thesen von mir (am besten mit Adorno gegen Adorno) und informativen O-Tönen von Jazzmachern. Wieder das schwere UHER-Gerät leihen und hinaus in die Welt! Spesen gab es natürlich keine. Danach sollten die Interview-Ausschnitte, die ich brauchte, im Sender irgendwohin überspielt werden. Ich hatte noch keine Ahnung, wie groß der Textanteil sein sollte, und wählte die Interview-Ausschnitte auf gut Glück aus.
 
Dann ging es Schlag auf Schlag. Von 75 Minuten war plötzlich keine Rede mehr, ein 15-Minuten-Magazinbeitrag (einschließlich Musikteilen) wurde gewünscht. Der Grund: Es gab noch einen anderen Jazzbeitrag über einen Jazzkongress in den USA – mit fast endlosen O-Tönen, die deutsche Übersetzung simultan darüber, eine anstrengende Sendung von 30 Minuten oder mehr. Thema: Die Entstehung des Jazz. Musikhistorisch zwar spannend, weil vor Spätherbst 1937 zu verorten, aber nicht gerade brennend aktuell. Die Arbeit des Kollegen blockierte ewig das Studio, ich musste mich gedulden. Mein eigener kleiner Beitrag war dagegen schnell gemacht. Es gab allerdings Vorhaltungen, weil ich so viel von den Interviews hatte überspielen lassen – für diesen läppischen 15-Minuten-Beitrag! Das teure Bandmaterial!
 
Ich habe die Kultursendung dann auch im Radio gehört. Mein Beitrag war vom Redakteur noch einmal gekürzt worden, einige Bezüge zwischen meiner Moderation und den Interviews machten überhaupt keinen Sinn mehr. Dafür war die Einleitung des Kulturfürsten erstens weitschweifig geplaudert und zweitens auch noch distanziert ironisch gehalten – mit Adorno gegen Adorno, mit Huber gegen Huber. Das von mir ausgewählte Musikstück fehlte außerdem. Stattdessen spielte man Lester Young, eine Aufnahme vom Sommer 1937.
 
Pit Huber

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3 Kommentare zu „Mit Adorno gegen Adorno“

  1. Der Jazz fristet in den Medien wohl wirklich ein trauriges Dasein und dass diese Abendländer immer noch alles besetzen, ist auch traurig. Adorno ist längst kein Thema mehr und hätte nie eines sein dürfen.

    Aber ehrlich gesagt, ist mir Lester Young aus 1937 immer noch wesentlich lieber als „moderner“ Tschäs aus Deutschland. Ich mein, was im Allgemeinen so als Jazz verkauft wird, ist einfach nicht lässig. Vielleicht ist es geradezu notwendig auf Lester Young und die Basie-Band zurück zu schauen, um wieder eine Idee davon zu kriegen, was für eine Kraft und Lässigkeit Jazz haben kann.
    So wie der alte Lee Konitz zurück schaut: http://www.youtube.com/watch?v=tI0CKxa19ok
    Der macht das nicht, weil er verkalkt wäre, sondern weil er weiß, dass da was Essentielles lief.

  2. Du solltest wissen, mampf, dass Pit lange Zeit in Bad Schwalbach im mittelständischen Perplexionsmanagement gearbeitet hat: http://www.jazzthing.de/blogthing/pit-huber-kurzbiografie/. Das färbt ab.

  3. Ob er meint, was er sagt, oder nicht: Ich meine es ernst.

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