Martin Schüller

Neulich sagte eine gute Freundin, Till Brönner sei einer der wenigen Männer, die es sich leisten könnten, Flipflops zu tragen. Das ist natürlich Unfug. (Der einzige Mann, dem ich je begegnet bin und der sich das wirklich leisten kann, ist Rockin‘ Ritchie Czajkowski, Urheber der fulminanten These: »Jazz ist, wenn man die Höhen rausdreht«. Aber das nur am Rande.)

Ich dachte gerade über Frauen, Till Brönner und Flipflops nach, als mein Blick auf das Ben-Webster-Foto über meinem Schreibtisch fiel. (Es stammt von Richard Williams und findet sich in seinem schönem Band »Die Legenden des Jazz«.)

Ben, von unten aufgenommen, in einem schäbigen Gang backstage, hinter ihm eine nackte Glühbirne, die Licht eher aufzusaugen als zu verbreiten scheint. Die Arme hängen herab wie die eines Boxers vor dem Kampf. In der Rechten locker sein Horn, die Linke hält eine brennende Zigarette. Konzentriert schaut er an der Kamera vorbei, man kann den Ansager draußen auf der Bühne geradezu hören, gleich wird Ben hinaustreten. Und spielen. Er trägt einen hellen Anzug. Er sieht umwerfend aus.

Dieses Bild hängt über meinem Schreibtisch, weil es mein Gefühl für den Jazz im Kern trifft, und als ich es jetzt wieder einmal bewusst betrachtete, fiel mir auf, dass in dem – auch hier, in diesem Forum – gern geführten Diskurs über den Europäischen Jazz ein wichtiger Begriff bisher fehlt: »cool«.

Auf diesem Foto ist Ben Webster das personifizierte »cool«.
Es gibt so viele europäische Jazzer, auch mit anständigem Schuhwerk, gute, sehr gute, erfolgreiche, ja sogar gut aussehende, aber bei welchem von ihnen würde einem spontan das Wort »cool« einfallen? (Vorschläge werden mit großem Interesse entgegengenommen!)
Ist das Fehlen des »cool« vielleicht ein oder sogar der Hauptunterschied zum amerikanischen Jazz?

Der Mangel an Körperlichkeit, die ja ein Teil des echten »cool« ist, die Herkunft aus dem universitären, neuklassischen, bürgerlichen Milieu, das Fehlen der Dance-Hall-Wurzeln, das Vorkommen von Flipflops: die Summe aus all dem ist nicht »cool«.

Zum Trost: Ich sah in einer privaten Sammlung ein anderes, gnädigerweise unveröffentlichtes Foto von Ben. Er trägt eine zu enge Lederjacke, einen schwarzen Lederhut und grinst in die Kamera. Aufgenommen im Wuppertaler Zoo vor dem Elefantengehege. Elefanten waren auch drauf.

Vielleicht liegt der Mangel an »cool« gar nicht an den Europäern.
Sondern an Europa.

Veröffentlicht am unter Blog thing
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1 Kommentar zu „Flipflops“

  1. Michael Gottfried

    Ulf Wakenius = COOL
    Nils Petter Molvaer = C O O L
    Joachim Kühn = C O O L E S A U

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