chrisdell

Es war Dietrich Böhler, der einst mit seiner Metaschraube der Marxschen Ideologiekritik einen Modus der Ideologiekritik zweiter Ordnung einführte, die bis heute nichts von ihrer Aktualität, höchstens an Popularität verloren hat. Was nichts Neues wäre. Aus gegebenem Anlass möchte ich aber Ernst Blochs Diktum vom Unabgegoltenen in der Geschichte folgen und den Modus der Metakritik wieder aus dem Schrank holen. Thema heute: eine Kritik, die bereits Kritik der zweiten Ordnung ist. Unter dem Kürzel FRA nahm sich ein Kollege der TAZ die Kollegen der Süddeutschen und FAZ zur Brust – und zwar zum leidigen Thema Keith Jarrett. Dem muss doch an dieser Stelle nachgegangen werden.

Der Text beginnt so: „Ein Pianist hat Piano gespielt.“ Das hätte auch von Beckett oder Helge Schneider sein können.

„Vorher aber hat er noch schnell sein Publikum zur Sau gemacht.“ Woher weiß er das? Wer ist so wahnsinnig und geht da selber hin?

„Das Feuilleton dankt es ihm mit hymnischen Lobgesängen. Die kunstsinnigen Feingeister von der Süddeutschen Zeitung fühlten sich durch das Konzert in der Alten Oper zu Frankfurt auf wundersame Weise in den „fernen Himalaja“ versetzt, „denn irgendwie erinnert dieser feingliedrig zarte und doch so selbstbewusst und bestimmt auftretende Künstler an einen tibetischen Mönch, der die Ideale der vollkommenen Selbstvergessenheit und radikalen Versenkung praktiziert“.“ Wir sehen bereits Richard Gere mit seinen tiefenpolitischen Phrasen um die Ecke geistern, damit er gemeinsam mit Siebeck was Schönes kochen kann. Was ich bedaure ist, dass Johannes B. Kerner die beiden noch nicht, zusammen mit Keith, eingeladen hat, um gemeinsam harmonieselig im deutschen Mittelmaß („Wann waren Sie das letzte Mal beichten und wie lang hat’s gedauert?“) zu versinken.

„Auch die feinsinnigen Kunstgeister von der Frankfurter Allgemeinen wähnten sich auf Reisen und wollen, „man verzeihe das Pathos“, eine Musik gehört haben, „schlackenlos und formvollendet, eben so ideal, wie Plato sie sich vorgestellt haben könnte“, aber nur in den „magischen Momenten“, von denen die Musikmönche beim Tagesspiegel in ihre Tasten raunten, „in solchen Momenten könnte Keith Jarrettt selbst dem lieben Gott Tränen in die Augen getrieben haben“.“ Plato hat sich das Ideal natürlich so vorgestellt, dass es niemals auf Erden erreicht, nur angestrebt werden kann. (Wir erinnern uns des Phaidros: „Denn die Schönheit, Keith, merke das wohl, nur die Schönheit ist göttlich und sichtbar zugleich, und so ist sie also des Sinnlichen Weg, kleiner Keith, der Weg des Künstlers zum Geiste. Glaubst du nun aber, mein Lieber, dass derjenige jemals Weisheit und wahre Manneswürde gewinnen könne, für den der Weg zum Geisteigen durch die Sinne führt? Oder glaubst du vielmehr, dass dies ein gefährlich-lieblicher Weg sei, wahrhaft ein Irr- und Sündenweg, der mit Notwendigkeit in die Irre leitet?“) Aber wer Gott Tränen in die Augen treibt, obwohl dieser bereits vor gut 100 Jahren von unserem Friedrich N. unter die Erde gebracht wurde, der kann ja das Missverständis der teleologischen Form geradewegs dem postmodernen Gutmenschentum zur Sloterdijk-Lektüre und zum toskanischen Rotwein (Giovanni, wir duzen uns doch!) frisch gegart servieren.

„Dalai Lama, Plato, Gott – es war für die Feuilletons also nicht damit getan, sich vor dem Genie in den Staub zu werfen. Nein, man musste sich auch noch darin wälzen. Denn der Künstler hatte nicht nur Exempel seiner Virtuosität gegeben, sondern auch solche seiner Sensibilität.“ Hier wird es interessant: Was ist denn der Unterschied zwischen Virtuosität und Sensibilität? Gibt es unsensible Virtuosen? Das ist doch ein Klischee, das einen solchen Bart hat wie die Kritik selbstständiger Kulturschaffender am Verbeamteten.

„Fünfmal hatte Keith Jarrettt das Konzert unterbrochen, um störende Huster im Auditorium einzeln zurechtzuweisen oder gleich alle Gäste in toto davon zu unterrichten, dass man sich hier nicht in einer Hotelbar befinde, verdammt. Ob man da – so als Zuhörer – in den letzten 25 Jahren rein gar nichts gelernt hätte? Erst nach diesen Peitschenhieben verteilte der Großmeister gnädig sein viel gelobtes Zuckerbrot. Er hat’s ja auch nicht leicht. Früher genügte es noch, wenn Hausfrauen zum „Köln Concert“ staubsaugten; heute müssen gleich die Götter heulen.“ Hier bezieht sich FRA eindeutig auf die von Jarrett im Spiegel geäußerte Kritik, dass viele Leute sein Kölnkonzert beim Staubsaugen hören würden. Ich muss sagen: Das ist das Beste, was man machen kann, oder: Da ist doch der Jarrett selbst schuld, wenn er zu viel geraucht hat und mal wieder dem Manfred auf den Leim gegangen ist. So hat er einst in Köln am Rhein seine eigene künstlerische Biografie auf immer dem Karneval anheim gegeben.

Zur Publikumsbeschimpfung: Das ist doch ein alter Hut, den der Handke schon vor 30 Jahren gebracht hat. (Wie auch eigentlich alles, was der Jarrett so spielt.) Ich finde es eigentlich toll, dass der Jarrett versucht, so eine alte politische Form der direkten Auseinandersetzung über Musikhören im Konzertsaal wieder zu veranstalten. Das könnte man weiterentwickeln und den Zuhörern vielleicht auch Mikros für einen eventuellen Kommentar in die Hand drücken. Das würde den Rückzug ins Private bremsen und das Ästhetische wieder dort hinbringen, wohin es laut Hannah Arendt eh gehört: ins Politische. Man könnte dann das grundweg Antagonistische des Politischen (Chantal Mouffe) hier durch den ein oder anderen A-Moll-Akkord schön abfedern. Die Theatergruppe Rimini Protokoll hat jüngst am Theater in Stuttgart eine Peymannbeschimpfung herausgebracht. Dieses Konzept des Diskursverschiebens wäre doch nachahmenswert: so z.B. eine Jarrettbeschimpfung, in der es sich der Meister gemütlich machen kann und auch nicht selbst erschöpfend daddeln muss, während das Publikum nach Herzenslust einen draufgibt, fotografiert und vor allem: performativ hustet.

„Dabei kann das Publikum für wirklich große Künstler tatsächlich ein dauerräusperndes Monster sein, von dem man sich am liebsten abwenden möchte für alle Zeit. Wirklich große Künstler tun das dann auch einfach – und heißen Glenn Gould.“ Die eigentlich tolle Idee von Jarrett wird (warum auch immer) nicht weiterverfolgt, sondern eher noch mit dem Verweis auf einen anderen Säulenheiligen aus dem Blick genommen.

Eins wird aber klar: Es bleibt noch immer schwer, materielle, unreflektierte Interessengebundenheit aufzudecken – nämlich gesellschaftliche, insbesondere politökonomische Abhängigkeiten (Jarrett: „Andere Musiker haben nicht die Chance, sich so eingehend mir ihrer Musik zu befassen“ – ooch), die den Menschen durch kommunikations-, informations-, und emanzipationsrepressive Machtverteilung aufgedrängt werden (ein echter Böhler). Da hilft nur noch Jarrett mit Jarrett selbst auszutreiben: „Jazz ist kein … Produkt, das man mit einem netten Gesicht anpreisen sollte.“ Na, dann…

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2 Kommentare zu „Metakritik des Staubsaugens“

  1. Nach dem Interview in JazzThing war mir klar: KJ ist kein Jazzmusiker mehr, sondern eine überkandidelte, in Einbildung erstarrte Diva.

    Soll er ruhig, er kann es sich leisten. Aber ohne mich. Ich gehe lieber zu Konzerten, in denen die Musiker Wert auf das Miteinander mit dem Publikum legen und die Zuhörer nicht nur als entweder „ehrfürchtige Verehrer des Bühnenheiligen“ oder „Störfaktor“ sehen.

    Und seien wir doch mal ehrlich: so gut ist er auch nicht mehr – aber gut gepusht.

  2. Geistige Onanie! Sonst nichts.

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