Gestorben: Clive Davis

Clive DavisClive DavisIn New York verstarb am 22. Juni der Label-Boss und Produzent Clive Davis. Als Chef der Plattenfirma Columbia/CBS und später seiner eigenen Labels Arista und J Records prägte er die Popmusik von 1967, als er Janis Joplin und Big Brother And The Holding Company für CBS anwarb, bis zum heutigen Tag. Seine alljährlich zur Grammy-Verleihung stattfindende Privat-Gala galt bis zuletzt als Zentrum der Coolness: Wer hier eingeladen war, hatte es wirklich geschafft. Davis, geboren 1932, kam aus einfachen Verhältnissen und wuchs als Kind jüdischer Eltern im Brooklyner Stadtteil Crown Heights auf. Da aus Sicht seiner Eltern nur eine Arzt- oder Anwaltskarriere in Frage kamen, entschied er sich fürs Jurastudium und bewarb sich erfolgreich für ein Stipendium an der New York University. Doch in seinem zweiten College-Jahr starben im Abstand von elf Monaten beide Elternteile – ein traumatischer erster Bruch in seinem Leben, der ihn nach eigenen Aussagen lehrte, dass einem auf einen Schlag alles genommen werden kann. Dies sollte sich für ihn noch mehrmals bewahrheiten.

Davis machte seinen Abschluss in Harvard und kam als zweiter Mann der Rechtsabteilung zu CBS, um dort zügig zum Leiter von Columbia aufzusteigen, obwohl er von Musik, wie er zugab, keinen Schimmer hatte. Nach einem Initiationserlebnis beim Monterey Pop Festival öffnete er das bisher gemütlich im Mainstream schwimmende Label für die Rockmusik und nahm unter anderem The Electric Flag, Billy Joel, Laura Nyro, Santana, Bruce Springsteen, Earth, Wind & Fire und Aerosmith unter Vertrag. Als der verdiente Columbia-Künstler Miles Davis sich bei ihm über all die neuen, weißen Bands beklagte, riet er diesem, sich selbst der Haight-Ashbury-Kultur zuzuwenden und in Clubs wie Fillmore East und West aufzutreten. Das Resultat war „Bitches Brew“.

Davis’ außerordentlicher Erfolg fiel ihm auf die Füße, als er 1983 von CBS geschasst wurde. Er musste als Sündenbock für die „Payola“- und „Drugola“-Skandale herhalten, wurde aber später, von einer falschen Spesenabrechnung abgesehen, von allen Vorwürfen freigesprochen. Davis erholte sich schnell von diesem Rückschlag und gründete mit Arista sein eigenes Label, mit dem er aus dem Stand seinen Status als Hit-Fabrikant zurückeroberte. Zu den Künstler:innen, die er zum Erfolg führte, gehören Barry Manilow, Patti Smith, Carly Simon und die Bay City Rollers, zudem ermöglichte er Dionne Warwick, Aretha Franklin und The Grateful Dead ihren zweiten Karrierefrühling. Neben seinem Instinkt für Talent und Massen-Appeal, erwies sich als seine Stärke, dass er das „R“ in „A&R“ ernst nahm: Davis konnte nicht lockerlassen, wenn es darum ging, seine Artists mit dem bestmöglichen Repertoire zu versorgen. „Mandy“ musste er Manilow geradezu aufdrängen. Für das erste Album von Whitney Houston suchten er und sein Team zwei Jahre lang Produzenten und Material, sodass sie „The Greatest Love of All“ und später Dolly Partons „I Will Always Love You“ zu ihren eigenen Signature Songs machte. Houston war vielleicht sein größter Stolz und wurde später zu seinem schmerzhaftesten Verlust seit dem Tod seiner Eltern.

Die auf seinen 2013 erschienen Memoiren basierende Filmbiografie „Clive Davis – The Soundtrack of Our Lives“ widmet sich zu einem großen Teil dem Aufstieg und Verglühen der Sängerin aus Davis’ Perspektive. Daneben erinnert sich der fast 90-jährige in dem Film auch schmunzelnd an legendäre Fehlentscheidungen, von denen Milli Vanilli nur die offensichtlichste ist. Manchen mag noch Kenny G einfallen. Rückblickend weit problematischer erweist sich sein Engagement für Sean „Puffy“ Combs und dessen Bad-Boy-Label. Als besser erwies sich sein Instinkt, als er mit seinen früheren Hausproduzenten L.A. Reid und Babyface LaFace Records gründete, das Startrampe war für die Karrieren von TLC, Usher, Outkast, Pink und Toni Braxton.

Sein Label Arista sollte Davis zunächst verlieren, um es dann 2004 mit dem Merger von Sony und Bertelsmann zurückzugewinnen. Zu einem seiner späten Erfolge gehört, dass er Carlos Santana ein zweites Mal unter Vertrag nahm, was zu einer Reihe von Grammys für dessen Album „Supernatural“ führte. Zum Triumph wurde auch der von ihm orchestrierte Karrierestart von Alicia Keys. In seiner Autobiografie „The Soundtrack of My Life“ outete sich Davis im Alter von 80 Jahren als bisexuell, was viele seiner künstlerischen Entscheidungen noch einmal in einem neuen Licht erschienen ließ. Wie nebenbei hat Davis der queeren Community zahlreiche Hymnen und Ikonen geschenkt. Einig sind sich die meisten, dass er sich als einer der wenigen CEOs als echter Förderer seiner Künstler:innen erwies und dafür von ihnen respektiert wurde. In „Clive Davis – The Soundtrack of Our Lives“ sagt Bob Weir von The Grateful Dead über ihn: „Er war der eine Anzugträger, dem wir nicht misstrauten.“ Der Titel des Films ist unbescheiden, aber nicht übertrieben: Es gibt wohl kaum Erwachsene in der westlichen Hemisphäre, die nicht irgendwann von einem Song berührt wurden, der vorher durch die Qualitätskontrolle von Clive Davis gegangen war.

Text
Eric Mandel
Foto
Public Domain

Veröffentlicht am unter News

Bezau Beatz 2026