Gestorben: René Urtreger

René UtregerRené UtregerAm 16. Juli ist in Le Perche in der Normandie, zehn Tage nach seinem 92. Geburtstag, René Urtreger, neben Martial Solal und Bernard Pfeiffer, einer der herausragenden Pianisten des französischen Nachkriegsjazz gestorben. Aufgewachsen als jüdisches Kind im besetzten Frankreich, musste Urtreger mit ansehen, wie seine Mutter nach Auschwitz deportiert wurde, von wo sie nicht zurückkehrte. Seine Hinwendung zum Bebop beschrieb er selbst als Konsequenz dieser Erfahrung. „Die Atmosphäre des Schmerzes und der Tränen, die meine Jugend begleitete, rief in mir eine heftige Ablehnung jeglichen Selbstmitleids hervor“, sagte er 2014 gegenüber dem französischen Jazz Magazine. „Eine Folge davon sehe ich in meiner sofortigen Liebe zum Bebop, der, wie ich fand, der Sentimentalität eine Absage machte.“

In den Clubs des linken Seine-Ufers von Paris wurde Urtreger zum gefragten Bebop-Pianisten und nahm 1955 mit der eigenen Gruppe das Album „Joue Bud Powell“ (Barclay) auf. Nicht zuletzt dank seiner Bekanntschaft mit dem Schlagzeuger Kenny Clarke begleitete er zahlreiche US-Musiker, die Paris besuchten, darunter Stan Getz, Sonny Stitt, Lester Young, Chet Baker und Dexter Gordon. Sein Moment für die Ewigkeit kam, als er 1957 mit Miles Davis ein (auch als Live-Album veröffentlichtes) Konzert im Pariser Olympia spielte und vier Tage später auch an den Aufnahmen an Davis‘ Soundtrack für Louis Malles Film „Fahrstuhl zum Schafott“ (Fontana) teilnahm. Der Trompeter kam ohne Noten ins Studio und entwickelte die Musik mit den Musikern an Ort und Stelle.

An einen solchen Höhepunkt konnte Urtreger nicht wieder anknüpfen, und die Wege der Avantgarde betrachtete er mit Misstrauen: „Ich bleibe den von Duke Ellington aufgestellten Grundsätzen treu: ‚It don’t mean a thing if it ain’t got that swing.‘ Ich liebe, und werde diese Herangehensweise an den Jazz immer lieben, und ich bedauere, dass diese Musik oft eine andere Richtung einschlägt.“ Er diente stattdessen in Bands von Popstars wie Serge Gainsbourg und Claude Franҫois. Erst 1985 nahm er sein erstes Solo-Album auf, auf dem er seinen Vorbildern Bud Powell und Thelonious Monk Referenz erwies. Der Albumtitel verriet, was Urtreger immer sein wollte: ein „Jazzman“ (Carlyne Music). Seine Landleute waren überschwänglicher. Sie nannten ihn „Le roi René“.

Text
Eric Mandel
Foto
Idk1260/CC BY 4.0

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