Lisa Bassenge

(und wie ich dazu kam oder so ähnlich)

Meine erste Jazzplatte war keine Platte, sondern eine Kassette, genauer genommen ein Mixtape, das mir meine Freunde, die Geschwister Moritz und Laura S., an einem denkwürdigen gemeinsamen Nachmittag aufnahmen. Das war am 20.9.1992 und ich war 17 Jahre alt. Es war schon kalt und wir tranken einen türkischen Augenöffner. Angenehm beduselt und satt vom Kuchen, begann Moritz von der Platte „Dee Gee Days“ von Dizzy Gillespie zu erzählen und von Charlie Parker und Miles Davis, er erzählte die Geschichte mit dem Hühnchen auf der Rückbank. Für alle, die diese Geschichte nicht kennen: In seiner Autobiografie schildert Miles Davis eine Taxifahrt mit Charlie Parker, auf der sich Charlie auf dem Rücksitz von einer Nutte einen blasen lässt, während er sich ein halbes Hähnchen einverleibt. Toll! Und Drogen haben sie auch alle genommen. Ich war beeindruckt. Moritz legte ein paar Scheiben auf und dirigierte wild in der Luft herum. Die Musik waberte durch die Küche, „Salt Peanuts“, „Olé“, „Round Midnight“…

Wir zogen uns noch ein paar Stullen mit Leberwurst und Gürkchen rein, Lauras Lieblingssnack. Laura erzählte, wie ihre Stiefmutter Dizzy einmal nach einem Konzert in der Philharmonie gesalzene Erdnüsse angeboten und er gelacht hatte. Das war für uns der Inbegriff der Hipness. Laura und Moritz waren der Meinung, es könne nicht so weitergehen mit meinem Musikgeschmack (ich hörte damals Rock, Led Zeppelin und Deep Purple und so ’n Kram) und sie müssten mir was aufnehmen, also gingen wir rüber in Moritz‘ Zimmer, machten ein paar Räucherstäbchen an und los ging’s. Dee Gee Days, Ella in Berlin 1945, aber auch andere Musik, „Clap Hands“ von Tom Waits zum Beispiel oder die Arie der Dido aus Purcells „Dido and Aeneas“, gesungen von Jessye Norman. Mein Lieblingslied war „School Days“, auch von der „Dee Gee Days“: Der Sänger singt nur Kinderreime, hängt sie aneinander und phrasiert so hip, dass daraus ein irres Lied wird, die Bläsersätze sind unheimlich tight. Babaliubaliuba! Babaliubaliuba! Baba! Baba!

Bababababadadiduliadudiduda! Ich hörte die Kassette Tag und Nacht, nahm sie auf Autofahrten und Reisen mit, lernte jedes Solo auswendig. Sie war meine Initiation in den Jazz. Ich fing an, mich für das Leben dieser Musiker zu interessieren, las die Biografien von Charlie Parker, Miles Davis, Billie Holiday, Anita O‘Day. Ich glaube, was mich besonders animierte, war das Lebensgefühl, die Selbstverständlichkeit, mit der Musik in das Dasein integriert wurde, dass nie die Frage gestellt wurde: „Warum mache ich das eigentlich?“ Das kam mir bei meiner Identitätsfindung sehr entgegen. Ich wusste plötzlich, was ich wollte: nämlich Musik machen. Und möglichst nah dran sein, Musik zu meinem Leben machen.

Das Tape hab‘ ich irgendwann verloren. Nach ihm kamen viele andere.

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1 Kommentar zu „Meine Erste“

  1. Schade dass das Tape verloren ging, das wäre sicher eine tolles Thema für eine Sampler-Reihe: „Desshalb liebe ich den Jazz…“ oder so ähnlich.

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