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Uwe Wiedenstried

Es gibt keine Wahrheit. Alles, was wir über die Wirklichkeit zu wissen meinen, bleibt Annahme, ist Interpretation. Jede Erkenntnis, jedes Naturgesetz kann bestenfalls dies für sich beanspruchen: nicht falsch zu sein. Aber nicht falsch ist eben noch lange nicht wahr. So bleibt uns nur eine Gewissheit, und die stammt von Karl Marx: „De omnibus dubitandum.“ – An allem ist zu zweifeln.

Der Neandertaler – ist er wirklich im „Kampf ums Dasein“ seinem Vetter, dem Homo sapiens, unterlegen und vor 30.000 Jahren für immer von der Weltbühne verschwunden? So steht’s zwar in jedem Lexikon, doch es gibt Zweifler. Svante Pääbo, Direktor des Max-Planck-Institutes für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, hat die Mitochondrien moderner Menschen unters Elektronenmikroskop genommen und dabei Verblüffendes entdeckt: In den „Kraftwerken“ unserer Zellen finden sich Spuren der DNA des Neandertalers!

Irgendwann in unserer Stammesgeschichte muss also ein Homosapienser dem Wimperngeklimper einer Neandertalerin erlegen und ihr aufs Bärenfell gefolgt sein. Vielleicht war’s auch anders ‚rum, und eine Homosapienserin ließ Intellekt Intellekt sein, als eines der undressierten, vor Testosteron strotzenden Mannsbilder sie an die beharrte Brust quetschte. – Wie auch immer: Die Nachkommen dieser Traumpaarungen erwiesen sich nicht nur als zeugungswillig, sondern auch als zeugungsfähig. Resultat: In bis zu vier Prozent aller Menschen in Europa und Asien steckt noch heute das Erbgut des Neandertalers. Mit anderen Worten: Das Blöde, es ist mitten unter uns.

Alles in allem war daran noch nie zu zweifeln. Dass Professor Pääbo den Höchstwert jedoch lediglich bei vier Prozent ansiedelt, ist vermutlich dem Umstand geschuldet, dass er seine Forschungen weit vor dem 11. Juni abgeschlossen hat.

Wie alle vier Jahre im Sommer habe ich mich auch in diesem in eine „splendid isolation“ zurückgezogen. Ich werde bis einschließlich 11. Juli keinen Fuß über die Schwelle meiner Wohnungstür setzen, es sei denn, der Proviant an alkoholhaltigen Getränken erweist sich wie üblich als zu gering kalkuliert. Die anderen Grundnahrungsmittel dürften reichen. Ich bin nicht zu Hause und mache auf toter Mann: Vorhänge zu, und keinen Mucks.

Die Zeitung habe ich abbestellt. Da ich die Rundschau abonniert habe, erwarte ich auch diese morgens in meinem Briefkasten vorzufinden, nicht den Kicker. Den Fernseher, ein Schlachtschiff der Marke Philips Goya von enormem Gewicht, der mir seit den siebziger Jahren treue Dienste leistet, habe ich ausgestöpselt. Mir reicht’s: Seit Wochen empfange ich auf allen Kanälen ein gleichgeschaltetes Einheitsprogramm, das in einer Endlosschleife von morgens früh bis spät in die Nacht gesendet wird, eine Art DSDDS – Deutschland sucht den Dauer-Dampfschwafler. Die Finalisten heißen Günter, Waldi und Olli, und sie labern und labern und labern. Gelegentlich unterbricht der Werbespot einer Bierbrauerei oder eines Baumarktes ihr Gerödel. Manchmal wird auch ein bewegtes Pausenbild eingeblendet, keine Zierfische im Aquarium wie sonst immer, sondern eine Grünfläche, auf der erwachsene Männer in bunten Hemdchen und kurzen Hosen hinter einem Ball herrennen. Dafür zahle ich keine Gebühren. Schluss mit „Schau’n mer mal“.

Meinen Goya habe ich für den Fall der Fälle auf den Sims meines Wohnzimmerfensters gehievt. Die Fenster meiner Wohnung sind die einzigen in der Straße ohne Fahnen. Meine Nachbarin, eine steinalte, lederzähe Landserwitwe, schwelgt in Erinnerungen an den Einmarsch der Wehrmacht in Paris. Dies sei, soweit sie sich entsinne, das letzte Mal gewesen, dass Generalbeflaggung angeordnet war.

Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite, befindet sich ein von Kneipen gesäumter Campus, auf dem seit zwei Wochen eine Kinoleinwand steht, auf der permanent DSDDS läuft.
Der Campus scheint die Kult- und/oder Opferstätte einer mir fremden, primitiven Religion zu sein, der Horden menschenähnlicher Lebewesen zuströmen. Sie alle sind ähnlich gekleidet, überwiegend in Weiß, viele mit schwarzrotgoldenen Hawaii-Ketten um den Hals. Manche, offensichtlich die Medizinmänner, tragen dazu einen Ganzkörperumhang in eben diesen Farben sowie einen ebenfalls derartig gestreiften, breitkrempigen, etwa 30 Zentimeter hohen Zylinder aus samtartigem Stoff, auf dessen Dach drei schwarzweiß gescheckte Bällchen befestigt sind. Etliche, vermutlich Angehörige ihrer Kriegerkaste, haben ihre Gesichter mit einer Kriegsbemalung versehen. Ich befürchte, diese Wesen könnten meine nackten Fenster als Provokation, ja Defätismus, oder sagen wir besser, da sie diese Worte nicht verstehen dürften, als Lästerung ihres Gottes auffassen und ins Haus stürmen wollen.

So ungern ich meinen geliebten Goya opfere, aber da ich es leider aus einer sentimentalen Jugendtorheit heraus, die begangen zu haben mich in Situationen wie dieser besonders reut, verweigert habe, mich auf Staatskosten am Schnellfeuergewehr und im Nahkampf ausbilden zu lassen, ist er die einzige Waffe, die mir im Kampf gegen diese Fanatiker bleibt. Zwei bis drei der Wesen dürfte er beim Aufschlagen zermalmen. Da seine Braunsche Röhre zuerst implodiert, bevor sie explodiert, rechne ich damit, dass einige der ahnungslosen Wesen sich bereits genähert haben, um Erste Hilfe zu leisten, wenn dann die Wolke aus Scherben und Glaspartikeln nach allen Seiten aus dem Kasten heraus in ihre verdutzten Gesichter birst.
In dem Durcheinander aus Blut und Schreien gelingt mir dann hoffentlich die Flucht. Nur wohin? Selbst an der Eingangstür meiner Stammkneipe hängt mittlerweile ein schwarzes Quadrat mit ihrem Runenzeichen: „SKY“.

Es gibt kein Refugium. Sie sind überall. Sie ziehen in Trupps durch die Straßen. Sie drehen im Autokorso unter infernalischem Gehupe zahllose Runden im Verkehrskreisel. Sie rotten sich auf den Plätzen der Stadt zu Hunderten zusammen. Sie lungern auf den Terrassen der Cafés. Auf den Holzbänken der Biergärten sitzen sie, vor der Eisdiele und der Currywurstbude. Sie sehen sich nicht an, sie starren alle in eine Richtung, auf den Altar, in dem das Pausenbild von DSDDS flimmert. Überall stehen ihre Altäre. Sie sitzen davor und schweigen, dann plötzlich stöhnen sie auf – „Ahh“. Manchmal singen sie. Ganz unvermittelt setzen sie alle gemeinsam ein, wie auf den Wink eines unsichtbaren Dirigenten hin. Allerdings darf das Wort „singen“ nicht im Sinne eines Belcanto oder gar der hohen Kunst des Jazzgesangs etwa eines Mel Tormé oder einer Sarah Vaughan verstanden werden. Es handelt sich eher um den Wechsel zwischen einem Rezitativ, den wiederholt hinausgeblökten Wortfetzen „Tschland! Tschland!“ und kurzen, riffartig wiederholten Gesangseinlagen in simpelster Melodik und mit einfach gesetzten, selbst im Zustand völliger Trunkenheit noch memorier- und artikulierbaren Worten: „Oleeh! … Oleh! Oleh! Oleh! … Oleeeeeeh! … Oleeeeeeh!“

Etliche von ihnen führen ein aus Plastik gefertigtes Blasrohr mit sich, das sie Vuvuzela nennen. Etymologen nehmen an, dass das Wort Vuvuzela entweder aus der Bantusprache isiZulu stammt und „Krach machen“ bedeutet, oder ein Slang-Wort aus den Townships Südafrikas ist und so viel wie „jemanden in Musik duschen“ meint. An der Wahrheitsnähe beider Theorien scheinen mir Zweifel angebracht. Ist Vuvuzela nicht vielleicht doch eine onomatopoetische Reverenz an den Gründer-Guru ihrer Religion, an Uwe Seeler? Seeler selbst verwies auf den sakralen Charakter des Rohres, als er in einem Interview mit Radio FFH erläuterte, dass es kaum einem Sterblichen gegeben ist, der Vuvuzela Klänge zu entlocken, die auf eine irgendwie geartete Tonalität schließen lassen: „Das ist gar nicht so einfach, da scharfe Töne rauszubekommen, da gibt es auch eine Technik dafür, damit die Töne auch dementsprechend schrill und laut rauskommen.“ Worin diese Technik besteht, verriet Seeler nicht.
Verhält es sich mit der Vuvuzela vielleicht ähnlich wie mit dem Schwert Excalibur? Wer es aus dem Stein ziehen konnte, in dem es steckte, war rechtmäßiger König Britanniens. Wird derjenige, der es versteht, Musik aus der Vuvuzela herauszuholen, zum rechtmäßigen Nachfolger des Ehrennationaltröters?

Und so blasen sie sich und uns um den Verstand. Über Stadt und Dorf, in allen Stadien, aus jedem Fernseher, jedem Radio brummt der Bordun dieser biblischen Plage. Was waren die Heuschrecken, die Gott über Ägypten sandte, auf „dass sie das Land bedecken, also dass man das Land nicht sehen könne“, gegen diesen Flatus aus Millionen Mammuthintern?

Selbst Jazzmusiker beteiligen sich an diesem Giga-Gefurze: Wolfgang Puschnig, Saxophonist im Vienna Art Orchestra, hat gemeinsam mit dem in Kapstadt lebenden spanischen Musikpädagogen Petro Espi Sanchis das erste Vuvuzela-Orchester Österreichs ins Leben gerufen. Dessen sechs Musiker rekrutieren sich aus einem Vuvuzela-Workshop, den das Institut für Popularmusik der Musikuniversität Wien im März kostenlos angeboten hatte. „Die Vuvuzela ist definitiv mehr als ein Krachmacher“, erklärte Puschnig am 16. Juni in der Wiener Zeitung „Der Standard“.

Aus Tirol erreicht uns eine weitere Schreckensmeldung: In der Gemeinde Hötting haben Mitglieder der Stadtmusikkapelle eine Vuvuzela-Formation gebildet. In der Kleinstadt Barga in der Toskana ließ sich bereits ein Jazzmusiker bei dem Versuch filmen, auf einer Vuvuzela zu improvisieren. Tapfere können sich unter diesem Link http://www.youtube.com/watch?v=XwJbiaUGemg bei Youtube davon überzeugen. Es empfiehlt sich, den Ton abzudrehen.

Das Stabsmusikkorps der Bundeswehr erbrachte beim letzten Zapfenstreich für Bundespräsident Horst Köhler den Beweis, dass es – härtesten militärischen Musikdrill vorausgesetzt – sogar möglich ist, Trompeten und Posaunen wie Vuvuzelas klingen zu lassen. Tapfere können sich unter diesem Link http://www.youtube.com/watch?v=kunUKlb49VU bei Youtube davon überzeugen. Es empfiehlt sich, den Ton abzudrehen.

Köhler, offensichtlich einer von uns Homosapiensern, hatte sich den „St. Louis Blues“ gewünscht. Bei der Performance seiner Blechtrötenarmee verzog er keine Miene. Sollte es doch noch irgendwo Tulazelas geben? Tulazelas, auch Vuvu-Stopper genannt, sind spezielle Ohrstöpsel, die den einzig wirksamen Schutz bieten. Sie gelten seit Wochen als ausverkauft.

Es werden mehr und mehr. Sie kommen näher und näher. – Ich rufe das Rote Kreuz! Ich rufe die Vereinten Nationen! Ihr Völker der Welt, holt mich hier raus! Schmeißt wenigstens Vuvu-Stopper vom Himmel! Der Herr schenke uns allen Ohrenlider. Weh mir, ich kann nicht mehr und wollt‘, ich wär‘ woanders. Gott helfe mir, Amen.

Uwe Wiedenstried

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1 Kommentar zu „Vuvu-Köhler“

  1. Köstlich. Bin selbst glühender Fußballfan, aber dieser Text trifft einfach so dermaßen ins Schwarze. Daumen hoch :-)

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