RIP: James „Blood“ Ulmer

James Blood UlmerJames „Blood“ UlmerIn New York ist am 3. Juni der Gitarrist James „Blood“ Ulmer gestorben. Mit seinem unverwechselbaren, schroffen Stil bildete er den Missing Link zwischen freiem Jazz und Blues. Ulmer war der erste elektrische Gitarrist in der Band von Ornette Coleman und einer der exponiertesten Adepten von dessen Spielsystem Harmolodics. Obwohl sein abstrakter, fraktaler Stil mit der wieselflinken Gitarrenmagie von Jimi Hendrix kaum etwas zu tun hatte, wurde er offen als dessen Nachfolger gehandelt, was zum Teil am ähnlichen Stimmtimbre lag. Die andere Parallele war die Verschränkung von Innovation und Tradition in seinem verzerrten Gitarrenspiel, das selbst in freitonalen Exkursionen im Blues wurzelte.

Willie James „Blood“ Ulmer gab 1940 als sein Geburtsjahr an, wurde aber womöglich erst im Februar 1942 in St. Matthews, South Carolina geboren. Er war das älteste von acht Kindern, sein Vater James David Ulmer war baptistischer Prediger und schenkte Willie James seine erste Gitarre. Seine Lehrjahre verbrachte Ulmer als Sideman von R&B- und Soul-Jazz-Künstlern in Pittsburgh, Columbus und Detroit, bevor er 1971 nach New York zog. Hier spielte er unter anderem mit Art Blakey, Rashied Ali und vor allem den Saxofonisten Ornette Coleman und Arthur Blythe. Die Mitwirkung an dessen Alben für Columbia verschaffte Ulmer selbst einen Vertrag mit dem Major-Label, wo er von 1981 bis 1983 drei LPs veröffentlichte, die seinen Namen weit über New York hinaus etablierten. Free Funk war damals ein Buzzword, und Ulmers vorwärtsdrängende Arrangements aus seelenvollem Call & Response und halluzinatorischen Akkordschraffuren passten dazu wie die Faust aufs Auge. Hardcore-Fans bevorzugen das bereits 1980 auf Rough Trade veröffentlichte, ruppigere Mini-Album „Are You Glad To Be In America?“. Seinem Durchbruch als Solokünstler folgte eine Phase emsiger Tour- und Studio-Arbeit, wobei sich letztere vor allem in zahlreichen Veröffentlichungen auf dem japanischen Label DIW niederschlug. Live war er mit Colemans Prime Time, der eigenen Band Odyssey und dem Music Revelation Ensemble (mit David Murray, Pharoah Sanders und John Zorn) unterwegs.

Konstant passte Ulmer seinen Stil allen erdenklichen Konstellationen an, ohne sich jemals selbst anzupassen. Die Saiten schlug er ausschließlich mit dem Daumen an, seit seiner Zeit mit Coleman stimmte er zudem alle sechs auf den gleichen Ton, was ihm erlaubte, zwischen ein- und mehrstimmigen Single-Lines zu changieren und dabei im Dauerkontakt mit dem archaischen Blues zu bleiben. Auf dem Album „Music Speaks Louder Than Words“ interpretierte er 1996 die Kompositionen seines Mentors Coleman. Als zweiter Frühling seiner Studio-Karriere gelten die vornehmlich dem Blues verpflichteten Alben „Memphis Blood: The Sun Session“ 2001 und „No Escape From The Blues: The Electric Lady Sessions“ 2003, die beide von Vernon Reid produziert wurden, sowie „Blue Blood“ 2001 mit Keyboarder Bernie Worrell, Pianistin Amina Claudine Myers und Bill Laswell als Bassist und Produzent. The Roots holten ihn 2002 für die experimentelle „Water“-Suite vom Album „Phrenology“. Auch als es hernach stiller um ihn wurde, blieb Ulmer produktiv. Für eine Ehrenrunde mit dem skandinavischen Garagenjazz-Trio The Thing kehrte er 2015 noch einmal zu seinem zersplitterten, harmolodischen Spiel zurück, was auf dem Album „Baby Talk“ 2017 dokumentiert wurde. Seinen letzten öffentlichen Auftritt absolvierte er 2024 auf dem Detroit Jazz Festival. Ulmers Tod bestätigte seine Familie in einem Social-Media-Statement mit den Worten: „Seine Musik war furchtlos, ebenso wie sein Geist.“

Text
Eric Mandel
Foto
Arne Reimer

Veröffentlicht am unter News

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