ELBJAZZ 2018

André Nendza

(Im Gedenken an Charlie Mariano)

Einführung:

Es wird in der blog-thing-Chefetage  gerne gesehen, wenn unsere Texte etwas mit Jazz oder zumindest mit Musik im Allgemeinen zu tun haben. Was bei einer Zeitschrift mit dem Namen „Jazz thing“ nicht einer gewissen Logik entbehrt. Da wir aber dieses Jahr bisher keinen wirklichen Sommer erleben durften, habe ich mich entschlossen, in Form einiger Reiseimpressionen etwas kubanische Sonne in die Herzen unserer Leserschaft zu bringen. Man muss ja auch mal – frei nach der alten polnischen Volksweisheit „Pause ist auch Musik“ – eine ebensolche machen. Und so sind diese Geschichten eher musikfrei. Auch wird es manchem so erscheinen, als ob Kuba ein ziemlich grauenhafter Ort sei. Das Gegenteil ist der Fall. Kuba lässt einen nie wieder los. Und wer liebt schon Frauen, die nur schön sind!?

Vorspiel:

Centro Oberhausen, Weihnachtsmarkt, Dezember 1999. Der Weg in Fidel Castros Reich ist mit schwerster kapitalistischer Fronarbeit im wahrlich bizarren Ruhrpott-Kauftempel gepflastert. Wir spielen bei Minusgraden verjazzte Weihnachtslieder, Open Air am Stand der LTU. Und werden in Naturalien, sprich Flugtickets, bezahlt. Der Tannenbaum schwingt gefährlich, die „Jingle Bells“ sambaen wie verrückt und doch ist das bleibende Gefühl eine Ahnung von sich anbahnender Erfrierung der Finger und die Angst, dass der mit Gas betriebene, kaum wirksame Heizstrahler das Centro dem Erdboden gleichmachen könnte. Was manchen vielleicht freuen würde!?

Impression 1:

Der Urlaub war perfekt europäisch geplant. Wir hatten uns entschlossen, nach einigen Tagen in Havanna über eine Zwischenstation in Trinidad de Cuba nach Santiago de Cuba zu reisen. Alle Transfers konnten bereits im Reisebüro gebucht werden. Und alles hat dann auch perfekt geklappt. Ein Hoch auf die Erfindung des „Voucher“ und die Tatsache, dass sich Klischees über die Lockerheit von Latinos mal nicht erfüllen. Allein der Bus-Trip von Trinidad nach Santiago müsse, laut Reisebüro, vor Ort organisiert werden. Aber auch das sei kein Problem, da „Havanna Tours“ ständig diese Strecke befahre.

Als geschulter Kenner der Grundprinzipien von Komödien kann man sich natürlich denken, dass es hier einen ernsten Hänger geben wird. Im lokalen Reisebüro erklärt uns Marilyn, die freundliche Mitarbeiterin, in perfektem CNN-geschulten Englisch, dass zu dem gewünschten Zeitraum kein Bus fahre. Es gäbe da einen Zug, der aber für Europäer nicht zu empfehlen wäre. Es sei denn, man möchte mal länger über sich oder den Sozialismus nachdenken. Oder man entpuppe sich als Aficionado von Saunagängen ohne Abkühlbecken. Die einzige Möglichkeit sei, die 600 Kilometer mit dem Taxi zu fahren. Für 250 Dollar. Ein Frontalangriff auf unsere Reisekasse. Aber natürlich wäre das Taxi klimatisiert und der Fahrer nicht nur fähig, das Gefährt sicher zu steuern, sondern vielmehr auch noch ein versierter Reiseleiter, der uns einiges über Land und Geschichte erzählen könne.

Wir sind gespannt. Am Morgen der Abreise steigt neben dem Fahrer auch noch dessen frisch operierte, Aspirin vertilgende Frau ins Taxi zu, welche niemals zuvor getroffene Verwandtschaft in Santiago hat. Kein Problem für uns. Wir wollen ja Land und Leute kennenlernen und unterstützen zudem jede Art von Familienzusammenführung. In freudiger Erwartung lauschen wir den viel gepriesenen Erklärungen unseres Führers. Leider beschränken sich die Ausführungen weitestgehend auf Sätze wie „On the right you see a sugar cane factory, we are really proud of“ und „On the left you see tobacco plants“.

Nach 100 Kilometern wird er deutlich wortkarger. Was neben der kubanischen Monokultur auch daran liegt, dass er Trinidad noch nicht oft verlassen hat und sich zunehmend auf die ihm unbekannte Strecke konzentrieren muss. Und wer jemals fast in einem fünf Quadratmeter großen kommunistischen Schlagloch verschollen ist, kann erahnen, was das bedeutet. Dann endet auch noch nach der Hälfte des Weges abrupt die Autobahn, welche die Städte Havanna und Santiago verbinden sollte. Der Zusammenbruch des Sowjetreichs und die damit ausbleibenden Einnahmen aus dem Zuckerrohrhandel verlangsamen unser Reisetempo immens, da wir uns jetzt „über Land“ durch die Diaspora schleichen müssen. Die Reiseleitung zeigt sich zudem überrascht, dass meine Frau und ich den lauen Fahrtwind bei geöffnetem Fenster der stolzen Klimaanlage vorziehen. So haben wir aber immerhin Gesprächsstoff auf der wirklich immer langweiliger werdenden Fahrt. Und LANGEWEILE!!!! darf ich hier ausnahmsweise mal großschreiben.

Doch auf einmal – nach unzähligen zähen Stunden reinster Monotonie – eine fast religiöse Erscheinung! Auf völlig unbesiedeltem Gebiet und am Rande einer Straße, auf der außer unserem durch Kuba irrenden Taxi unter keinen Umständen nicht einmal ein von einem alten, klapprigen Esel gezogener Karren mit dazugehörigem 104-jährigem, sonnengegerbtem Bauern ohne Schneidezähne (noch mehr folkloristische Klischees gefällig?) vorbeiziehen würde, bietet ein einsamer Mann ein gigantisches, von der prallen Sonne tief gelblich verfärbtes Stück Käse zum Verkauf an. Niemals war ich der Sinnlosigkeit des Seins näher. Dass war dann auch der Tag, an dem ich endgültig aufgehört habe, an den Sozialismus zu glauben, und die Welt lieber als abstruses Theaterstück eines Regisseurs mit schwersten Drogenproblemen zu betrachten begann.

Impression 2:

Mögen Sie Son? Diese Musik, die Anfang des Jahrtausends – „Buena Vista Social Club“ sei Dank – bei jeder Ex-K-Gruppen- (dann links-liberal und heute Neue-Mitte) Zusammenkunft zu roten Weinen aus der Toskana, Dorade und Rucola-Salat mitgereicht wurde. Immer mit den verbalen Zusätzen „So schön authentisch“ und „Endlich mal nicht diese elektronische Pop-Retorten-Scheiße“.

Wenn Sie lernen wollen, diese Musik wirklich zu hassen, ist Kuba eine Reise wert.

In nahezu jedem Restaurant werden Sie zeitgleich mit dem Niedersitzen und kurz vor der Feststellung, dass der Kubaner vor allem gegrilltes Hähnchen mit Reis und schwarzen Bohnen liebt, von einer Horde Musiker umringt, die immer und wirklich immer als Erstes den Hit „Chan Chan“ aus besagtem Wenders-Werk mehr oder weniger gekonnt vortragen. Das mag authentisch sein, nervt aber spätestens ab der zweiten Woche höllisch. Auch kann man keine fünf Minuten in Ruhe auf einer fast romantischen Parkpark sitzen, ohne dass einem ein fröhliches Duo mit Gitarre und Schüttel-Ei traditionelle Weisen darbietet. Man zahlt dann in Kuba diese Musiker mit amerikanischen Dollar dafür, dass sie endlich bitte-bitte we gehen. Purer Zynismus. In Trinidad spielte der schrecklichste Geiger der Welt jeden Abend für uns sein Medley aus „Besame Mucho“, „Yesterday“ und „MyWay“. Ein ganz klar an den hellhäutigen Touristen angepasstes Erfolgsrepertoire.

Beim Schlendern über den Malecon in Havanna wurden wir dann von einem notorischen Trio verfolgt. Da unsere Reisekasse schon recht geplündert war, entschlossen wir uns zur Flucht und stürmten direkt über die viel befahrene Hauptstraße, wo ich fast von einem alten amerikanischen Cadillac erfasst wurde. Doch die Musiker nahmen angriffslustig mit sämtlichen Instrumenten denselben Weg und entließen uns erst nach einer entsprechenden Abgabe. Musikalische Wegelagerer. Natürlich ist mir klar, dass meine kubanischen Kollegen das Geld wirklich dringend brauchen, um über die Runden zu kommen. Und so zahlten wir höchst solidarisch letztendlich doch gerne und kauften sogar manche CD.

Aber ein kleiner Spaß sei uns gegönnt. Für eine Nacht hatten wir uns in das noble und für kubanische Verhältnisse geradezu dekadente ehemalige Mafia-Etablissement „Hotel Nacional“ einquartiert. Eigentlich nicht bezahlbar, aber auch eindrucksvoll. Im dazugehörigen Restaurant durften wir uns von der dort angestellten Combo einen Titel wünschen. Und so erklang, von einer verschmitzt lächelnden Kapelle vorgetragen, mit der Che Guevara zugeeigneten Hymne „Hasta Siempre, Comandante“ – zwischen vor allem europäischen Speisen – ein Hauch von Revolution im Hort des auf die Post-Fidel-Castro-Zeit  hoffenden Publikums aus Geschäftsleuten und Exil-Kubanern. Ich frecher Champagner-Sozialist!

Impression 3:

Als „unser Mann in Havanna“ erteilte mir Charlie Mariano mehr im Scherz den klaren Auftrag, ihm Zigarren der Sorte „Cohiba Robustos“ mitzubringen. In dem Bewusstsein, das ich an Charlies Geburtstag ein Konzert mit ihm als Gast haben würde, fand ich Gefallen an der Idee eines rauchbaren Geburtstagsgeschenks. Nun bin ich, der das letzte Mal mit zwölf auf dem Schulklo geraucht habe (gepafft, nicht inhaliert), kein wirklicher Experte in Sachen Tabakwaren. So verschoben wir dieses Projekt respektvoll auf unseren letzten Urlaubstag in Santiago.

Im Hotel wurde uns gesagt, dass in der Hafengegend eine Zigarrenfabrik sei. Dort angekommen, konnten wir beim besten Willen keinen Laden finden. Ziemlich verwirrt schlichen wir um das Gebäude, bis uns von der anderen Straßenseite ein Mann zuzischte. Wenige Sekunden später befanden wir uns gemeinsam mit einer achtköpfigen Familie in einer vier Quadratmeter großen Wohnung, in der uns aus einer Plastiktüte zwei Kisten Zigarren angeboten wurden. Auf einer der Kisten stand „Cohiba“ und der mit Bleistift auf den Küchentisch geschriebene Preis von 50 Dollar schien doch recht günstig zu sein. Per Handschlag wurde das Geschäft besiegelt und wir schienen unsere Mission erfüllt zu haben.

Nun steht in jedem Reiseführer, dass man niemals in vier Quadratmeter großen Wohnungen von achtköpfigen Familien Zigarren kaufen soll, da es sich immer um Fälschungen handeln wird. Doch was wissen diese vermeintlichen Experten schon? Als dann allerdings unser Amigo Raul nach dem Betrachten unserer erworbenen Ware lauthals lachend sämtliche seiner Freunde zusammenrief, um ihnen die aus Tabakabfällen zusammengekloppten Analog-Havannas und die dazugehörigen vertrottelten Gringos zu zeigen, war uns klar, dass da doch wohl etwas falsch gelaufen war. Kurz entschlossen stürmte Raul – ganz Mann der Tat – zurück zum Tatort. Leider wohnte dort mittlerweile eine völlig andere Familie, die im Prinzip von nichts gar nix wusste und selbstverständlich niemals mit Zigarren handeln würde. Das sei doch illegal. Selbst das ortsübliche Drohen mit der Geheimpolizei brachte keinerlei Ergebnis und so zogen wir um eine weitere kubanische Erfahrung von dannen.

Um uns aufzuheitern, zeigte uns Raul den richtigen Zigarrenladen. Die Verkäuferin nannte uns dann den realen Preis für eine Kiste „Robustos“: 800 Dollar!!! Bei aller Liebe zur Person und Musik Charlie Marianos sprengte das unsere finanziellen Möglichkeiten bei weitem. Schließlich hatten wir bereits die vielfältige musikalische Szene durch fleißige Devisenzufuhr am Leben gehalten. Die Verkäuferin erkannte blitzgescheit die Lage und meinte, wenn wir nach Ladenschluss um 18 Uhr wiederkämen, würde die Kiste nur noch 80 Euro kosten. Es lebe der Sozialismus und seine flexible Preisgestaltung.

Mittlerweile hatten allerdings Freunde von Raul wiederum eine zweite Kiste „Cohibas“ und, weil es grad so schön passte, eien Packung Zigarillos besorgt, die natürlich unter keinen Umständen in Kuba bleiben könnten. So fanden wir uns flugs als Paten des international agierenden illegalen Zigarrenhandels wieder. Eine viel versprechende Perspektive für einen Jazzmusiker, doch leider muss man dann doch das entsprechende Nervenkostüm sein Eigen nennen. Dementsprechend war unser Rückflug geprägt von einer latenten Angst vorm Zoll. Zumal ein deutscher Lehrer, den wir auf dem Transfer zum Flughafen kennengelernt hatten und der auf ähnlich kubanische Weise eine Reihe Kunstobjekte erworben hatte, nach der Landung auf einmal nicht mehr auffindbar war.

Nachspiel:

Wir sind dann doch nicht erwischt worden, das Ganze ist ja hoffentlich verjährt und alle Beweise haben sich im wahrsten Sinne des Wortes in Luft aufgelöst.

Charlie Mariano allerdings war, Zigarre rauchend, an seinem 77sten Geburtstag ein glücklicher Mann. Und so endet dieser Blog dann doch noch fast musikalisch.

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3 Kommentare zu „Kubanische Impressionen“

  1. Herr Nedza,
    haben Sie es wirklich nötig, sich über Menschen, die um ihr Überleben kämpfen müssen, derartig überheblich zu äußern?
    Übrigens: Der deutsche Lehrer (Beamter mit Vorbildfunktion), der „kubanisch erworbene“ Kunstgegenstände außer Landes schafft, verstößt auch gegen deutsches Recht.

  2. lieber hegi,

    ich wünsch dir ein bisschen humor.
    ? qué tán serio compay ?

    gruß
    otto

  3. Lieber Otto Brot,
    vielen Dank für die guten Wünsche!

    Der verkannte, im deutschen Exil darbende cubanische Philosoph und Dichter Robero Zerquera artikulierte dies in seiner markanten Sprache noch treffender:
    Ein bischen Spaß muß sein, dann kommt das Glück von ganz allein!

    Es gibt einen feinen Unterschied zwischen Humor und Spott bzw. Häme.
    Die Drohung mit der Geheimpolizei ist nicht humorvoll.
    A. Nendza kann es doch besser – siehe „Mein Flügel – Ein Rührstück“.

    Grüße von ms_hegi

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