61. Kunstbiennale Venedig

09.05. bis 22.11. Venedig, verschiedene Orte

In Minor Keys, den leisen, dunklen Tönen, als Biennale in Moll, hatte die kamerunisch-schweizerische Kuratorin Koyo Kouoh die diesjährige Kunstbiennale in Venedig konzipiert, nach Okwui Enwezor als erste Frau aus Afrika.

Als sie während der Vorbereitung überraschend an Krebs starb, wurde ihre Vision einer leisen, anderen Kunsterzählung von ihrem kuratorischen Team umgesetzt. Sie ist nun eine Hommage und ein Requiem auf die visionäre Ausstellungsmacherin, die 2008 in Dakar die „RAW Material Company“ zur Förderung afrikanischer Kunst gründete und als Direktorin des Zeitz MOCAA Museums in Kapstadt die 2023 die wichtige Ausstellung „When We See US: A Century of Black Figuration in Painting“ zusammenstellte. In dieser bettete sie Schwarze afrikanische und afro-diasporische Porträtkunst der letzten 100 Jahre zeitgleich in die politische, literarische und musikalische Geschichte ein: Jazz kam aus Lautsprechern, ghanaischer Highlife und nigerianischer Afrobeat.

Tiona Nekkia McClodden 'The Glamourer' (Foto: Marco Zorzanello)Tiona Nekkia McClodden ‚The Glamourer‘ (Foto: Marco Zorzanello)

Auch in Venedig ist Musik überall präsent als Teil einer Kunst, die über das Visuelle hinausgeht, die Rituale einbezieht und Archive der Erinnerung. Ein Beispiel dafür ist die Videoarbeit „Ruinous“ der in Philadelphia lebenden Künstlerin Tiona Nekkia McClodden, die in ihren Arbeiten Schwarze Erinnerung und Sehnsucht sensibel mit queeren Erzählungen verknüpft – als Reparatur von Schmerz durch Zärtlichkeit in schwarz-weißen Filmbildern, die an einen Film noir erinnern, mit Musik der Pianistin Courtney Bryan, mit der sie bereits für andere Projekte zusammenarbeitete.

Big Chief Demond Melancon 'Jah Defender' (Foto: Andrea Avezzu)Big Chief Demond Melancon ‚Jah Defender‘ (Foto: Andrea Avezzu)

Mardi Gras und Black Masking als spirituelle Praxis verkörpern die mit Federn, Samt und Tausenden von Glasperlen in monatelanger Handarbeit bestickten, kunstvollen Anzüge von Demond Melancon, der als Big Chief in New Orleans seinen Stamm der Young Seminole Hunters aus dem Ninth Ward anführt. Mit rituellen Perlenmasken und Porträts afrikanischer Revolutionsführer wird kulturelles Erbe zu transformativer Kraft.

Michael Armitage 'Cave' (Foto: White Cube / Theo Christelis)Michael Armitage ‚Cave‘ (Foto: White Cube / Theo Christelis)

Immer wieder hat Koyo Kouoh sich auf Jazz bezogen, wie in ihrer Einleitung für den Ausstellungskatalog. Für sie ist Jazz eine Musik, die Gegensätze zusammenführt, die „Kohäsion und Dissonanz wie bei einem Free Jazz Ensemble“ erzeugt und die eine heilende Wirkung entfaltet – als „Lieder derer, die trotz Tragödien Schönheit erschaffen, … die Harmonien derer, die Wunden und Welten heilen.“ Moll symbolisiert Melancholie, Trauer, den Blues, aber auch Hoffnung. Parallel auf der Biennale und im Palazzo Grassi zeigt der kenianisch-britische Künstler Michael Armitage Bilder, auf denen mit Codes westlich-europäischer Kunstgeschichte die Grausamkeit kolonialer Vertreibung in eine Schwarze Erzählung übersetzt wird. Auch bei Armitage gibt es immer wieder Bezüge zum Jazz als Musik von Widerstand und Trauer, wie in seiner Arbeit „Strange Fruit“, die sich auf Billie Holidays Lied über gelynchte Körper bezieht, die wie Früchte an Ästen hängen.

Lorna Simpson 'Head on ice' (Foto: James Wang)Lorna Simpson ‚Head on ice‘ (Foto: James Wang)

In Lorna Simpsons „The Third Person“ werden die Räume der Punta Dogana ergänzend zur Biennale zu einer Erzählung von Erinnerung und Erneuerung. Neben ihrem „Black Monument“, einem Turm aus Ebony-Zeitschriften, summt in einer Videoarbeit Terry Adkins ein Gospelfragment; vor hoch aufragenden Leinwänden in schimmerndem Blau ruhen Klangschalen der Heilung. Jazzpianist Jason Moran plant derzeit mit Lorna Simpsons Leinwänden, Skulpturen und Klangschalen sein nächstes Projekt. Im vatikanischen Pavillon „The Ear is the Eye of the Soul“ ist im Refugium der Karamelitermönche der Kirche Santa Maria di Nazareth mit Stimmen, Kompositionen und Installationen von unter anderem Moor Mother, Precious Okoyomon, Patti Smith und Meredith Monk ein sanft schwebender Klanggarten entstanden – ein Tribut an die Nonne, Mystikerin, Musikerin und Heilerin Hildegard von Bingen, murmelnd, perlend, flirrend, zwischen den Ästen und Blüten.

Molltonarten, schreibt Kouoh, erwachen in den leisen Tönen, den tieferen Frequenzen, dem Summen, dem Trost und der Poesie zum Leben – allesamt Tore der Improvisation ins Anderswo, mit Klang als heilender Kraft und Schwingungen als Fürsorge.

Text
Maxi Broecking
Foto
Marco Zorzanello, Andrea Avezzu, White Cube (Theo Christelis), James Wang

Veröffentlicht am unter Live, Scene & Heard

Applaus 2026