chrisdell

Man könnte es so formulieren: Der Jazz und seine Hörer sind Opfer der Globalisierung. Wegen der Globalisierung werden derzeit, trotz enormer Nachfrage, in Deutschland Konzerte mit deutschem Jazz rar, gute Bands in der Folge knapp, und Experten-Hörer wollen schon gespürt haben, dass in den Soli ein wenig vorsichtig-langsamer (unterkühlter, „cooler“) gespielt wird als sonst. Was nicht nur am regnerischen Sommer liegt: All dies wird nur gemacht, um die Licks zu schonen.

Schuld daran sind die Chinesen, genauer: der Lickhunger der boomenden chinesischen Jazzszene. Diese hat den internationalen Lickmarkt so leer gekauft, dass in den Werkstätten der Jazzinitiative Leipzig die Dominant-Alteriert- und Moll-6-Akkorde knapp werden. Verschärft wird das globale Problem durch den regionalen Ärger mit den ortsansässigen Kapellen. Die haben oft bis zu 20 neue Stücke fertig, die die Jazzpolizei, der Jazz-TÜV, nicht abnimmt. Das sagen die Musiker. Die Folge: Waghalsige („hotte“) Rhythmuswechsel nehmen ab, der Mainstream zu. Daher müssen nun alle Hörer in den Klubs, zumindest außerhalb der Hauptverkehrszeiten, ein wenig zusammenrücken.

Man könnte das aber auch als eine Chance begreifen. Als eine Gelegenheit, im hektischen Musikalltag ein wenig vorsichtiger miteinander umzugehen, mehr Rücksicht aufeinander zu nehmen. Morgens zum Beispiel nur synthetische David Baker Education Licks zu benutzen (kalt natürlich – „cool“ – wegen des Klimawandels), bevor man in die gut gefüllte Trickkiste Charlie Parkers greift. Das hätte gerade in den Sommermonaten deutlich deeskalierende Wirkung. Oder einfach mal anderen den Vortritt zu lassen, das Solo danach zu nehmen und auf einen Hörer zu hoffen, der das Zuspätkommen verzeiht („Sorry, ging nicht schneller wegen der Chinesen“). Tischtennissschläger zu kaufen und in einem der vielen Parks Berlins sich mit Tischtennis die Zeit zu vertreiben, statt teure Licks zu verbrauchen, wäre auch eine Alternative. Das ist nicht nur gut für die Umwelt und Gesundheit, sondern auch für den Jazz, wenn man sich für einen Lick mit blauem Engel entscheidet. (Der hausgemachte Blue Angel Blues kann nicht nur oft billiger sein, sondern beim unbedarften Publikum ungleich besser ankommen.) Natürlich sollte sich auch jeder überlegen, wo er im Alltag Licks verschwendet, und künftig mit dem wertvollen Gut vorsichtiger umgehen. Frei nach dem Motto: Wen kümmert’s denn, wenn in China ein Sack Kartoffeln aus dem Schlagzeug kippt.

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1 Kommentar zu „Let’s Play (Tischtennis)“

  1. Höre ich da Sarkasmus über Tischtennis heraus. Tischtennis gehört zu den anspruchsvollsten Sportarten, die vom Spieler sowohl körperlich als auch intellektuell alles abverlangt. Im Park wird eher Ping Pong gespielt. Schade, daß immer wieder Tischtennis in einen Topf mit Minigolf gepackt wird.

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