ELBJAZZ 2018

Pit Huber

Beim Wort „Jazzballade“ fängt’s schon an. Eine Ballade ist so was wie Schillers „Fest gemauert in der Erden, / Damon, den Dolch im Gewande“. Heruntergeleierte Schulverse, Hinterhof-Moritaten und Küchenlieder wie „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“. Auch der Trad-Song „Frankie And Johnny“ ist eine Erzählballade; Satchmo, Basie, der Duke haben ihn aufgenommen, ebenso Elvis, Dylan, Leadbelly. Die Storys, die der Blues berichtet, sind oft balladenhaft. Aber Gershwin-Songs sind es nie. Nicht mal „balladesk“, wie das die Oberschlauen nennen.
 
Was im Jazz „Ballade“ oder „ballad“ heißt, ist gewöhnlich keine Ballade, sondern ein Liebeslied aus einem Broadway-Musical oder Hollywood-Film. Und im Liebeslied geht es nicht um den Dolch im Gewand und nicht um Bolles Pfingstabenteuer, sondern um die Liebe – die neu erwachte, die immer währende, die hoffnungsvolle, die hoffnungslose, die verschwiegene, die verzweifelte, eben die Liebe. „Wie sagt man ‚Ich liebe dich‘ in 32 Takten?“ Das ist die Frage, vor der die Broadway-Texter standen.
 
In den klassischen Zeiten des Jazz spielte man solche musikalischen Liebeserklärungen – fälschlich Balladen genannt – meist „for the ladies“. Man wollte damit die Frauenherzen erobern, Gefühle wachkitzeln, den I-love-you-Songtext anzapfen. Wer seine Balladen auf dem Saxofon sentimental genug ablieferte, sozusagen auf herzschmelzendem Telenovela-Niveau, hatte nach dem Gig die freie Damenwahl. So wie einst die besten Troubadours des Minnesangs. Die Ballade war Verführung per Jazz.
 
Weil Jazz aber bitte anspruchsvoll zu sein hat und die Jazzpolizei nie schläft, hat sich irgendein Witzbold – sagen wir mal: es war Dexter Gordon – etwas Schlaues ausgedacht. Er erzählte den Kritikern, das Balladenspiel sei nicht etwa platte Anmache, sondern sogar eine ganz besonders kunstvolle Jazzkunst. Tiefsinnig, tiefinnig, tiefbedeutend. Die selbst ernannten Jazzauskenner glaubten das nicht nur, sondern machten daraus einen Sport: den Balladen-Analysesport. Fortan erkannten sie immer genau, wie besonders tiefsinnig ein Musiker in einer „Ballade“ die Melodie variiert, wie besonders tiefinnig er die unhörbaren Worte ausdeutet, wie besonders tiefbedeutend er Brücken zwischen den Akkorden schlägt. Thematische Stringenz! Melodische Geschlossenheit! Motivischer Bogen! Harmonischer Übergang! Intelligente Pausen! Schiere Gefühlsabgründe!
 
Wer ein Meister der bequemen Ballade werden wollte, musste also zuallererst Reife besitzen: Musikerfahrung und Lebenserfahrung. Ein Balladen-Album von einem Zwanzigjährigen? Höchst suspekt! Aber auch der Hörer braucht Reife. Früher langweilten mich Balladen einfach. Warum, so fragte ich mich, sollte man Jazz langsam spielen, wenn er doch schnell gespielt viel mehr Virtuosität, Gedankenschnelle, Witz, Energie und Verblüffung versprüht? Klar: Ich besaß nicht die nötige Reife. Später fand ich Balladen mal eine Zeit lang ganz interessant, weil man da auch in übermüdetem und beschwipstem Zustand noch gut mitkriegt, was passiert. Da war ich dann also endlich balladenreif.
 
Heute bin ich wohl überreif. Warum, so frage ich mich wieder, sollte man Jazz langsam spielen? Selbst bei Charlie Parker erreicht ein langsames Stück, wenn man es schneller ablaufen lässt, gerade mal so das musikalische Niveau seiner schnellen Bebop-Titel. Die beste „Ballade“ ist wie ein Uptempo, nur irgendwie abgeschlafft. Immerhin: Zwischen Parkers 3-Minuten-Rasern mit 300 bpm kann ein langsameres Tempo mal eine willkommene Erholung sein. Und das ist ja auch schon was, wenn auch nicht viel.
 
Pit Huber

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