Pit Huber

Der Winter weicht, bald lockt die Festival-Saison! Da erinnern wir uns gerne an das bewährte Dichterwort: „Frühling lässt den blauen Ton / wieder flattern durch die Lüfte.“ In den letzten Jahren haben sich Jazzfestivals bei uns bekanntlich rasant vermehrt, und zwar exakt mit dem Wachstumskoeffizienten A(t) = b*2a*s (Neumann’sche Konstante), also ziemlich flächendeckend. Wobei „s“ natürlich der Sponsorenfaktor ist, der aufgrund der leidigen Finanzkrise in diesem Jahr ein wenig trudeln könnte. Nicht jedermanns Liebe zum Jazz ist schließlich so krisenfest wie meine.
 
Aber Festivalmacher sind ja erfindungsreich. Fehlt das Geld, kommen die Ideen. In Norwegen zum Beispiel gibt es dieses Eisfestival im Kulturevent-Iglu. Die Instrumente sind aus Eis, die Musiker absolut kaltblütig, der Tontechniker klebt cool an seinen Reglern, das Publikum erstarrt vor Ergriffenheit, selbst die Schallwellen kristallisieren unterwegs. Das sind echt abgefahrene Hör-Erlebnisse, an die einen die Frostbeulen noch lange erinnern.
 
Viele Veranstalter denken über ähnliche Extrem-Festivals nach, scheitern aber meist an Sicherheitsvorschriften. Jazz auf dem Vulkan, Jazz am Matterhorngipfel, Jazz im Heißluftballon – die Pläne liegen vor und warten auf ihre Genehmigung. Selbst in Duisburg wurde aus „Jazz im Hochofen“ auf Druck der Behörden ein „Jazz am Hochofen“. Das submarine Esbjörn-Svensson-Gedächtnisfestival in Schweden scheiterte zudem an Pietätsbedenken.
 
Andere Festivals setzen einfach auf Quantität. Beim North Sea Gigantic Jazz Festival in Rotterdam haben die findigen Macher den Puls des Jazz fest im Würgegriff und pressen dabei ständig neue jazzverwandte Genres heraus – also muss man einfach jährlich vergrößern. Im letzten Jahr kamen als Genres hinzu: Modern Creative, Avantgarde Hot Club, Electronic World Fusion und Experimental Folk. Es ist abzusehen, dass denen bald die Flussnamen für ihre Venues ausgehen. Nach Yukon und Jenissej gibt’s höchstens noch Marskanäle.
 
Auch in Salzau setzt man dieses Jahr auf Quantität: Big Band, Big Crowd, Big Baltica. Die Norddeutschen sind kühle Rechner und haben genau kalkuliert: 6 Bigbands, das sind 90 Musiker, also bei flexiblen Holzbläsern und Keyboardern rund 140 Instrumente, das macht beinahe 30.000 Tasten, Knöpfe, Klappen – Weltrekord! Ja, das soll den Salzauern mal einer nachmachen! Wahnsinn, Wahnsinn!
 
Über solche Ambitionen erhaben ist weiterhin – Moers. Schon früher konnten selbst die tiefsten Schlammpfützen auf der niederrheinischen Wiese das pünktliche Eintreffen des Freejazz-Pfingstwunders nicht verhindern. Und seitdem das Michalke-Team am Werk ist, kann überhaupt gar nichts mehr schiefgehen. Der Grund: In Moers wurde ein Glücksfeld entdeckt, wie es in dieser Stärke sonst nur in Korinth und auf dem Jupitermond Ganymed vorkommt.
 
20 Fluchtstäbe markieren auf dem Moerser Glücksfeld die Punkte stärkster Strömung. Unter ihren Schirmen machen die im Auftrag des Michalke-Teams installierten Klangkörper die Glückskräfte hör- und spürbar. Die Wirkung lässt sich noch verstärken, wenn die Besucher barfuß gehen und im Glücksfeld einen quer durchgeschnittenen Apfel verzehren. Die Suche nach dem Jazzglück führt also weiterhin geradewegs nach Moers. Wer es deutlich spüren will, sollte sich aber wirklich die Schuhe ausziehen. So wie früher beim Durchqueren der Schlammpfützen.
 
Pit Huber

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2 Kommentare zu „Alles über Festivals“

  1. Na, Pit, da biste aber ein bisschen spät. Das Glücksfeld hat sich meines Wissens in Moers längst wieder verflüchtigt, wahrscheinlich auf einen anderen, erdähnlichen Planeten in einer fernen Galaxie. Letztes Jahr war dieses Feld aber keine Freude, glücklich wurde man dort nicht, gleichgültig, wie man seinen Apfel durchgeschnitten hat: Auf einer kleinen Insel im mit brackig-stinkendem Wasser gefüllten Stadtgraben erzählte ein babylonisches Stimmgewirr davon, dass man eigentlich krank sei und psychatrische Hilfe in Anspruch nehmen müsse. Bevor ich lachen musste, bis der Arzt kommt, habe ich mich dann doch davon gemacht. Um festzustellen, dass dieses Glücksfeld gar nicht so weit entfernt war vom hirnlosen Trubel etwa der Jesus-Freaks und Punks in der „Zeltstadt“ rund um das Moers-Festival-Zirkuszelt…

  2. Hallo Laurie,
    da du dich mit Glücksfeldern auskennst, weißt du sicherlich, dass sich selbige nie zur Gänze verflüchtigen, da Glücksenergiezellen achloratrophisch sind. Das angeblich „aufgelöste“ Glücksfeld in Stumm im Zillertal (die Tiroler Zeitung berichtete ausführlich) ist für Anwohner wie Touristen noch immer spürbar. Trotz 90 cm Schneehöhe im Tal steigt die Glücksenergie dort weiterhin wie in einem Kamin nach oben und lässt die Sterne zur Zeit besonders hell funkeln. In Moers kann es nicht anders sein. Auch dieses Jahr wieder profitiert das Festival vom glücklichen Einfluss, wetten?

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