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Martin Schüller

Ein Hauptbestandteil des Klischeebildes einer Jazzkneipe ist ohne Zweifel: Rauch.

Man öffnet die Tür, die Atmosphäre wird anheimelnd, die Sicht wird schlecht. Grobkord tragende Pfeifenraucher an der Theke, in der zweiten Reihe Van-Nelle-Zware drehende Studentenzausel, der Wirt hinter der Theke verfügt über mehrere Privataschenbecher, auf die verteilt seine Zigaretten ihrem Ende entgegenglimmen. Das Nikotin hat den ursprünglich kühl hell-beige gestrichenen Wänden ein geschmackvolles Rostbraun verliehen. Rahmen und Glas der zahlreichen Heldenfotografien sind von einem nostalgisch-blinden Film bedeckt, der Dexter, Dizzy und Co. eher erahnen als sehen lässt.

Soweit das Klischee.

In meiner Jazzstammkneipe ist es dagegen folgendermaßen: Man öffnet die Tür, die Atmosphäre wird anheimelnd, die Sicht wird schlecht. Grobkord tragende Pfeifenraucher, Van-Nelle-Zware drehende Studentenzausel, usw., usw. … – In der Tat kann, ja fast muss man vermuten, diese Kneipe habe dem Klischee persönlich Pate gestanden. Rauch und Jazz bilden eine homogene, ja fast natürlich wirkende Einheit.

Jedoch: Zwei Stunden in diesen Räumlichkeiten (meine regelmäßige Mindestverweildauer), und die Garderobe muss bis zur nächsten Wäsche auf den Balkon, jedenfalls in einem Nichtraucherhaushalt wie meinem. Einmal, nach einem Besuch dort, habe ich ein brandneues und saucooles Hemd draußen aufgehängt, in der vagen Hoffnung, es am nächsten Abend ein zweites Mal aufführen zu können. Folge: Dritter Stock, Windstärke 8, Hemd weg. Als ich mich beim Wirt beklagte, wies er ungerührt darauf hin, dass der Gast selbst auf die Garderobe zu achten habe.

Tja, und nun droht:
DAS ENDE!
Vulgo: Rauchverbot in Kneipen ab Januar.

Zum ersten Male in meinem bewussten Leben wird ein Gesetz erlassen, das wirklich meinem persönlichen Vorteil dient – das heißt: meinem und dem der wenigen anderen existierenden Exemplare der Spezies Homo-Nichtraucher-geht- aber-trotzdem -in-Jazzkneipen-Sapiens.

Ein Gesetz, das ich im Übrigen nie gefordert habe.

Dieses Gesetz führt zudem immer wieder zu lustigen Situationen, wenn mit Fug und Recht intelligent zu nennende Menschen sich an der Widerlegung seiner Sinnhaltigkeit versuchen und ihre zunächst elaboriert wirkende Argumentationsketten schon bei oberflächlichem Nachfragen auf „Ich will hier aber weiter rauchen dürfen, ich will, ich will, ich will!“ zusammenschnurren.

Für mich als lebenslangen Nichtraucher führt die Aussicht auf nichtstinkende Abende mit guter Musik und interessanten Menschen zu einem massiven Schub guter Laune. Denn wenn die fürchterlichste Drohung der Raucher: „Dann geh ich eben nicht mehr in die Kneipe“ einer Tatsachenüberprüfung unterzogen wird – nämlich kurz nach dem 1.1.2008 – ,werden wir uns alle wiedersehen, genau da, wo wir uns immer schon getroffen haben.

Nur ihr müsst zwischendurch mal raus.

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23 Kommentare zu „Schall und Rauch“

  1. hehe, denkste. ist nämlich so, dass sämtliche Jazzclubs in Bawü mittlerweile nach WC-Reiniger und/oder Achselschweiss riechen, und teilweise wirklich 30% Umsatz eingebüßt wird…und alles nur zum Nichtraucherschutz. Nicht der Gäste, wohlgemerkt, sondern der Angestellten, die dort ja tagtäglich durch Rauchschwaden wandern müssen äh mussten (bestätigte mir ein Gesetzesvertreter bei einer Zugfahrt). Meine persönlichen Bedenken, die Musik würde ohne den Rauch anders klingen haben sich zwar nicht bestätigt, aber das ist auch schon alles. Und jetzt wo es langsam kälter wird wirds erst richtig unangenehm … meine Herrn, war und ist das nötig?

  2. Und da haben wir schon ein Beispiel für „elaboriert wirkende Argumentationsketten“:

    a) Mir ist bisher nicht aufgefallen, dass Zigarettenrauch irgendwelche Gerüche, seien es WC-Reiniger und/oder Achselschweiß absorbiert. Er überlagert sie bestenfalls, will sagen er addiert sich.

    b) 30% hören sich gewaltig an. Darf ich nach der Zahlenbasis fragen? Ach so, das hat dir der Wirt erzählt, dann muss es ja stimmen. Hinweis: Den ganzen August (also den ersten Monat mit Rauchverbot) waren in BaWü noch Sommerferien. Da hat die heimische Gastronomie schon immer geklagt. Erfahrungswerte aus dem vorauseilenden Ausland lesen sich oft anders, hängen aber immer von der Quelle ab.

    c) NUR Nichtraucherschutz? Falls ICH an Lungenkrebs sterbe, werden die Jungs aus der Kneipe mindestens die Party bezahlen müssen.

    d)Das Rauchverbot gilt definitiv nicht dem Schutz der Angestellten. Dann wäre es Bundessache und bundeseinheitlich geregelt. Da hat sich Änjie aber nicht rangetraut.

    d) War und ist es nötig? Tja, da ihr freiwillig nicht aufhört …

  3. Gerade ein Magazin wie Jazz thing geht doch seit fast 15 Jahren gegen solche Klischee-Jazzkonzert- oder -kneipen-Besucher vor, wie sie in Martin Schüllers Text geschildert werden. Es gibt darin keine Fotos von schwitzenden Musikern mit Arbeitsgeräten in den Händen, mit für Bildatmosphäre sorgender, brennender Zigarette (Weichzeichner?) im Aschenbecher auf einem Tisch vor der Bühne – weshalb diese Klientel Jazz thing nicht gerne durchblättert (natürlich auch wegen der Schriftgröße, die selbst mit Nickelbrille nicht zu entziffern ist). Deshalb fordere ich als Jazz thing gern lesender und betrachtender Fan die Ausnahme im Nichtrauchergesetz für die „klassische“ Jazzkneipe – damit diese Pfeife rauchende Breitkord-Jacket-Träger und Van-Nelle-Zwar-Dreher rascher aus“sterben“…!?

  4. Also in unseren Stamm-Jazz-Kneipen (Unterfahrt in München, Schlosscafe in Gauting) ist das Rauchen schon lange nicht mehr erlaubt. Und seitdem klingen (nicht nur) die Bläser viel besser, weil sie nicht mehr so verzweifelt nach Sauerstoff japsen in den Dunstschwaden.

    Als Besucher riecht man auch nicht mehr wie ein Aschenbecher wenn man rauskommt. Das erspart das Duschen vor dem ins Bett fallen.

    Breitcord (Manchester nennt man das wohl) habe ich allerdings auch schon lange nicht mehr gesehen in der Kneipe, ich dachte, das ist die SPD-Lehrer-Kluft? Mit Jazz assoziiere ich entweder lässiges Durcheinander, bei denen, die wegen der Musik kommen, oder feine Jackets bei den Besuchern die bevorzugt diese „IN“-Trios (EST und Co.) anhören, um damit am nächsten Tag in der Agentur zu renommieren.

    OhWeh

  5. Da hat die Politik neben der Terrorgefahr endlich noch ein Thema entdeckt, bei dem man wieder richtig recht haben darf und muss oder Gefahr läuft, zumindest wegen versuchter Körperverletzung angeklagt zu werden, und die Raucher beschweren sich noch. Dabei ist das doch mal ein anständiger archimedischer Punkt im weltanschaulichen Nebel, also alle Mann festhalten! Ich jedenfalls bin froh, dass der Staat uneinsichtige Bürger wie Kinder behandelt.

  6. Ich musste auch gleich an die Bläser denken, die besonders unter den Luftverhältnissen leiden. Zum ersten Mal ist mir aufgefallen, wie angenehm rauchfreie Luft auf Konzerten ist, als sich eine Band im Wiesbadener Schlachthof (und dort lustigerweise in der „Räucherkammer“) Rauchverbot ausbedungen hatte. Das andauernde Kommen und Gehen der Raucher hat zwar gestört, aber der Blick auf die Bühne war klar, und die Band hatte richtig Lust zu spielen.

  7. Das ist doch herrlich: Jetzt hat die Raucher/Nichtraucher-Debatte auch ihren Weg in die Nische Jazz gefunden. Muss ich mich nun auf die Suche nach „neuen“ Vorurteilen über (deutsche?) Jazzfans machen, weil dann die bisherigen ab 1.1.2008 nicht mehr greifen?

  8. Ich find das ja auch prima. Aber bitte nicht beim Rauchen aufhören! Alkohol sollte auch verboten werden. Die Kosten für die Volkswirtschaft…. und Koffein… und Teein und Risikosportarten und überhaupt. Wir sollten regulieren was geht!!

    Warum nicht freiwillig? Ein Wirt kann doch freiwillig eine Nichtraucher-Kneipe führen… Der Markt regelt doch sonst alles von selbst.

    Und außerdem lieber Martin ist die Erhöhung deines Lungenkrebs-Risiko durch ein paar Stunden Passiv-Rauchen pro Woche, so gering, dass es nicht messbar ist.

  9. Ein paar Stunden die Woche durchgehend über mehr als 30 Jahren dürften durchaus messbare Folgen haben, von denen für die Belegschaft ganz zu schweigen. Was macht z.B. eine Kellnerin, die schwanger wird? Kündigen?
    Bei den so häufigen wie trotzigen Rufen nach der Gestaltungskraft des Marktes wird übersehen, dass es in der Gastronomie eben nicht nur um Konsum, sondern in erster Linie um Kommunikation geht. Ich freu mich ja, genau diese Leute in genau dieser Kneipe zu treffen. Es wäre (und wird) nur eben schöner, wenn sie nicht stinken.

  10. Nun arbeiten in meinen Lieblingskneipen weder schwangere Kellnerinnen noch sonstige beispielwürdigen Nichtraucher, aber wer würde die auch fragen müssen? Wenn der Russe einmarschiert und im dunklen Stadtpark meine Frau zu vergewaltigen droht und ich grad ein Schießgewehr dabei hab, na dann benutz‘ ich das doch auch! So what?

    Nur mit der Empfindungslyrik konstruierter Opfer kommt man in gesellschaftlichen Fragen mit redlichen Mitteln nicht zur Erkenntnis. Dass ausgerechnet sich sonst liberal gerierende Geister solcherart staatliche Gängelung verteidigen, anstatt weiter jedem sein Pläsier zu gönnen, ist mir ein Rätsel. Der Untertan, da isser wieder, nur dass er jetzt auch noch grinst, wenn er vor dem großen bösen Wolf in sich selbst beschützt wird.

    Und genau so, wie es für dich nach intellektueller Verschwurbelung stinkt, wenn Raucher sich über das Verbot beschweren, stinkt es für mich nach der Häme Unzufriedener, die endlich mal wieder ungestraft auf wen mit dem Finger zeigen können – und das kann redlicherweise nur mit früherer, nicht ganz überwundener Nikotinabhängigkeit oder gnadenlos prothesenabhängigem Selbstbewusstsein erklärt werden.

    Vernünftige Kleinkrämer, geht den Menschen doch endlich aus der Sonne! Trefft euch zum ‚kommunizieren‘ im Bistro und schnipst Gebäckkrümel in die unbenutzten Ascher. Aber eine Kneipe, die nicht nach Bier und Zigaretten stinkt, stinkt nur noch nach Bier und Pisse. Hast du das gewollt?

  11. Da lebenslanger Nichtraucher, leide ich also unter gnadenlos prothesenabhängigem Selbstbewusstsein. Ich werde mich wohl mal wieder vollstinken lassen müssen, um in einen Zustand zu kommen, in dem ich eine Ahnung entwickeln kann, was das wohl sei …
    Alles in allem jedenfalls ein sehr schönes Beispiel für hysterischen Kollaps eines zu vermutenden Intellekts durch drohenden Nikotinentzug.

  12. Aber Martin, so harte Bandagen? Ganz ohne Humor? Dass du meine Argumente umschiffst und dich in deiner Replik allein auf den schwächsten Punkt meines Kommentars beziehst, soll nun als Beleg für die Schärfe deines Intellekts gelten? Chapeau, so hab ich das ja noch gar nicht gesehen!

  13. Sorry, da hab ich mich als als Empfindungslyrik dichtender, sich liberal gerierender, unzufriedender Untertan wohl im Ton vergriffen.
    Oder hab ich was falsch verstanden?
    Die Sache mit dem prothesenabhängigen Selbstbewusstsein hat die freie Diskussiongruppe in der stinkenden Jazzkneipe so interpretiert: Laut Lui leidet ein Nichtraucher, der Rauchverbot gut findet, unter einer negativen Einschätzung der Qualität seines primären Geschlechtsorgans.
    Was dann folgte nennt man im Internet, glaub ich, rofl.
    Aber ich freue mich natürlich immer, wenn jemand versucht, meine Glossen, (in diesem Fall besonders die letzten Zeilen), zu belegen.
    Und falls man sich die Mühe machen möchte, den Text noch mal in Ruhe zu lesen: Es wird nichts gefordert, nur beschrieben, was ist und was ohnehin kommt.
    Und von meinem Intellekt steht da gar nichts.

  14. Ich mag die ein oder andere drastische Vokabel verwendet haben, aber von Geschlechtsorganprothesen hätte ich mir keinen Humorpunkt versprochen, weshalb ich erst gar nicht darauf gekommen bin, dass man das ja auch so interpretieren könnte, obwohl Küchenpsychologie am Jazzstammtisch offenbar immer direkt in die Hose geht. Aber du hast ja Recht, ich hab mir alles noch mal angeschaut, von deinem Intellekt steht da wirklich nichts!

  15. Also ich fände es gut wenn Jazzkneipen nicht mehr geraucht werden würde. Man kommt doch wegen der Musik und nicht des Rauches. Also ich habe schon beider Erfahrungen gemacht – also mit und ohne und ich bin mir sicher das ich ohne Rauch wesentlich besser finde.

  16. Ja ja, die Bläser klingen in einer Nichtraucherkneipe besser (gell OhWeh). Und das coole Hemd war weg… wegen der Raucher – nicht weil du es bei Sturm ungesichert hast draußen hängen lassen. Ich bin bald soweit, mich euch anzuschliessen, Männer. Und die schwangeren Service-Fachkräfte….

    Zum Schutz der Angestellten… Was ist denn mit dem Personal, das selbst raucht? Ich schätze mal mindestens 50%.

    Nein nein, ich bleibe dabei: Wir brauchen nicht mehr Gesetze und Regularien sondern weniger. Wir sollten es auf freiwilliger Basis machen. Jeder Kneipier kann sich selbst entscheiden, jeder Gast auch und jeder Mitarbeiter, sogar die Musiker…

  17. Und was bitte ist mit den rauchenden Saxophonisten???

  18. Martin Schüller wird mit seinem rauchfreien Jazzclub in Köln noch länger warten müssen als bis zum 1.1.2008. Hier im Rheinland beruft man sich nämlich als Karnevalshochburg auf das „Brauchtum“ und hat durchgesetzt, dass das Rauchverbot in Restaurants und Kneipen erst nach Karneval rechtsgültig wird. Und wenn man die sechswöchige Fastenzeit noch hinzunimmt, dann wird man erst ab Ostern rauchfreuen Live-Jazz hören bzw. genießen können (übrigens auch in Mainz und Düsseldorf). Man ist schon pfiffig hier in Köln, der Klüngel funktioniert.

  19. Das kann für den besagten Laden nicht gelten,der ist seit eh und je „Karnevalsfreie Zone“.
    Hehehe.

  20. Lies „Humorfreie Zone“, sonst hätte man den Mottoabend sicher „Da Jatz-Jeck kütt normahl“ genannt. Und da trefft ihr euch?

  21. Humor bring ich grundsätzlich selbst mit.

  22. To Do: Mal im Kluge nachschlagen, ob ‚Humor‘ und ‚Humidor‘ nicht etymologisch im selben Dunstkreis entstanden sind.

  23. Den Artikel möchte ich niemandem vorenthalten; er erklärt manches, auch innerhalb dieser Diskussion:

    http://www.sueddeutsche.de/wissen/127/304104/text/

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