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André Nendza

Mein Flügel ist gegangen. Besser: Gegangen worden. Dabei waren wir lange Zeit ganz gut befreundet, aber gegen Ende kam bei unseren Dialogen so recht keine Stimmung mehr auf. Es mag auch an mir gelegen haben, aber er konnte einfach das H nicht mehr halten. Und auch nicht das G. Eigentlich kaum einen Ton. In keiner Oktave. Unten rum hat er auf lockere 437 Hertz gemacht, um sich oben mit 444 Umdrehungen recht streng zu geben. Und auch in der Mitte war es – wie in der Politik – irgendwie zu eng. Ein alter Gaul mit einer zwingenden Sehnsucht nach einem Gnadenschuss. This parrot is no more! He has ceased to be. Quasi ein Ex-Flügel. Und doch fiel es mir schwer, ihn ziehen zu lassen. Was bleibt, sind Anekdoten.

Gekauft habe ich das Instrument der Marke Krauss, Baujahr 1905, vor ca. 15 Jahren von einer freikirchlichen Gemeinde in Lüdenscheid für 1.500 – die Älteren erinnern sich – D-Mark. Besagte Gemeinde wollte damals lieber ein E-Piano erwerben. Der Flügel würde sich so häufig verstimmen. Recht hatten sie. Ich fand das damals jedoch geradezu stillos, einen echten Flügel gegen ein Plastik-Klavier einzutauschen. Andererseits konnte ich dadurch meinem erträumten Selbstbild – ich im schwarzen Rollkragenpullover komponiere am Flügel auf Holzfußboden – ein Stück näher kommen. Das Instrument war zwar kein Steinway und der Bodenbelag leider Laminat, aber nun gut…

Abtransport 1:

Bei einem so günstigen Flügel ist es klar, dass ein richtiger, kommerzieller Klaviertransport aus dem Sauerland zu meinem damaligen Wohnort Leverkusen in keinem vernünftigen Preis-Leistungs-Verhältnis steht. So machte ich mich an die Planung einer Do-it-yourself-Aktion. Zunächst lieh ich mir ein Flügelbrett und die dazugehörigen Riemen. Mein Vater organisierte den VW-Bus eines Kunden seiner Autowerkstatt. Dann sorgte ich dafür, dass sowohl in Lüdenscheid als auch in Leverkusen je eine Crew hoffentlich geeigneter Männer zwecks schwerster Hebung bereitstand. Zentrale Person fürs Gelingen meines Planes war mein Freund Stefan Heidtmann, seines Zeichens versierter Pianist. Denn er hatte zumindest schon mal gesehen, wie man einen Flügel auseinanderbaut und abtransportiert.

Vor Ort schien dann zunächst alles glatt zu gehen. Die Beine waren in nullkommanix abmontiert und das Instrument wurde gekonnt in die stabile Seitenlage befördert. Auch das Gewicht war für 4 Personen und einige bei solchen Gelegenheiten unvermeidliche Kommentatoren gut zu bewältigen. Leider stellte sich beim Beladen des Wagens heraus, dass der Flügel um ca. 5 cm nicht in den Laderaum passte. Das hing auch damit zusammen, dass in diesem Bus ein Regal mit diversen Werkzeugen und Elektrozubehör eingebaut war. Vor der Perspektive stehend, ohne schwarz-weiße Tasten nach Hause zu kommen, entdeckten wir in diesem Regal eine handliche Stichsäge. Mein Vater entschied selbstbewusst, die langjährige Kundentreue des VW-Bus-Besitzers einem Belastungstest zu unterziehen, und so waren die fehlenden 5 cm schnell aus dem Möbelstück herausgeschnitten.

Der nun perfekt passende Flügel wurde mit diversen Spanngurten befestigt. Diese knarzten und stöhnten während der Fahrt zwar wie Stahlhalterungen der Kölner Rheinbrücken bei Sturm, aber wir kamen dennoch unversehrt in Leverkusen an. Hier wurde das Gerät fast schon virtuos über eine Treppe und diverse Ecken in das Wohnzimmer bugsiert. Als etwas problematisch stellte sich dabei heraus, dass die Trageriemen etwas zu breit für die Schulter eines zarten, feingliedrigen Freundes waren. Ein Fehler in der Mannschaftsaufstellung. So musste ich an dieser Flanke einen einsamen Kampf austragen, war aber nun endlich stolzer Besitzer eines Flügels.

Stimmung 1:

Nach einigen Wochen entschloss ich mich, die doch etwas ramponierte Stimmung von „Krause“ (wie ich ihn mittlerweile etwas zu kumpelig nannte) aufhellen zu lassen.

In Leverkusen war mein Mann für diese Fälle der Stimmer des örtlichen Jazzclubs. Er erschien dann auch eines Morgens und machte sich gleich an die Arbeit. Leider war diese schnell beendet, denn nach wenigen Minuten hörte ich einen lauten Knall und ein ebensolches Fluchen. Eine Basssaite war gerissen und dem Meister um die Ohren geflogen. Und ich dachte immer, Klavierstimmer sei ein sicherer und gefahrloser Beruf.

Jedenfalls verabschiedete sich der Gute mit den Worten: „Ich bestelle die Saite und komme dann nächste Woche wieder vorbei.“ Leider ist er dann nie wieder aufgetaucht und war auch nicht mehr zu erreichen. Erst Monate später traf ich ihn erneut in besagtem Jazzclub, wo er mir von einem längeren Urlaub berichtete. Er sei etwas ausgebrannt und brauche eine Auszeit. Und das alles nur wegen meines Flügels?

Letztlich kam in Leverkusen dann doch keine rechte Stimmung mehr auf. Das Piano fristete vielmehr zunehmend ein Schattendasein und wurde bald als Abstellmöbel missbraucht. Aber mit dem Umzug in ein größeres Haus mit entsprechendem Musikzimmer sollte alles anders werden.

Stimmung 2:

Mit entsprechendem Elan wurde dann ein neuer Stimmer bestellt. Dieser war ganz begeistert ob des Pianofortes und empfahl eine Kernsanierung für schlappe 12.000 Euro. Ich verwies darauf, dass meine Klavierkünste eher im 120-Euro-Bereich lägen, und bat um eine preislich entsprechende Stimmung. Und schon wiederholte sich das Szenario mit der gerissenen Basssaite. Nur diesmal leider mehrfach. Mehr als ein halbes Jahr später war der Flügel immer noch nicht gestimmt, meine Geldschatulle allerdings um gute 800 Euro für diverse Saitenwechsel und Stimmversuche erleichtert.

Stimmung 3:

Aller guten Dinge sind drei, und so kam mit dem Stimmer des Klavierhauses „Piano-Willms“ ein wirklicher Fachmann vorbei. Er begrüßte mich und das Instrument mit den Worten „Es gibt auch günstige Gebrauchtklaviere“ und begann sichtlich hoffnungslos und fast schon angewidert mit der Arbeit. Etwa so, wie wenn Sternekoch Johann Lafer in der fettigen Frittenbude „Muttis Wurst-Inferno“ nach dem Rechten schauen müsste.

Irgendwann schaffte er es dennoch, dem Piano wieder einen Hauch von Stolz zu geben. Es gab sogar wieder Akkorde, welche eindeutig nach Dur klangen. Allerdings machte mir der Meister sehr deutlich klar, dass er dieses Ergebnis nicht unter „vernünftige Stimmung“, sondern eher unter „unnötig lebensverlängernde Maßnahme“ verbuchen würde. Und dass das vermeintliche Vergnügen nur von kurzer – nein: von sehr kurzer Dauer sein würde. Er sollte Recht behalten.

Dennoch wiederholte sich dieser Ablauf der Dinge von nun an zirka einmal jährlich. Nur wurde die Miene des Stimmers von Jahr zu Jahr düsterer. Und die Dauer der Stimmschönheit fiel in den Minutenbereich. Auch meine Piano spielenden Kollegen brachten bald lieber ihre E-Pianos mit. Und jeder weiß, wie sehr Jazzpianisten E-Pianos schätzen. Und so wurde zu guter Letzt dem hörbar leidenden Flügel wieder seine angestammte Rolle als großzügige Ablagefläche zugewiesen.

Abtransport 2:

In den frühen Morgenstunden wurde er dann zu seiner letzten Fahrt zum Flügel-Abdecker abgeholt. He’s kicked the bucket, he’s shuffled off his mortal coil, run down the curtain and joined the bleedin‘ choir invisible. Und diesmal brauchte es nur zwei versierte, nicht mal besonders kräftige Berufs-Klavier-Heber, die das Instrument in kürzester Zeit und ohne Verletzungen, Schweißausbrüche, ausgerenkte Finger und ausgehängte Türen in ihren LKW trugen. Und genauso schnell stand dann das neue Klavier dort. Zwar nur ein Standklavier, aber stimmstabil und mit rundem Klang. Es ähnelt allerdings etwas einem eichenen Holzsarg, und so sollte man wohl besser keine Blumen darauf abstellen. Getauft ist das Instrument auf den Namen „Zimmermann“ (ich nenne es etwas zu vertraut „Dylan“), und es nimmt auch nicht so viel Platz weg. Alles in allem eine wirkliche Verbesserung.

Und dennoch bleibt ein Hauch von Wehmut in Gedanken an meinen alten, verstimmten Freund – und diese Blog-Geschichte als letzter Gruß.

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5 Kommentare zu „Mein Flügel – Ein Rührstück“

  1. Lieber André,

    mein tiefes Beileid zu deinem Verlust. Welches Schicksal wird deinen alten Freund wohl beim Klavierschlächter erwarten?
    Wird man ihn direkt zu Sägemehl verarbeiten, oder wird er einem spießigen Musikhasser noch ein paar Jahre als Fixpunkt im Garten herhalten müssen, wie Steinbergs Bass im Film „Jazzclub“?
    Wird man ihm womoglich wohl gar noch zerstückeln und in Teilen, jeweils festgebunden an einer Wäscheleine, im Fluss versenken, auf dass sich ein paar fette Aale am Stimmstock festfressen?
    Man will es sich gar nicht ausmalen.

    Möge dein neues Klavier dir über den Schmerz hinweghelfen..

    Viele Grüße und ein dickes Lob an dich, sowohl für deinen Blog als auch deine Musik,

    Daniel.

  2. ach jetzt weiß ich, woher Du das hast mit dem :“in jedem Dur steckt auch ein bißchen Moll…..“

  3. sehr schöner blog gefällt mir richtig gut

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