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Lorenz Hargassner

Vor kurzem habe ich wieder einmal ein Konzert in meiner Heimatstadt gespielt. Nachdem ich über die Weihnachtsfeiertage eine für meine Verhältnisse längere Pause vom „Konzertbetrieb“ genommen hatte, war ich für mein Gefühl etwas aus der Übung, was die Abläufe und typischen Spannungsbögen eines solchen Ereignisses betrifft. Und daher traf mich die Erfahrung umso unmittelbarer, was mir wieder bewusst machte, was das eigentlich heißt, ein Konzert zu geben.

Es ist nämlich nicht so, wie es vor einiger Zeit einer meiner „Mitblogger“ in diesem Forum dargestellt hat: Dass Musiker heutzutage erst direkt vom sprichwörtlichen Yoga-Kurs nach einem glattgebügelten Tagesablauf ihre geübten Skalen in den Jazz-Raum stellen. So ein Konzert ist immer eine Herausforderung, die ihre Schatten vorauswirft und später noch welche nach sich zieht. Um das nachvollziehbar zu machen, beschreibe ich ein solches Erlebnis in dieser fiktiven Tagebucheintragung.

Freitag

Konnte schon vor Sonnenaufgang nicht mehr schlafen. Mögliche Ansagen sind mir durch den Kopf gegangen. Wie erkläre ich nur, dass einer meiner Mitmusiker, dessentwegen sicher einige mehr Leute zum Gig kommen, verhindert ist? Den wahren Grund kann ich schlecht nennen, das würde das Publikum nicht verstehen. Über die finanzielle Seite dieses Konzerts machen die sich ja auch keine Gedanken. Schließlich haben sie Eintritt gezahlt, und das Programm zeigt illustre Gäste, den ganzen Monat lang. Wenn die das alle machen, wird das schon gut sein. Ist ja auch gut, dass sie diese Illusion haben.

Immerhin ist die Probe mit dem Ersatzmann jetzt am Vormittag schon mal gut gelaufen. Wenigstens der Teil scheint zu funktionieren. Aber wenn es doch nur eine gute Probe war und das Ganze dann bei der Performance anders aussieht? Hoffentlich geht das gut. Ich muss jetzt noch schnell eine Rund-SMS schreiben und eine eMail an alle von hier schicken. Dann facebook und myspace.

Bin schon den ganzen Tag angespannt und werde immer nervöser. Habe ich an alles gedacht? Muss mit meiner Freundin noch streiten, die zeitliche Aufteilung passt ihr wieder nicht, sie fühlt sich vernachlässigt. Ich muss doch das Konzert noch vorbereiten! Ich kann mich jetzt nicht durchsetzen. Sie ist halt auch krank, muss man auch sehen. Okay, dann kümmere ich mich eben um unsere Kleine diesen Nachmittag. Ich habe eigentlich gar keinen Kopf dafür. Dann muss das jetzt eben alles parallel gehen…

Ich muss mir jetzt endlich eine Setliste überlegen! Wir können in der Besetzung ja nicht so spielen wie immer. Außerdem muss ich dann ja noch die GEMA-Liste fertig machen – sonst geht das, was der Club heute an Tantiemen pauschal zahlt, nur in den „Topf“ und wird wieder an die Großverdiener verteilt. Wieso dauert das so lang, ich muss doch schon bald los und habe noch nicht mal gepackt! Was brauche ich noch mal? Noten für alle, Notenständer, Instrumentenständer, soll ich die Flöte jetzt doch verwenden für die eine Nummer? – CDs für den Verkauf von der Bühne, Plakate und Flyer, Materialien von meinem Endorsement, was ziehe ich an, Mist, das Hemd ist noch in der Wäsche. Egal, dann das andere, und ab! Wie komme ich da eigentlich ohne Auto hin?

Die anderen Musiker sind wenigstens schon alle da und haben sich schon eingerichtet, wir müssen noch proben, aber es ist viel zu wenig Zeit, in 20 Minuten wird die Tür aufgemacht. Ob überhaupt Leute kommen? Wer wollte eigentlich noch mal auf die Gästeliste? Das eine Stück schaffen wir nicht mehr, das müssen wir eben so spielen. Hoffentlich klappt das, in den letzten Proben war es immer Glückssache. Ist vielleicht doch zu schwer für uns. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. Die Tür ist auf, wir müssen schnell von der Bühne.

Jetzt noch mal alles durchgehen. Was sage ich bloß wegen des fehlenden Musikers? Es ist volle, als erwartet, das ist sicher nur seinetwegen. Wie erkläre ich das denen jetzt? Erst mal umziehen. In 10 Minuten geht’s los, hat der Veranstalter gesagt. Funktionieren meine Instrumente auch? Bei dem einen bin ich mir nicht sicher.

Jetzt raus da. Fühlt sich seltsam an. Wo ich herkomme, gibt es mehr Vorschußlorbeeren. Immer diese drögen Norddeutschen! Ist schon anders, in der Besetzung, ich muss mehr tragen. O je, die Ansage wegen des fehlenden Musikers war nicht gelungen. Jetzt habe ich die ganze Zeit das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, das ist nicht gut. Irgendwie fühle ich mich nicht wohl auf der Bühne, das kenn ich ganz anders. Wie finden die Leute denn die Musik? Eigentlich spielen wir doch sogar besser als erwartet. Läuft noch besser als bei der Probe. Warum ist der Applaus so verhalten? Sind das wieder die Norddeutschen oder bestätigt das meinen Verdacht, dass die Leute enttäuscht sind über das geänderte Line-Up? So, das erste Set ist überstanden, schnell in den Backstage.

In der Pause fragt mich einer der Musiker, ob ich mich nicht wohlgefühlt hätte. Mist, also hat man’s gemerkt. Ich muss jetzt endlich runterkommen und mich entspannen, sonst wird das nix mehr! Die Pause ist auch gleich rum. Dann noch schnell das zweite Set durchsprechen und ab die Post.

Jetzt läuft’s endlich. Das Programm sitzt und wir spielen gut. Ich habe auch den einen oder anderen Lacher auf meiner Seite bei den Ansagen, es kommt was zurück. Trotzdem gehen einige früher raus, spielen wir zu lange? Der Schlussapplaus ist gut, wir spielen auch noch unsere Zugabe und die klappt wunderbar. Verbeugen, danke, und wieder in den Backstage.

Jetzt fällt einiges von mir ab. Ich muss noch die GEMA klären und die Abrechnung mit dem Veranstalter machen. Das geht aber schnell, viel ist da auch nicht zu machen – nachdem ich das Geld so an meine Mitmusiker verteilt habe, wie ich es fair für sie finde, bleibt für mich fast nichts über. Egal, wir haben doch so gut gespielt! Was tut man nicht alles für die Kunst. Erst mal trinken wir noch was, dann besprechen wir, wie’s gelaufen ist, irgendwann schmeißen uns die Leute aus dem Club raus, ist ja auch schon spät. Die anderen fahren nach Hause, ich werde noch mitgenommen und komme leise in die Wohnung.

Dort ist es mucksmäuschenstill. So aufgekratzt, wie ich bin, kann ich aber jetzt nicht schlafen. Ich sitze noch eine ganze Stunde alleine am Küchentisch ohne etwas zu tun und lasse das nachschwingen. Die Ansage im ersten Set war nicht gut, ich muss lernen, mit so einer Situation anders umzugehen. Ich lese die Ankündigung im Flyer des Veranstalters. Haben wir das, was da versprochen wurde, auch gehalten? Mein Anspruch sieht eigentlich noch ganz anders aus. Aber am Ende hat es den Leuten ja gefallen, die Rückmeldungen waren dann doch besser als gedacht. Wahrscheinlich sind die hier eben so, die Norddeutschen. Im Grunde meines Herzens werde ich sie wahrscheinlich nie verstehen.

Mit gemischten Gefühlen falle ich ins Bett. Froh, das irgendwie überstanden zu haben, und dankbar für einige großartige musikalische und emotionale Momente. Aber unzufrieden über einige Dinge, die ich hätte besser machen können.

Samstag

Habe bis Mittag durchgeschlafen und wurde nur von meiner Freundin und ihren Klavierübungen geweckt. Hänge den ganzen Tag in den Seilen. Dennoch ist eines klar: Ich bin überglücklich, gestern wieder gespielt zu haben, und freue mich schon auf das nächste Konzert! Schade, dass es noch so lange dauert, bis wir in derselben Besetzung wieder auftreten, noch einen Monat, dazwischen sind wieder andere Sachen. Aber ich könnte jeden Tag so erleben wie gestern! Ein Hochgefühl steigt in mir auf.

„Ein bisschen verrückt muss man schon sein“, hat mir der Saxofonist Matthias Schubert mal gesagt, als wir über das Musikmachen gesprochen haben. Und eigentlich ist es ja verrückt, alles zu geben, und das ja nicht nur am Konzertabend, sondern das ganze Leben lang, um solche Konzertabende überhaupt möglich zu machen. Nicht nur, weil Organisation und Kreativität sich manchmal im Weg stehen, obwohl sie sich an anderen Stellen wunderbar ergänzen können. Sondern auch, weil nur sehr selten eine entsprechende Wertschätzung zurückkommt für das, was gegeben wird. Nämlich oft das letzte Hemd und der volle Einsatz. Alles, was man eben zu geben hat.

Eine Woche später bin ich mit meinem Quartett nach Berlin gefahren. An diesem Tag stellte sich der härteste Wintereinbruch ein, den ich in den letzten Jahren hier erlebt habe. Wir haben zwei Stunden gebraucht, um überhaupt aus Hamburg rauszukommen, es war ein einziges Gerutsche und Im-Stau-Stehen. Noch bevor wir überhaupt auf der Autobahn waren, haben wir überlegt, ob wir das Konzert absagen müssen. Dennoch haben wir es irgendwie über die völlig verschneite Rutsch-Autobahn nach Berlin geschafft. Über 6 Stunden haben wir gebraucht und sind, ohne richtig anzukommen, sofort auf die Bühne. Kein Soundcheck, keine Absprachen. Es war eines der besten Konzerte, die wir in dieser Besetzung je gegeben haben. Am nächsten Tag hatte ich einen Workshop in Hamburg, also mussten wir noch am Abend über die Eispiste wieder zurück. Um halb sechs Uhr morgens waren wir da, mein Workshop begann um 10. Danach war ich todmüde, aber überglücklich.

Es muss Liebe sein!

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1 Kommentar zu „Tourblog 2: Warum eigentlich?“

  1. ok, der tigerenten blues sei dir verziehen :-) schoen beschrieben. LG, Djanog

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