Martin Schüller

Ein verkanntes Phänomen, das bisher nur in den notorisch verseuchten Sümpfen der Elektronik- und Rockmusik vermutet wurde. Doch nun packen immer mehr Musiker aus, und die Tatsache kann nicht länger geleugnet werden: Im Jazz wird gedopt!

Claude L. (Name geändert), in Köln ansässiger französischer Posaunist, hat lange gezögert, bis er einem Interview mit uns zustimmte. Wir trafen ihn in einem Café in einem Kölner Vorort.

»Wer behauptet, nichts gewusst zu haben, macht sich lächerlich«, sagt der schmächtige Enddreißiger und nippt an seinem Mineralwasser. Es sei in der Szene ein offenes Geheimnis, dass »mehr oder weniger alle«, so L., Mittel zur Leistungs- und Inspirationssteigerung nehmen. »Es ist vielleicht ein Unterschied, ob du in Clubs oder in Hallen auftrittst, auf Tour bist oder im Studio, ob du Schlagzeuger bist oder Bläser, aber letztlich gibt es immer ein Mittel der Wahl.« Schon ambitionierte Amateure greifen zu chemischer Unterstützung, um sich über den Auftritt zu bringen. »In jedem Stück ein Solo, und das jeden Abend. Wer glaubt, das kriegt man mit Limonade hin, macht sich was vor!«, sagt L. »Die großen Drei nimmt faktisch jeder.« Die großen Drei: Szenejargon für Alkohol, Koffein, Nikotin. Jederzeit verfügbar, faktisch nie kontrolliert. »Aber es gibt jede Menge härteren Stoff«, fügt L. hinzu. Er weigert sich, konkreter zu werden, aber dass er von Cannabis oder gar harten, halluzinogenen Drogen redet, will er auch nicht dementieren.

Schlagzeuger Hendrik S. ist einer der wenigen, die Doping offen eingestehen: »Ich hab heute sieben Stunden geübt, drei davon besoffen«, sagte er uns gegenüber. Eine bemerkenswerte Offenheit, entschuldigen sich Ertappte doch sonst regelmäßig damit, dass Nahrungsergänzungsmittel wie z.B. Gerstensaft vom Hersteller mit Alkohol verunreinigt worden seien.

Ebenfalls bemerkenswert, wie nonchalant die Künstler mit ihrer Gesundheit und – vor allem – ihrer Vorbildfunktion umgehen: »Alkohol ist bei mir seit meiner Amateurzeit im Spiel«, so S. Er grinst dabei.
Einige Kritiker fragen, ob es nicht verständlich sei, dass junge, ehrgeizige Musiker beim Versuch, über ihre Grenzen hinauszugehen, mitunter zu fragwürdigen Mitteln greifen. Wir meinen: verständlich vielleicht, aber kaum verzeihlich! Nach neueren amerikanischen Recherchen soll sogar Charlie Parker bei seinem legendären Solo in »Loverman« gedopt gewesen sein. Parker wurde übrigens nur 34 Jahre alt.

Muss die Geschichte des Jazz neu geschrieben werden? Es steht zu befürchten.

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1 Kommentar zu „Ruinen des guten Glaubens“

  1. Der Artikel kann nur ironisch gemeint sein, oder? … dann aber nich sehr originell …

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