RIP: Maria Helena Afonso

In Berlin traf ich im Herbst 2022 auf eine sympathische, offene und hellwache Frau, die während eines mehrstündigen Interviews die Biografie ihres Vaters so lebendig vor meinen Augen und Ohren erstehen ließ, dass ich mich fühlte, als erlebte ich die 1960er- und 1970er-Jahre mit. Sie entwickelte seine bewegte Vita für mich, von Afonsos frühen Reisen im Land, wo er Musik aus allen Traditionen sammelte, hin zu seiner Zeit in Angola, wo er als Lehrer von der Geheimpolizei überwacht wurde. Vor allem aber zog mich Lena mit ihren hautnahen Schilderungen über die letzten Tage der Diktatur in den Bann, und die Rolle, die der hochpolitische José Afonso mit seinen kritischen Liedern im Widerstand spielte, der am 25. April 1974 zum Sturz des faschistischen Regimes führte. „Die Macht seiner Musik war nicht zu kontrollieren, trotz dem strengsten Verbot“, sagte sie. Sie verschwieg auch nicht, wie er einige Jahre nach der Nelkenrevolution enttäuscht von den politischen Entwicklungen war, trotzdem gegen die Apathie ankämpfte.
Auch Lena, die seit einigen Jahren an einer schweren Krankheit litt, hat weiterhin den Mund aufgemacht, versuchte mit Kontakten in die Kultur- und Theaterwelt, in der Zusammenarbeit mit Fernsehsendern und dem Goethe Institut Lissabon immer noch etwas zu bewegen in einem Portugal, das auch wieder nach rechts driftet. Die Serie der Wiederveröffentlichungen der Afonso-Werke auf Mais 5 war noch nicht lange abgeschlossen, als die Meldung von ihrem Tod kam. Mit ihr, genau wie mit ihrem Vater, haben wir einen Menschen verloren, der mahnend und beherzt für ein lebenswertes, humanistisches Umfeld der Vielfalt und Gleichheit für alle eintrat.
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