Pit Huber

Wenn ich Provinzgnom mal in die Großstadt komme, ist das für mich immer wieder lehrreich. Bei meinem letzten Trip nach Hamburg zum Beispiel besuchte ich einen großen CD- und Elektroshop in der Mönckebergstraße – ja, genau: den mit dem Ring-Planeten. Dabei lernte ich Verschiedenes. Erstens: Auch ein auf überlebensgroß gebeamtes Robbie-Williams-Konzertvideo macht seine Musik nicht besser. Zweitens: Meine Kreditkarte wird auf der ganzen Welt akzeptiert, nur nicht in Hamburg. Drittens: Den gebeutelten Musik-Majors geht es inzwischen so schlecht, dass sie sich alle eigene Rettungsinseln geschaffen haben – einen kleinen Archipel konkurrierender Hörstationen im Ozean der CD-Abteilung.
 
Besonders die dritte Lektion gab mir zu denken. Klar, wer einen BMW oder Benz kauft, weiß, was er kriegt. Er kann sich auf einen gewissen technischen Standard und eine bewährte Marken-Tradition verlassen. Der Stern im Kreis verkauft das Auto. Aber verkauft ein EMI- oder Sony-Logo eine CD? Ein längerer Blick auf die Rettungsinseln gab mir die Antwort: Nein. Wenn man vom gleichen Label zeitlosen Giganten-Jazz und idiotischen Teenie-Trendpop geliefert bekommt, kann man zur Marke kein Vertrauen entwickeln. Kein Wunder, dass die Musik-Majors bei vielen Konsumenten als überflüssig gelten, als feiste, ausbeuterische Zuhälter ihrer fleißig anschaffenden Künstler.
 
Weil das Major-Logo kein positives Signal ist, werden CDs ab sofort von amerikanischen Coffeeshop-Ketten produziert. Oder von deutschen Tageszeitungen. Meinetwegen auch von Waschmittelherstellern, kommt echt nicht drauf an. Man sagt zwar: Ich fahre Opel. Aber keiner sagt: Ich höre Warner. Allenfalls sagt man: Ich höre eine CD, die auf dem Warner-Label erschienen ist. Sollte man eines Tages sagen: Ich fahre ein Auto, das unterm Opel-Logo vermarktet wird, hat die Autoindustrie wahrscheinlich ein Problem. Dann dauert es nicht mehr lange, bis man seinen Kleinwagen bei Starbuck’s kauft.
 
Pit Huber

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5 Kommentare zu „Hören Sie Warner?“

  1. Genau, Mercedes Benz-Mixed Tapes: „Ich höre Daimler“ ;O)

  2. Du hast ja so Recht!
    -Und Matthias: dito!

  3. Ja, man sollte als Landei nicht in die Großstadt reisen…

    zu 1)
    Ich hab ja was gelernt: Früher dachte ich immer, ein Videoclip würde die Musik unterstützen und dem zuHörer klarmachen, wie die Musik gemeint und zu interpretieren ist (falls da Unklarheiten bestehen). Das hat sich geändert, klärte mich Andreas – Glück auf! vor ein paar Tagen auf. „Die Bilder eines Videoclips stehen als Werk durchaus auch für sich selbst…“

    Ich denke mir: ein einfacher Test ist ja, diese hippen Elektro-Musikvideos sind schnell entlarvt, hört man die Musik ohne Bilder. Es bleibt meistens nix übrig. Passt aber gut in unsere Zeit, in der es nicht mehr auf das „Produkt“ ankommt, sondern um jede Menge Meta-Information, welcher DJ oder MC kommt aus welcher Tradition, hat schon wo mit wem aufgelegt, Klangklötzchen geschoben und Totom – Ain’t that a Bootleg, (Nerd vs. Beatles vs. Television) mp3dump #7 gebabbel bla bla bla. Verpackung ist alles, Content und Substanz sind nichts! So, jetzt bin ich das mal losgeworden.

    Achso, was war nochmal das Thema? :-)

    P.S.
    Gruß an Hilde!

    Ach und dann noch das Argument: „das ist ironisch gemeint…“. Ein Hirschgeweih über dem Küchentisch bleibt ein Hirschgeweih, ob es nun ironisch da hängt oder nicht – es sieht scheiße aus.

  4. vielleicht gehört ja mittlerweile die planeten-hütte auch schon irgendeinem dieser konzerne, und da wird man ja einige stärkende marketingmassnahmen blablabla…
    räuber frisst räuber ist die devise, bis es nix mehr zu fressen gibt. sie spielen osterinsel, nur merken sie es nicht! leider stehen wir mit drauf…

  5. Pingback: die reduktionsschleuse » links for 2006-03-17

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