Pit Huber

Eines der großen Missverständnisse unserer Zeit besteht darin, dass wir Musik für eine Art kollektive Veranstaltung und fröhliche Party halten. Tatsächlich wissen die meisten Menschen einfach nicht, was sie mit Musik anfangen sollen, und rotten sich daher unter Beschallung instinktiv zusammen. Sie sind wie staunende Kinder, die, wenn wieder Ruhe ist, ihre Beklommenheit durch lautes Schreien abschütteln müssen. Die Wissenschaft meint: „Diese Abwehr ist in den Hochkulturen zum klatschenden Beifall geworden, der als eine Entlastung oder ein Entrinnen aus dem Bann der Musik zu werten ist.“
 
Im Grunde nämlich ist Musik eine einsame Sache: die philosophische Leistung von Eremiten, die unter seelischen Tonnenlasten, für oder gegen ihren Gott, auf dem Grat zwischen Genie und Wahnsinn ihre Klangkathedralen balancieren. Ob Ludwig van Beethoven, Lennie Tristano oder Dieter Bohlen: Musik zerrt an den Grundfesten der Schöpfung, errichtet tönende Brücken und klingende Türme ins eben noch Unvorstellbare. Das kann nur leisten, wer die platte Welt hinter sich lässt.
 
Daher ist der Mönch in seiner Klause seit der Gregorianik der Inbegriff des Musikschöpfers. Denken wir etwa an den geheimnisumwitterten, anonymen „Mönch von Salzburg“, der bereits im 14. Jahrhundert das Improvisieren über Kirchentonarten erprobte und damit Miles Davis‘ „So What“ und „Flamenco Sketches“ um 600 Jahre vorwegnahm. Leider hat man Miles davon nichts gesagt, sonst hätte der diese Phase übersprungen und gleich Wayne Shorter engagiert. Dann würden auch mal andere Platten zum besten und liebsten Jazzalbum aller Zeiten gewählt.
 
Oder denken wir an den Lieblingsmönch des Jazz, Brother Thelonious. Obwohl er sich schon 1960 auf einem Cable Car fotografieren ließ, erreicht sein Ruhm Kalifornien erst heute: als Starkbier-Konterfei mit Klaviertasten-Gloriole. Die Jungs von der North Coast Brewery brauen im Sinne Monks auf dem Grat zwischen Genie und Wahnsinn: „Rich, dark and sweet flavors balance with nutty overtones.“ Bei dieser Formulierung half ihnen das Thelonious Monk Institute of Jazz, mit dem die Brauerei eng und mit wöchentlichen Lieferungen zusammenarbeitet. Die Studentenzahlen in Washington sind seitdem sprunghaft gestiegen. Es heißt, eine Flasche „Brother Thelonious“ erleichtere das „Entrinnen aus dem Bann der Musik“ enorm.
 
Pit Huber

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2 Kommentare zu „Der Mönch an sich“

  1. Zitat aus Wikipedia.
    „Der Mönch von Salzburg griff als erster deutscher Liederdichter die aus dem Französischen kommende Mehrstimmigkeit für seine Lieder auf.“

    Da war es schon vorbei mit der Eremitage.

    „Tatsächlich wissen die meisten Menschen einfach nicht, was sie mit Musik anfangen sollen.“ Einer der größten Unsitten unserer Zeit sind Pauschalisierungen.

    Ist Pit Huber Musiker?

  2. Ist Pit Huber Musiker? Sagen wir mal so: Er kann ein Klavier von einer Trompete unterscheiden. Beim Unterschied zwischen As b3 7 und Gis m #6 tu ich mich schon schwerer.

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