Uwe Wiedenstried

Im weiten Revier der Jazzforschung kann es, so möchte man meinen, keine Terra incognita mehr geben. Alles, was über Jazz gesagt und geschrieben werden kann, ist längst gesagt und geschrieben, ist längst Stoff der Lehrbücher und Lexika. Und dennoch schlummert in diesem Revier ein dunkler Forst, eine kaum berührte Wildnis, in die eine Hand voll Pioniere, Waidgenossen des Wortes, vor 30, 40 Jahren lediglich einige Schneisen schlugen, die im Laufe der Zeit dann wieder der Vergessenheit und Überwucherung anheim fielen. – Wie der erfahrene Waidmann, die Bockdoppelbüchse korrekt am Baum „angestrichen“ mit ruhiger Hand dem Durchbrechen des Keilers aus seiner „Dickung“ über Kimme und Korn entgegensieht, so harrt auch die Frage nach der Herkunft des Wortes Jazz heute immer noch einer überzeugenden Antwort.

Sicher, emsige Semasiologen und Linguisten brachen Ende der sechziger Jahre auf, das Unterholz um das Wort Jazz zu lichten. Aber ihre Deutungsversuche blieben der Sphäre reiner Deskription verhaftet, verstrickten sich in disparaten Hypostasierungen und vagen Hypothesen: Jazz leite sich von Mr. Jasbo, einer Figur aus den Minstrel Shows, ab. Vielleicht aber komme Jazz auch von „jasm“, Kurzwort für „jasmine“; denn Jasmin sei der von vielen Prostituierten in Storyville präferierte Parfumduft gewesen.

Unter Berufung auf einen 1968 von Alan P. Merriam und Fradley H. Garner für die Zeitschrift „Ethnomusicology“ verfassten Essay mit dem Titel „Jazz – the word“ kommt der Musikologe und Germanist Prof. Dr. Jürgen Hunkemöller in seinem Aufsatz „Jazz“ für den von Hans Heinrich Eggebrecht 1976 herausgegebenen Sammelband zur „Terminologie der Musik im 20. Jahrhundert“ zu dem Schluss, dass das Wort Jazz aus dem Patois stamme, sprich: aus dem Südstaaten-Französisch der Créoles de couleur in Frankreichs ehemaliger Kolonie Louisiana. Jazz leite sich demnach vom französischen „jaser“ (schwatzen/tratschen) ab, mit größerer Wahrscheinlichkeit aber sei „chasser“ (jagen) der Ursprung des Wortes Jazz. Hunkemöller verweist allerdings darauf, dass seine These nicht verifizierbar sei, da „quellenmäßig belegbare und geographisch geortete Zusammenhänge im kreolischen Süden der USA nicht aufgedeckt“ werden könnten. Die wissenschaftliche Debatte um die Etymologie des Wortes Jazz gilt seitdem als abgeschlossen, da eindeutige Aussagen ohne Quelle und Beleg unmöglich sind.

Wo Quelle und Beleg fehlen, helfen Indizien der Wissenschaft auf die Sprünge. Dass es einen Zusammenhang zwischen Jagen (chasser) und Jazz gibt, ist nicht nur unter dem Aspekt der Phonetik von frappanter Evidenz. Dieser Artikel will diese Evidenz an einigen schlagenden Beispielen demonstrieren.

Schon Alfons M. Dauer („Jazz – Die magische Musik“, Bremen 1961, S. 86 ff.) übersetzte den Begriff Drive, also jene Form des Swings, die durch antizipierende Off-Beat-Phrasierung trotz konstant bleibenden Tempos den Eindruck des Schnellerwerdens hervoruft, mit dem Wort Jagen. Auch Thelonious Monk verwendet Drive und Jagen (to chase) als Synonyme. Sein „Straight, No Chaser“ soll eben nicht swingen, sondern gerade ohne Drive, ohne zu jagen, gespielt werden. Signifikant ist auch die Häufung des Wortes Jagen in den Titeln vieler Jazzkompositionen. Pars pro toto seien hier die Tenor Battles zwischen Wardell Gray und Dexter Gordon, „The Hunt“ und „The Chase“, Charlie Parkers „Chasing The Bird“ und die Ballade „Chasing Shadows“ genannt.

Ein solcher, allein der hermeneutischen Situation Rechnung tragender Deutungsansatz kann jedoch lediglich Oberflächliches, dem bloßen Auge Ersichtliches widerspiegeln. Eine rein strukturelle Semasiologie bleibt als Verfahren zur Erkenntisgewinnung notwendig defektiv und bedarf der kon- und transtextualen Ergänzung, um zu überprüfbaren Aussagen über Wirklichkeit zu gelangen. Die Frage, ob Jazz und Jagen im gleichen semantischen Feld zu verorten sind, ist somit zugleich die Frage nach den Interdependenzen und Entsprechungen zwischen dem Jazz und dem Waidmannshandwerk.

Ein wertfreier und vorurteilsloser Blick auf die Berufsjägerei, sprich: in das vom Oberregierungsveterinärrat a.D. Dr. Richard Blase verfasste Standardwerk „Die Jägerprüfung und Wissenswertes für den Jäger in Frage und Antwort“ dürfte allerdings jeden hartnäckigen Zweifler als ideologiebefrachtet entlarven.

1.) Sowohl Jäger als auch Jazzmusiker zeigen eine Vorliebe für Onomatopoetika: Was dem Waidmann sein „Halali!“ und „Horrido!“, ist einem Louis Armstrong sein „Heebie Jeebies“, einem Dizzy Gillespie sein „Oo Bop Shoo Bam“, einem Lionel Hampton sein „Hey Baba Rebop“.

2.) Sowohl Jägern als auch Jazzmusikern ist das Prinzip von Call-And-Response zu eigen: Als der Arrangeur Don Redman die Bläser des Fletcher-Henderson-Orchesters in Sektionen teilte, die sich wechselseitig riefen und antworteten, griff er damit nicht nur auf Techniken zurück, die ihm aus den Gospelgesängen afro-amerikanischer Kirchengemeinden und aus den Rural Blues vertraut waren, sondern knüpfte – vermutlich unbewusst – auch an das uralte Brauchtum der Jünger Nimrods an: Bei Treibjagden verständigen sich die Waidgenossen über Hornsignale. Verloren gegangene Jäger werden mit dem „Hegeruf“, einem Arpeggio des C-Dur-Dreiklangs (G-E-C-G), herbeigerufen, bei dem man sich die Worte „Wo bist denn du?“ zu denken hat. Die waidgerechte Anwort ist ein viermaliges Anblasen der Tonika: „Bin hier! Bin hier!“, in Notfällen im Rhythmus lang-kurz-kurz-lang: „Helft! Bin in Not!“

Exkurs: Dass jeder Jäger bei Treibjagden am Gürtel ein Fürst Pleßsches Jagdhorn mit sich zu führen und etliche Signale zu beherrschen hat – vom fröhlichen „Hasen tot!“ („Nun ist vorbei die Rammelei!“) bis zur frischen „Aufmunterung im Treiben“ –, zeigt allein schon die Bezüge zur Musikwelt auf. Ist es da wirklich reine Koinzidenz, dass frühe Jazzmusiker wie Buddy Bolden oder Freddie Keppard das Kornett, also ein mit Ventilen ausgestattetes Horn, der Trompete vorzogen? Im übrigen sei darauf verwiesen, dass das lyrisch-schlichte Hornsignal „Das letzte Halali!“, das ausschließlich am offenen Grabe eines in die ewigen Jagdgründe eingegangenen Waidgenossen gegeben werden darf, eine mehr als deutliche Parallele zu den traurigen Weisen darstellt, die die Marching Bands von New Orleans auf dem Weg zu einer Beerdigung intonieren.
Dass Hornkommandos wie „Aufhören zu schießen!“ oder „Treiber in den Kessel!“ ihren Widerhall in dem einprägsamen Motiv aus Gillespies „Salt Peanuts“ oder in der Einleitung des „Bugle Call Rag“ fanden, ist wahrscheinlich, bleibt aber Mutmaßung, solange sich die Musikwissenschaft dem Postulat einer Untersuchung dieser Fragen verweigert.

Zurück zu 2.): Das Call-And-Response-Prinzip findet auch beim Ausbringen des „Horrido!“ Anwendung. Am Ende der Treibjagd, nach Bekanntgabe des Jagdkönigs, bringt der Jagdherr vor der ausgelegten „Strecke“ ein dreifaches „Horrido!“ „auf das edle deutsche Waidwerk“ aus. Die Jägerschar hat die ersten beiden „Horrido!“ mit „Joho!“, das abschließende mit „Jo!“ zu beantworten. „Zusätzliche Rufe sind unschön und unpassend“, ermahnt Dr. Blase. Die Übereinstimmungen mit Jazz, Blues und Gospel sind unverkennbar: Vorbeter/-sänger ruft, Gemeinde/Chor antwortet. „Joho!“ und „Jo!“ klingen deutlich an Ausrufe wie „Yeah!“ oder „Yeah, man!“ an. Auch der streng gehandhabte Formalismus ist ein Indiz für den Konnex zwischen Jazz und Jagen. Der Stardirigent und bekennende Jazzfan Kent Nagano sagte in der Filmdokumentation „My Favorite Thing“ (Regie: Gerhard Hofmann, Deutschland 2004), er kenne keine Musik mit derart starren Formen wie den Jazz.

3.) Jazz ist eine Musik der Begegnung. Durch die fortwährende Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, die Integration fremder musikalischer Ausdrucksformen in das eigene Vokabular, avancierte er zur Weltmusik. Jazz steht für Internationalität, für Verständigung und Austausch, für Achtung vor dem und Zugehen auf den Fremden. Nicht anders verhält es sich im Waidmannshandwerk. Toleranz gegenüber dem Fremden ist kategorischer Imperativ der Jägerei. Forstmeister S. Schmincke hat in seinen humorvollen Lehrversen zu einem Postkartenleporello mit Karikaturen unter dem Titel „Vermeidbare Jagdunfälle“ (leider nicht mehr im Handel erhältlich) diesen kategorischen Imperativ auf den Punkt gebracht: „Achte stets des Waidmanns heilig‘ Gebot, was du nicht kennst, das schieß‘ nicht tot!“ – Schießen lernen, Freunde treffen!

Sollte mein bescheidener Beitrag anderen Anregung zur Wiederaufnahme der Debatte um die Herkunft des Wortes Jazz sein, so hat er seinen Zweck erfüllt. Leider jedoch haben sich die einschlägig bekannten Fachmagazine sehr reserviert gezeigt: Alois Saufeder, Chefredakteur der „St. Hubertus-Post“, lehnte diesen Artikel mit Hinweis auf sein Redaktionsstatut ab, dessen erster und oberster Grundsatz laute: „Eine saubere Kugel schießen!“ Das Life-Style-Magazin „Loden & Niedertracht“ bringt grundsätzlich keine Beiträge wissenschaftlicher Natur. Selbst das im Johannis-Trieb-Verlag erscheinende Feuchtblatt „Die Brunftrute“ wollte nicht: „Alles, was Waidmännern Spaß macht“ sei ihr Credo. Ich ziehe daher meinen Gamsbarthut vor dem Koordinator dieser Kolumne, weil er wieder einmal den Schneid aufbringt, hier, an dieser Stelle, die eigentlich dem Heiteren, der Glosse, der Satire und den Anekdoten vorbehalten bleiben soll, auch die ernsten Töne der Wissenschaft erklingen zu lassen. – Waidmannsdank!

Uwe Wiedenstried

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