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André Nendza

Im ZDF gibt es spät nachts die grauenhafte Sendung „Blond am Freitag“ zu sehen, in der mehr oder weniger witzige Personen über mehr oder weniger wichtige Promis tratschen. Manchmal sehe ich nach Konzerten, wenn das Programm des DSF keine wirkliche Alternative ist, zappend in diese Sendung hinein und stelle zu meinem Erstaunen fest, dass das Prozedere des Formates fatal dem Kaffeeklatsch unter Musikern ähnelt. Auch dort wird beobachtet, dass „dem und dem schon lange nichts mehr einfällt“, „der und der beim Dings rausgeflogen ist“ und dass „die Sängerin X sich vom Bassisten Y getrennt hat und jetzt mit Pianist Z zusammen ist, worauf hin sich die Ex von Z an Bassist Y heranmachte“.

Irgendwann, zu vorgerückter Stunde, wenn alle Inhalte zu Grunde gerichtet und alle Urteile gefällt wurden, kommt der Musikerklatsch immer und immer wieder auf das letzte, zentrale Thema des deutschen Jazz: Till Brönner. Hier hat jeder eine Meinung und das Spektrum geht meist vom resignierten „Was könnte der mit seinen Fähigkeiten nicht alles machen“ über das bitterböse „Warum muss er jetzt auch noch singen“ bis hin zu der naiven Hoffnung „Vielleicht nützt seine Popularität dem Jazz ja im Allgemeinen“.

Ich selber muss gestehen, dass ich die Musik von Till Brönner kaum kenne. Mir steht da anderes wohl näher. Dennoch kann auch ich ihm nicht entgehen, denn er schaut einen bundesweit von riesigen Plakaten und den Rückseiten aller Jazzmedien an, kocht mit Bio und guckt nach, ob ein „Zimmer frei“ ist. Und er wirkt auf mich in all diesen Situationen sympathisch und eloquent. Für meinen Geschmack sicher etwas zu glatt, was aber an meiner Vorliebe für krudere Persönlichkeiten liegt. Aber dennoch würde ich mit ihm essen gehen. Und sei es nur, um über manche seiner, aus meiner Sicht seltsamen Aussagen zum freien Jazz und zum Thema Subvention zu plaudern. Ich finde allerdings, dass er die Rechnung zahlen müsste.

Ansonsten ziehe ich mich gerne auf „Jeder Jeck iss anders“, das Kölsche Gebot aller harmoniesüchtigen Orientierungslosen, zurück. Dahinter steht die fast schon christliche Hoffnung, dass Brönner seine Musik gerne und mit Überzeugung macht. Und in einem vermeintlich freien Land kann man ja entscheiden, was man hören möchte.
Ein anderer, tiefer liegender Teil der Wahrheit, warum ich nicht zu den ganz so hemmungslosen Brönner-Bashern gehöre, liegt in den folgenden drei Begebenheiten begründet.

Remscheid 1987, der legendäre Sommerworkshop der Akademie. Ich bin 18 und dachte bis vor kurzem, dass man seinen E-Bass nur mit dem Daumen spielen kann. Ansonsten beginne ich zu ahnen, dass es Unterschiede zwischen Dur und Moll gibt. Kreuz-Elfen scheinen aus dem Bereich der Mystik zu stammen und bitonale Akkorde lassen mich eher an Algebra denken. In meiner Heimatstadt Hilden galt ich als Jazzer, was wahrscheinlich eher daran lag, dass wir mit unserer, zugegebenermaßen ziemlich ausgeklügelten, Funkband keine Sängerin finden konnten. Schnell wird mir meine Begrenztheit klar und dann gibt es auch noch SIE, die wirklich hippen Jungs, die „In-Crowd“. Sie reden über abgefahrene Lines (ich vermute zunächst, es könnte mit Drogen zu tun haben), über Stücke aus einem so genannten Real Book, über Coltrane, Miles, einen gewissen Wynton und darüber, dass sie es heute NUR auf sechs Stunden Übezeit gebracht haben. (Üben – was ist das denn für ein Konzept?) Der unbestrittene Herrscher dieser Jazzelite heißt Till, spielt Trompete und ist… 15. Abend für Abend schmeißt er sich als junger Trompetengott ins Sessiongetümmel und spielt feinste Noten in die Remscheider Nacht. Mit kraftvollem Ton spielt er, im besten Sinne selbstbewusst, als Auserwählter auch schon mit den Dozenten. Verunsichert, auch neidisch, aber vor allem inspiriert begrabe ich meine Popstar-Träume und habe ein neues Ziel: Ich will Musiker werden.

1993 studiere ich Jazz in Köln und versuche, die verschiedenen Dialekte der Musik zu verstehen und zu erfühlen. Da erscheint Till Brönners Debüt „Generations of Jazz“. Er spielt mit Gregoire Peters, Frank Chastenier (den meine schwäbischen Musikerkollegen immer wieder gerne „Kaschtebier“ nennen), Jeff Hamilton und dem legendären Ray Brown am Bass. Auf dieser Platte, genauer gesagt: direkt in den ersten zwei Minuten des ersten Stückes, kann man wunderbar nachempfinden, was es bedeutet, „über die Viertel zu swingen“. Meister Brown treibt bestimmt und elegant Pfähle in den Boden und Hamilton setzt darauf oder darunter ein wohl gewebtes Ride-Becken. Unvergleichliches Timing. Der Rest der Band kann da nicht anders als gut zu klingen. Und diese Ohren öffnende Erfahrung hat Till Brönner für mich möglich gemacht.

2002 stirbt Hilde Knef. Als gar nicht mehr heimlicher Chanson-Aficionado ist der Tod der geerdeten Diva auch für mich ein trauriger Moment. Das deutsche Fernsehen geht für die Trauerfeierlichkeiten auf ausgedehnte Sondersendung. Von Starcoiffeur Walz bis zu diversen transsexuellen Knef-Imitationen wird alles, was irgendwie „Berlin“ buchstabieren kann, vor die Kameras gezerrt. Wowi spricht. Und Till Brönner, mit der Knef als Produzent ihrer letzten Aufnahmen verbunden, spielt eine schlichtweg großartige Version von Lennons „Imagine“. Manchmal ist Kitsch einfach nur zu passend.

Fazit: Wie sollte ich bei drei solchen Momenten mit Till ernsthaft auf ihn sauer sein!?

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14 Kommentare zu „Das B-Thema“

  1. Komisch, das ist der zweite Blog in Folge über jemand, der TB heißt. Und ich hab immer noch nichts von ihm gehört nur über ihn. Bin gespannt, ob das Sponsoring hier so weitergeht. Irgendwann werde ich ihn dann hassen, ohne daß ich ihn musikalisch kenne. Weil Blogger und Journalisten dafür sorgen, daß er mich nervt.

    Es geht hier um Jazz, nicht um das herbeireden eines Stars. Wenn ich an einen deutscher Jazztrompeter denke, fallen mir erst mal Tobi Hoffmann und Magnus Schriefl ein. Und es gibt noch dutzende gute junge und alte Trompeter mehr!

  2. Hi Oliver,
    Im BLOGTHING geht es auch darum, in einen Dialog zu kommen, deshalb kurz als Antwort:
    1) Bei Martin Schüller’s letztem Blogthing ging es aus meiner Sicht nicht im wesentlichen um Brönner.
    2) Ich bin weit entfernt davon, Till Brönner zu promoten.
    (Blogthing-Autoren sind frei in der Wahl ihrer Themen)
    Wenn Du zwischen den Zeilen liest, kannst Du mein ambivalentes Verhältnis zu dem Thema nachempfinden.
    Dennoch gibt es halt die drei geschilderten Momente.
    3) Das es in Deutschland viele weitere hervorragende Trompeter gibt, war nicht Gegenstand meines Blogs.
    Ich nenne mal, neben den von Dir genannten, Rainer Winterschladen, Claus Stötter, Stephan Meinberg und Thomas Heberer. Allesamt übrigens Musiker, die mir stilistisch und geschmacklich näher stehen als Till.
    4) Till Brönner, was man auch immer von ihm halten mag, ist längst ein Star und es bedarf nicht des Blogthing, um ihn dazu zu machen.

    Soweit meine Anmerkungen zu Deinen Anmerkungen.
    Da ich mich am Thema Brönner direkt in meinem ersten Blog abgearbeitet habe, kann ich Dir aber versprechen, das meine nächsten Texte bis auf weiteres garantiert Brönner-frei sein werden.

  3. Liebe blog-thing-Blogger,

    nachdem drei der letzten vier Kolumnen auf blog thing einen gewissen Herrn Brönner erwähnten, sehe ich mich gezwungen, hiermit einen sechsmonatigen Brönner-Generalbann auszusprechen. Die Nennung dieses Herrn oder seiner Trompete wird für diese Zeit voll blogrechtlich untersagt. Zuwiderhandlungen werden mit unbefristetem Jazzentzug geahndet. Dieser Erlass ist nicht anfechtbar.

    Liebe Grüße vom Blogwart

  4. Keine Blogwarte! Dann lieber
    10 Blogs über Norah Jones in Folge. ;-)

    Hi André, so war das mit dem Promoten gar nicht gemeint. Meiner Meinung nach gibt es aber gerade im Jazz eine ungeheure Masse an wirklich guten Musikern, bei deren Konzerten dann nur 30 Leute kommen (davon 15 aus der Bekanntschaft/Verwandschaft) und diesen Umstand muß man nicht unbedingt noch fördern.

    JazzThing macht da mit seinem CD-Projekt IMHO genau das richtige. Wer kennt z.B. schon Subtone? Ab dem nächsten Heft hoffentlich mehr.

  5. Ich muss mich korrigieren: ALLE VIER der letzten vier Kolumnen erwähnten Herrn B. Der Brönnerbann in blog thing wird mit sofortiger Wirkung bis Jahresende verlängert. Basta. No Till till then.

  6. Hallo André,

    ein sehr schöner Text!

    Ich glaube, der Grund, warum über TB so viel diskutiert wird, ist schlicht und einfach Neid. Und davon scheinst du mir bemerkenswert frei zu sein – also mache ich einfach mal Reklame: André Nendza hat in mehreren verschiedenen Formationen absolut brilliante CDs gemacht. Besonders gut: „Lichtblau“ von André Nendzas A. Tonic. Bitte sofort kaufen!

    Und, lieber hjs, leider gilt immer noch: Ironie wird oft nicht verstanden.

    Schöne Grüße aus Hagen.

  7. Nur kurz :
    In der neuen Jazzthing wird dankenswerterweise mein neues Tun als Blogger angekündigt. Dabei ist der Redaktion ein unverzeihlicher Fehler unterlaufen, denn: Ich wohne seit 5 Jahren nicht mehr in Leverkusen, sondern im Dorf Eiserfey, Stadt Mechernich, Kreis Euskirchen, Eifel….
    Und wenn ich schon bei der Gegendarstellung bin:
    Die Band A.tonic heißt nicht A.tonic sondern A.tronic mit r…soviel Zeit muss sein…
    „Bitte sofort kaufen“ stimmt dann wieder.
    Die neue CD der Gruppe A.tronic wird allerdings weniger elektronische Anteile haben, so das A.tonic fasst schon wieder passt…
    Bestes aus Eiserfey
    André Nendza

  8. Okay, André,

    mea culpa.

    Habe ich doch glatt das r unterschlagen.

    Dann mache ich doch einfach noch mehr Reklame: Sehr schön ist auch die Duo-CD „Holzlinienspiel“ von André Nendza und Angelika Niescier. Die gut aussehende Saxofonistin mit ausgeprägtem Coltrane-Komplex hat übrigens auch zwei sehr schöne Quartett-Aufnahmen vorgelegt mit den genialen Titeln „Sublim“ und „Sublim 2″. 2004 wurde sie Zweite beim Wettbewerb um die „Miss Nippes“ (Kölner werden sich erinnern), bei den Vorausscheidungen zu „Germany’s Next Topmodel“ konnte sie sich leider wegen des Jugendwahns der Jury nicht platzieren.

    Mit beiden Musikern bin ich weder verwandt noch verschwägert. Sie können sich die CDs also guten Gewissens kaufen – just good music.

    All the best

    Rolf

  9. Lieber Rolf,
    da sind ja noch mehr gute Musiker/innen im Blog. Da du schon dabei bist, Reklame zu machen, könntest du da einfach weitermachen…!

  10. Lieber Richie,

    ich weiß nicht, ob das in Andrés Sinne ist, wenn ich für andere Musiker Reklame mache – es ist ja schließlich sein Blog und da ist längst noch nicht alles gesagt (der Mann ist ja so bescheiden).

    Herr Nendza spielt nämlich außerdem Bass bei Olaf Kübler. Zu hören auf den schönen CDs „When I‘m 64″ (Village/ZYX) und „Midnight Soul“ (ebenfalls auf Village).

    Und da es ja auch um Brönner geht, empfehle ich außerdem „BuJazzOs1″ vom Bundesjazzorchester unter der Leitung von Peter Herbolzheimer (Harmonia Mundi 1988). Ich glaube, das ist die erste Einspielung von Brönner (übrigens eine Art German Jazz All Stars mit Ingolf Burkhardt, Peter Weniger, Hubert Nuß, Ingmar Heller, Christopher Dell und Theo Bleckmann). Auf dem Coverfoto ist das sympathische Orchester übrigens zusammen mit einem gewissen Dr. Helmut Kohl abgebildet – hihi. Brönner spielt ein famoses Flügelhornsolo auf Miles Davis‘ „Milestones“.

    Meine Frau sagt, er sieht aus wie ein Schnösel (Brönner, nicht Kohl). Aber als sie ihn mit Mark Murphy im Hotel Adlon performen sah, fand sie ihn auch gut (sie steht sonst mehr auf Elton John). Das ist glaube ich das „Brönner-Problem“ in a nutshell.

  11. „Mea Culpa“ muss ich ja dann wohl auch sagen. Dein Umzug in die Eifel vor fünf Jahren, lieber André, fiel noch in meine Frankfurter Zeit. Und von Frankfurt aus betrachtet liegt die Eifel noch mehr an der Peripherie als von Köln aus gesehen. Aber ich habe es nun notiert.

    Martin Laurentius
    Redakteur Jazz thing

  12. WIE PERiPHERIE???!!!???
    Bei uns haben wir gerade „Walking Tage Eiserfey“, außerdem gab es schon zwei mal die „Mechernicher Kurzfilm Nacht“, für die im letzten Jahr extra eine Popcorn Maschine angeschafft wurde und dann spielen auf Burg Satzvey, wenn keine Ritterspiele sind, Bands, von denen kein Mensch wusste, das deren Protagonisten noch unter den Lebenden weilen. (Johny Winter, Mother’s finest, Amoon Düül und ähnliches mehr).
    Da kann man doch nicht meckern…..

  13. Als Antwort auf deinen Einwurf, lieber André, will ich meinen Freund und Kollegen Wolf Kampmann zitieren: „Ein Gesetz der künstlerischen Bewegung besagt, dass sich hinter Insidern meist Außenseiter verbergen. Und Außenseiter heißen Außenseiter, weil sie von der Außenseite kommen. Ideale Bedingungen für ein Land wie Norwegen, dessen Grenzen die Grenzen der bewohnbaren Welt sind.“ Und wenn ich nun das Klichee „Think global, act local“ bemühe, dann ist die (künstlerische) Avantgarde in Deutschland u.a. in der Eifel zu Hause, unberührt und unbeleckt von den Ablenkungen durch die Großstadt. Nein, ich wollte mit meiner letzten Antwort nicht meckern, sondern erklären.

    Es grüßt: Martin

  14. Hallo André,
    dieser Blog ist jetzt anderhalb Jahre alt und hat nichts von seiner Aktualität verloren. Ich darf den B-Namen also wieder nennen (das Jahr ist ‚rum), tue es aber mit Rücksicht auf empfindsame Gemüter nicht.

    Gestern habe ich eine einprägsame Erfahrung gemacht: Auf dem Weihnachtsmarkt in Moyland (nähe Bedburg-Hau am Niederrhein), der übrigens der Beste in ganz NRW ist, habe ich meinen obligatorischen Krapfen gekauft. Es war früh, wenig los und eigentlich noch zu hell. Der Krapfen schmeckte grandios, gut durchgebacken, hervorragende Konsistenz und ein unübertrefflicher Geschmack. Nach gut 1er Stunde sehr gemütlichen Schauens und Staunens kam der dritte Krapfen an meinen Gaumen, und oh Schmach und Schande. Er war flodderig, innen noch teils roh :-(
    Der Grund: Der Weihnachtsmarkt hatte sich in dieser einen Stunde sehr rasch gefüllt, die Krapfenbude konnte dem Ansturm kaum gerecht werden.
    Fazit: Wenige Zuhörer sind manchmal ein Garant für extrem gute Qualität. Die Masse erstickt oft, was im Verborgenen grandios ist.
    Viele Grüße und bis heute Abend auf der Geburtstagsparty
    Georg

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