ELBJAZZ 2018

Martin Schüller

Eine Erinnerung, die mich immer noch dann und wann nachts hochschrecken lässt, ist eine an meine längst vergangenen Jahre als Nachttaxifahrer. Da steigt ein stark alkoholisierter, stark unsympathischer Mensch ein, dessen erster Kommentar beim Anblick des (immerhin bereits vierzigjährigen) Fahrers ist: »Ach du Scheiße, ein Student!«

Was kann man da machen, außer höflich bleiben und ignorieren, dass man in der Lage wäre, dieses Würstchen am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen, und das nicht mal nur metaphorisch?

Nun, man kann warten, bis das Würstchen sich selbst ins Knie schießt.

»Wat hörsse denn für Mußick?«, fragt er also, und ich antworte ziemlich wahrheitswidrig: »Klassik. Wiener Klassik«, was ihn erst einmal zum Schweigen bringt. Nach einigem Nachdenken dann: »Und Jazz? Hörsse manchmal auch Jazz?« Darauf ich, diesmal ziemlich wahrheitsgemäß: »Manchmal.«

Und dann legt er mir den Elfmeter hin: »Wie finnze denn Keith Jarrett?«

Das Würstchen ist ein typischer Achtzigerjahre-»Köln Concert«-Käufer, der, ich wette, längst keinen Plattenspieler mehr hat, um es sich anzuhören. »Keith Jarrett«, sage ich also, »Keith Jarrett ist der überschätzteste Jazzer überhaupt.«

Selten habe ich einen Menschen so in die Luft gehen sehen. »Arroganter Drecksack« ist die einzig druckfähige Beschimp fung, die er mir an den Kopf warf. Erstaunlich, dass er mir beim Aussteigen keine Beule in die Tür getreten hat. Dabei hatte ich doch nur einen Downbeat-Kritiker zitiert.

Fragt man unter Jazzern zum Thema »überschätzt« herum, erhält man erstaunlich divergierende, teilweise sich diametral widersprechende Antworten, wenn man mal von einer zur Zeit pandemischen Abneigung gegen norwegische Sängerinnen absieht. (Ein Kommentar zu Rigmor Gustafsson: »AAARRGGGGHHHHH!« Generell sind verbreitete Aversionen gegen skandinavische Mucker nicht zu leugnen, bedingt vermutlich durch deren Inflationierung, worüber ich als Krimiautor allerdings nur müde lächeln kann.)

Ist Landgren also »richtig gut« oder eben doch nur eine »Nutte«? Ist Horace Silver »unique« oder kann er »leider nicht Klavier spielen«? Ist der späte Doldinger »überflüssig wie die Eier vom Papst«? Ist Uri Caine der »neue Keith Emerson«? Namen wie Cullum, Schoof, Di Meola, Brönner, Krall, sogar Archie Shepp werden genannt. Einigkeit zeigen die Befragten lediglich bei der Forderung nach Anonymisierung ihrer Antworten.

Vielleicht treten wir mal einen Schritt zurück und riskieren einen Blick von außen. Das »Duden-Oxford – Großwörterbuch Englisch-Deutsch« meint zum Thema:

jazz n. a) Jazz, der; attrib. Jazz;
b) (coll.: nonsense) Quatsch, der (ugs. abwertend); Gewäsch, das (ugs. abwertend);

Das erklärt doch manches, oder?

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3 Kommentare zu „Blick von außen“

  1. Hi.
    Ist schon merkwürdig wie Menschen drauf sind, wenn sie etwas Getrunken haben.
    Mann meint dann gerade, sie wären von den Neandertalern auferstanden.
    Kann man aber leider nicht ändern.

  2. Brönner-, Krall- und Norweger-Bashing schön und gut. Aber Jarrett und Shepp? Wieso nicht gleich Miles Davis? Was für Jazzer sollen das gewesen sein?

  3. Na, anonyme eben. Deshalb wahrscheinlich besonders ehrlich. Jarrett hat zum Jahrtausendwechsel beim Downbeat-Kritiker-Poll auch öffentlich ganz schlecht abgeschnitten.

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