Uwe Wiedenstried

Dies ist ein Blues im Proporz.

Schwarz ist der Blues, und schwarz das Sauerland. – Dort, wo der Tann besonders finster ist, dort, wo sich die echten, die wirklich harten Biker treffen, um zugedröhnt mit Faxe-Bier und Motörhead im Vespa-Weitwurf ihre rohen Kräfte zu messen, dort knatterte einst auch Jung-Friedrich Merz in seinem Heimatkaff auf einer 50-Kubik um die Wurstbude. Reval-Ohne im Mundwinkel, Haare bis zur Schulter. Paint It Black (Was sonst?) und Helter Skelter – hart musste seine Musik sein, hart und laut. Und wenn der Easy Rider selbst die Saiten seines Strato-Nachbaus klampfte, dann war es aus mit der Ruh über allen Wipfeln zwischen Brilon-Wald und Neheim-Hüsten. Einmal ein Steppenwolf, immer ein Steppenwolf.

Franz Müntefering, ebenfalls Sauerländer, Parteisoldat und Großkoalitionär, marschiert vorneweg, wenn die Fanfaren rufen: Glück Auf, Der Steiger Kommt und Wann Wir Schreiten Seit‘ An Seit‘. Sein Lied ist das politisch‘ Lied, selbst von Myntefering, den garstigen Punkrockern aus Belgien, die sich nach ihm benannten, hat er vermutlich nie etwas gehört.

Nach seinem One-Night-Gig als Techno-Tanzbär fürs ansonsten durch kaum etwas zu erschütternde SPD-Jungvolk tapste Oskar Lafontaine erst einmal in den Backstage-Bereich. Statt zu chillen, bekam er abermals Hitzewallungen und einen neuen Partner. Mit dem singt er im Duett. Keinen Blues, sondern einen Evergreen, der mit Worten beginnt, die von Big Bill Broonzy stammen könnten: Wacht Auf, Verdammte Dieser Erde.

Guido Westerwelle ist begeisterter Sportler. Wie alle Sportler sucht er die Grenzerfahrung. Wer es mit den Insassen des Big-Brother-Containers aufnimmt, der stürzt sich in noch ganz andere Abenteuer. Selbst beim Konzert von Robbie Williams im Berliner Velodrom bewahrt der sein strahlendes Lächeln. Was für ein Kerl! – Chapeau!

»Notenblätter sind stumm.« -– Dieses Zitat ist echt. Hand auf’s Herz, und nicht gelogen. Ich habe es lediglich der besseren Lesbarkeit halber um alle »Ähs« und »Äh-Ähs« bereinigt. Ein Satz, dessen philosophische Tiefe und Gedankenschärfe keinen Zweifel daran lassen, wer ihn gesagt hat. – Richtig! -…… ……. Der war‘s.

Richard Wagner wirkt auf Angela Merkel so, wie Jamie Cullum auf pubertierende Girlies – schweißtreibend. Merkel ließ sich von Meister-Figaro Udo Walz die Haare zur Frisur legen und schmiss sich in den gewagtesten Zweiteiler, den ihr Kleiderschrank zu bieten hat, lachsfarben, schon chic, wenn auch die Figur etwas zu sehr betonend; und dann das: Ihr Deodorant versagte, noch vor dem ersten Tusch, ja, noch bevor sie den Konzertsaal überhaupt betreten hatte, in den Achselhöhlen, genau in dem Augenblick, als sie ihrem jubelndem Volk und den Paparazzi Winke-Winke machte. »Ich verzichte gern auf meinen Urlaub, aber nicht auf Bayreuth.« Auch das Zitat ist echt.

Claudia Roth zeigt Talent fürs Ballett. Anfang der achtziger Jahre war sie Co-Managerin von »Ton, Steine, Scherben«. Heute pilgert auch sie nach Bayreuth, wenn auch inkognito in der Camouflage eines rosaroten Escada-Kakadus mit Federboa. Von Rio Reisers Macht Kaputt, Was Euch Kaputtmacht! zu Nie Sollst Du Mich Befragen! von Richard Wagner, dem Lieblingskomponisten des GröKaZ, des größten Kaputtmachers aller Zeiten, diesen Spagat zwischen Anarchie und Walhalla, den macht ihr kein Rudolf Nurejew nach, bestenfalls ein Josef Fischer.

Summertime, Mackie Messer und My Way hatte sich Gerhard Schröder zum letzten Zapfenstreich erbeten. Die Blechtröten-Armee brachte das Wunschkonzert mit so viel Schnedderengdengdeng, dass es jedem halbwegs musikalischen Menschen das Wasser in die Augen treiben musste. Ob Schröders Ehrengästen, Klaus Meine von den Scorpions und Katja Ebstein, ebenfalls die Tränen kamen, ist nicht bekannt.

»Der Jazz findet bei der Bundesregierung jederzeit ein offenes Ohr.« Noch ein echtes Zitat. Hermann Schäfer, Kulturabteilungsleiter im Bundeskanzleramt, hat dies den Delegierten der »Bundeskonferenz Jazz (BKJazz)« versichert, die im vergangenen Oktober Bundestag und Kabinett ihre Aufwartung machten.

Schwarz ist der Blues, und silbern die Rede. – Kaum ein Politiker zeigt eine besondere Neigung für Jazz und Blues. Warum eigentlich nicht? Eine mögliche Antwort darauf gibt es bereits seit dreißig Jahren; sie kommt aus der Schweiz, seit 1815 der »ewigen Neutralität« verpflichtet und somit politisch unbedenklich, aus einem Chanson von Stephan Sulke: »Die Intellektuellen hören gerne Blues.«

Uwe Wiedenstried

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1 Kommentar zu „For Intellectuals Only“

  1. Immerhin spielte Till Brönner 2002 beim Staatsbesuch des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau in Japan auf und seit April 2004 moderiert er in der Bundeskunsthalle Bonn seine regelmäßige Veranstaltung „Talkin‘ Jazz“ mit prominenten Gästen u.a. Paul Kuhn, Roger Willemsen, Götz Alsmann, Bill Ramsey.

    Ich glaube sowieso, Jazz ist eher was für die Ebene der Staatssekretäre und Referatsleiter denn für die Minister, Ministerpräsidenten und die Parteispitzen; für die Arbeitsebene eben.

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