Pit Huber

Ich geb’s zu: Einmal hätte ich tatsächlich wirklich fast beinahe ein Jazzbuch geschrieben. Es gab schon ein Thema, es gab einen Verlag und sogar ein Honorar war schon ausgehandelt. Das Thema des Buches war Louis Armstrong oder Thelonious Monk oder John Coltrane, egal – jedenfalls ein Musiker, dessen Namen sogar die Verlagsfrau kannte, weil es nämlich jede Menge Bücher über ihn bereits gibt. Ich sagte daher erst mal: „Was soll ich über den noch schreiben? Der amerikanische Kritiker X hat das schon perfekt gemacht und auch das Buch des deutschen Kollegen Y ist brillant. Ich kann das nicht besser.“
 
Aber die Verlagsplanung stand: Das Buch sollte unbedingt kommen. Also habe ich ein Konzept ausgearbeitet, wie ihr es noch nicht gesehen habt: so was von intelligent, ungewöhnlich und originell! Zur Verlagsfrau sagte ich: „Weitere Bücher über diesen Musiker sind überflüssig. Nur das Buch nach meinem Konzept hätte überhaupt noch Sinn.“ Dabei wirkte ich so enorm überzeugend, dass der Verlag tatsächlich meine Idee schluckte. Über den Umfang haben wir allerdings noch ein bisschen diskutiert: 400 Seiten waren dem Verlag zu teuer. Wir einigten uns auf 300.
 
Auf der Frankfurter Buchmesse, also so richtig stilecht, sollte der Vertrag ausgehandelt werden. Nur ein paar Details seien noch zu klären. Ich also hin nach Frankfurt, teure Eintrittskarte gekauft, und pünktlich zum Termin kam ich dann an den Verlagsstand. Da saß die Verlagsfrau auch schon gemütlich mit einem Herrn am Tisch und lud mich einfach dazu. Der Herr war, wie sich schnell herausstellte, der Lektor in spe meines Buches. Und der hatte seine ganz eigenen Ideen, was das Projekt anging.
 
Während ich noch auf dem Weg vom Messeeingang zum Verlagsstand gewesen war (gefühlte 10 Kilometer), hatten sich Verlagsfrau und Lektor schon mal nett unterhalten. Ich erkannte mein Buchprojekt nicht wieder. Die entscheidende Veränderung: Es war nur noch ein Paperback von 200 Seiten. Mein einmalig originelles Konzept war durch diese Kürzung praktisch hinfällig. Aber das machte nichts, denn der Lektor hatte ja ein eigenes Konzept. Ich sagte ein paar Mal „Aber!“ und „Moment!“, doch dann sagte ich nichts mehr. Der Vertrag sollte mir zugeschickt werden.
 
Eine Woche später habe ich das Projekt abgesagt. Danach bekam ich noch einen halbwegs verzweifelten Anruf der Verlagsfrau, die dem Verlag keinen Autor präsentieren konnte und offenbar unter Druck stand. Sie bot mir sogar an, zum ursprünglichen Konzept zurückzukehren. Glaubt’s mir oder nicht: Ich sagte nein. In mir kochte immer noch der Ärger. Und der Stolz.
 
Leider hat diese Geschichte ein Nachspiel. Oder besser: Diese Geschichte war nur das Vorspiel. Denn das Buch wurde dann tatsächlich gemacht, die Verlagsplanung verlangte es so. Der Lektor suchte sich einfach einen Autor nach seinem Geschmack und setzte sein Konzept durch. Dummerweise war der neue Autor ein Freund von mir. Der freute sich wie ein Kind, ich freute mich mit ihm und war sogar ein bisschen neidisch. Und wir beide kamen nicht auf die Idee, den Verstand wieder einzuschalten.
 
Denn es gab ja bereits jede Menge Bücher über diesen Musiker. Wenn man nicht ein enorm originelles Konzept wählte (wie meines), konnte man es nicht besser machen als Mister X und Herr Y – oder zumindest müsste man dafür Übermenschliches leisten. Und der Lektor des Verlags war natürlich nicht Fachmann genug, um das beurteilen zu können. „Wie geht’s deinem Buch?“, fragte ich meinen Freund öfter mal. Eigentlich meinte ich: „Wie geht’s MEINEM Buch?“ Zu lesen bekam ich vorab nichts. Ich bat aber auch nicht darum.
 
Irgendwann erschien das Buch. Was schrieben die Rezensenten? Es sei überflüssig und suboptimal. „Der amerikanische Kritiker X hat das schon perfekt gemacht und auch das Buch des deutschen Kollegen Y ist brillant. Nur ein originelles Konzept hätte bei diesem Buch noch Sinn gehabt.“ Verlag und Lektor haben meinen Freund ins offene Messer laufen lassen. Und ich fühlte mich irgendwie mitschuldig: Ich hatte es nicht verhindert. Immerhin: Er nahm es tapfer. Wir blieben Freunde.
 
Pit Huber

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