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Uwe Wiedenstried

Hab‘ kein Haus. Bau‘ mir auch keines mehr. Wär‘ eh‘ zu spät. Längst liegt Schatten auf den Sonnenuhren. Das neunte Blatt meines Monatskalenders modert in der Altpapiertonne. Ich trete ans Fenster meiner Etagenwohnung, blicke hinunter auf die Straße und sage mir: „Herr W., es ist Herbst.“

„Through the trees comes autumn with her serenade, melodies the sweetest music ever played.“ – Ich hätte eine andere Platte auflegen sollen, nicht „Autumn Serenade“. McCoy Tyner, Elvin Jones und Jimmy Garrison begleiten Johnny Hartmans Schmeichel-Bariton nicht bloß, sie malen mit Lauten, lassen den Oktober ins Land stapfen und heften silberne Sterne an den Herbsthimmel: „Silver stars were clinging to an autumn sky, love was ours until October wandered by.“ Die Musik ist hinreißend, aber der Text! Der Text ist wie der fast aller Jazz-Standards zum Thema Herbst: ein Seifenbad in der wohligen Melancholie über verlorene Liebe und verpasste Chancen, Weltschmerz, Wehmut, Oktobergold. Mit anderen Worten: Wer nach einer Steigerung von Schmalz und Schnulze sucht, findet sie hier: im Herbstlied.

Johnny Mercers Lyrics zu „Autumn Leaves“ lesen sich, ins Deutsche übersetzt, wie einem Roland Kaiser oder Howard Carpendale auf die schmale Sangesbrust geschneidert: Sommerküsse, von der Sonne verbrannte Hände, Herbstblätter von Rot und Gold, die große Liebe, die dann doch pünktlich zum Herbstanfang entschwindet, und bald ertönt nur noch das Lied des alten Winters. Dessen garstige Melodei wird allerdings übertönt von einem Schrei, vom Schrei nach Persiflage nämlich, und der Sänger aller Sänger ist diesem Ruf gefolgt: Mel Tormé. Tormé bringt „Autumn Leaves“ in seiner ursprünglichen Form in Französisch als „Les Feuilles Mortes“ – ein Chanson, zu dem der Dichter Jacques Prévert den Text schrieb. Tormé singt „Autumn Leaves“ so, wie Maurice Chévalier diesen Song gebracht hätte: keinen, nicht einen einzigen Ton treffend, nach jedem zweiten Wort mit einem „Ho-Ho“ unterbrechend, kein „Ho-Ho“ wie in „Ho Chi Minh“, nein, es ist das Geblöke eines liebestollen, unter Polypen leidenden Seeelefanten, „Ho“ wie in Hocker. Dann bittet er das Publikum in groteskem Englisch um Geduld: Wätt, wätt, wätt, Lahdies ahnd Jänntelmann. Marty Paich, giff tuh mih Äff-minörrr-sicks wannz agänn, ahnd awäh wie goh.“

Für all jene, die mit dem Namen Maurice Chévalier nichts anfangen können: Woody Allen belehrt in einem seiner Filme seine Partnerin, dass das Schlimmste, was die harten Burschen von der Résistance zu ertragen hatten, nicht die Folter der Gestapo war, sondern dies: jeden Tag im Radio Maurice Chévalier hören zu müssen. Nach dem Krieg exportierte die Grande Nation Chévalier in die USA, wo er es in Hollywood als Tatterlüstling zum Weltstar brachte: „Ssäng Ewwen forrr se littäll görrrls!“

Es schüttet aus einem Himmel wie Blei. Salven von Wassertropfen trommeln gegen meine Scheibe. Eine Radfahrerin in pinkfarbenem Cape kämpft sich gegen den Wind den Radweg hinauf. Auf der anderen Seite presst der Sturm einen Passanten vor sich her die Straße hinunter. Den Schirm in dessen Nacken wölbt er von konvex auf konkav. Mit dem Laub spielt er wie die Katze mit der Maus: Er fegt es von einer Tatze zur anderen, wirbelt es umher, bläst es in die Luft, drückt es zu Boden, lässt es für einen Augenblick liegen, doch nie aus seinen Klauen. In der Gosse steht das Wasser hoch bis an die Kante des Bürgersteigs; der Gully, verstopft von einem Papp aus Blättern, kann es nicht mehr schlucken. Die Ampel schaltet von Rot auf Grün, Autos fahren an. Poff, Poff, Poff. – Die Stachelfrüchte der Ahorn-Platanen zerbersten unter ihren Reifen.In den Zweigen der Platane vor mir, direkt auf Augenhöhe, nistet eine Taube. Aufgeplustert, Kopf und Schnabel ins Gefieder drückend, einem grauen Handball gleichend. Der Baum ist kahl; er schützt nicht mehr. Es ist kalt. Es ist nass. Es ist Herbst. Die Natur, gestern, im Sommer, noch Freund, ab heut‘ ist sie Feind.

Keine dieser „Autumn Serenades“ beschreibt den Herbst so, wie er ist, so grau, so trübe, wie er sich vor meinem Fenster darbietet – erst recht dann nicht, wenn es nicht um den Herbst des Jahres, sondern den des Lebens geht.

„Autumn In New York“ – „That brings the promise of new love. … Dreamers with empty hands, they sigh for exotic lands.“ Die kleine Frau B. von gegenüber ist Realistin. Sie träumt nicht von exotischen Paradiesen. Sie weiß, ihr Herbst verspricht keine neue Liebe, kein neues Glück. Ihrem Herbst folgen Winter, Eis, Ende. Einen zweiten Frühling gibt es nicht, nicht für sie. Bis zum Sommer saß sie noch an der Kasse des Supermarktes gleich schräg gegenüber hinter dem Fitness-Center, zog tagein tagaus Konservenbüchsen, Sellerieknollen, Milchtüten und Margarinebecher über den Scanner. Die Erfüllung war das nicht, wovon ihr stets rotes Gesicht zeugte, aber immerhin, mehr als nichts. Vor kurzem musste sie in Rente; kein Kerl, keine Kinder, keine Enkel. Selten sehe ich sie noch aus dem Haus kommen. Wenn sie zurückkehrt, dann niemals mit leeren Händen. Die „Getränke-Oase“ liegt um die Ecke. In der Plastiktüte klonkern die Pullen aneinander, während sie die Haustür aufschließt. Strothmann rettet nicht durch die Nacht, darüber braucht die schnapserfahrene Frau niemand zu belehren, doch in der Finsternis bringt jedes Aufblitzen, selbst das eines Irrlichtes, einen Moment des Trostes.

„September In The Rain“ erinnert zumindest daran, dass es im Herbst auch mal regnet und in „Early Autumn“ ist sogar von frostigen Fensterscheiben und kühlen Brisen die Rede, doch im nächsten Frühjahr lacht stets wieder die Sonne, wird alles wieder gut. – Heile, heile, Gänsje.

Kurt Weills „September Song“, zu dem Maxwell Anderson den Text schrieb, scheint mir als einziger nicht nach diesem Strickmuster zu sein. Wie wahr, wie bitter klingen mir dessen Worte in den Ohren: „One hasn’t got time for the waiting game.“
Die Studentin, die Anfang des Monats in die Wohnung über mir eingezogen ist, sie sagt „Sie“ zu mir, wenn wir uns im Treppenhaus begegnen. Die dralle Verkäuferin, die mir jeden Morgen in der Bäckerei die Tüte mit den Mohnbrötchen über den Tresen langt – ist es wirklich erst einen kurzen Sommer her, dass sie mir, sich mehr als nötig vorbeugend, einen Blick gewährte, wirklich erst einen kurzen Sommer, dass sie mich dabei fragte „Noch Wünsche, junger Mann?“ und ich zur Antwort druckste: „Zwei Sahne-Baisers, bitte“? – die dralle Verkäuferin trägt mittlerweile Rolli und fragt mich jetzt: „Darf es noch etwas sein, der Herr?“

Tempus fugit. Das Unglück, es schreitet schnell. Die Zeit, sie rast. Das Haupthaar, es schwindet. Die Wampe, sie schwillt. Die Dioptrienzahl, sie steigt. Herr W., es ist Zeit, sich mit Tatsachen abzufinden: The party’s over, die Jugend dahin. Ja, ja, es stimmt: „The days dwindle down to a precious few.“ Die Tage, sie schrumpfen dahin auf einige kostbare Dutzend. Die Sonne, sie versinkt hinter den Dächern. Bald bin ich mit meiner Sehnsucht allein. „The things we did last summer“, die Erinnerung daran, sie verblasst. – November, Dezember, der Countdown, er läuft.

Ich wäre allein, würde es lange bleiben, gäbe es nicht jenes Wesen, das von hinten seine Arme um mich legt und mir ins Ohr haucht: „Komm in die Mupfel, Tiger. Es ist Bettwetter.“ Ich drehe mich um und sehe in ihrem Blick das, was Jean-Claude Pascal, eine Knallcharge vom Format Maurice Chévaliers, gesehen haben muss, als er einst diese Worte sang: „Da warrr ein Auch von Ärrbst in irränn Augänn.“

Uwe Wiedenstried

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2 Kommentare zu „Ärrbst“

  1. ein Lichtblick diesr blog entry. Ganz vorzuglich formuliert! Vielen Dank

  2. Addö mierö sähr göffallönn, diesös übbschö Schdüggschönn!
    Übrigens: Wer einmal ein richtig herbstlich-trauriges „Autumn in New York“ hören will, der kaufe sich schnell die Instrumentalversion von Chet Baker, Mitte der 50er (auf dem vorzüglichen Chet Baker plays Standards). Todtraurig und wunderschön.

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